Wilhelm Bartsch: Geistergeschichten

»… und während ich dies nun schreibe,
wird mir bewußt, daß ich schon an diesem ersten
Tag durch ein Loch in der Erde rutschte,
daß ich landete, wo ich nie zuvor gewesen war.«
Paul Auster, Hinter verschlossenen Türen

»… hier liegen ungeheure Haufen alter Enden,
die drehe zusammen; aber hüte dich: wenn du
saumselig spinnst, oder der Faden reißt, so schlingen
sich die Fäden um dich her und ersticken dich.«
Novalis, Heinrich von Ofterdingen

Charlottenburg:  Amerikatz hatte ihn verkehrt herum aufgehängt und sofort gesehen, dass er dadurch viel mehr war als Kunst. Nämlich die Einladung, jemand ganz Bestimmten sehr tief unter die Erde zu bringen, und zwar auf die grausige Weise der alten Cherokee. Ein schnurgerader dunkler Blitz schießt auf ihrem nächtlichen Schnappschuss von der Brooklynbridge aus tief hinab und wird sich, so fühlt man es gleich, unterwegs mit allen Stufen der Finsternis aufladen.

Der abgrundtiefe Fall Luzifers zeige nur, was in uns allen, wirklich in uns allen stecke, hatte Amerikatz später zu mir gesagt. Es wäre wie eine düstere Erleuchtung im Sekundenbruchteil gewesen, eine Gewissheit, die da längst keine Worte mehr gebraucht hätte.
Der nächtliche Schnappschuss zeigt die fahl erleuchteten Brückenseile auf der Manhattanseite. Verkehrt herum aufgehängt verbreiten die Stahlseile jedoch eine Titanicstimmung wie in die Tiefe sinkende Geländer oder das Netz eines Spinnenungeheuers. Was dahinter ja eigentlich den Nachthimmel abbildet, erscheint hier zwingend als ein nach unten hin abnehmendes Licht, und das weht einen sofort an wie eine Nahtoderfahrung, während aus dem oberen Bildrand das strahlende Märchen des Lebens verschwindet. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 183)

© Wilhelm Bartsch: »AMERIKATZ. Ein abgrundtiefer Fall.« Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Osburg Verlags, Hamburg 2015

Wilhelm Bartsch, geb. 1950, ist Schriftsteller, Dichter und Übersetzer. Er ist Mitglied des PEN und der Sächsischen Akademie der Künste. Zuletzt erschien »Das bisschen Zeug zur Ewigkeit«.

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