Widad Nabi – Eine Frau am Spreeufer

Geschichte und Gedichte

Am Spreeufer sitze ich dem alten Berliner Dom gegenüber zwischen drei Frauenstatuen. Rechts von mir steht eine nackte Frau, ihre Hand ruht auf dem Knie, ihre Gesichtszüge sind traurig und einsam, als ob sie eine alte Wunde in sich tragen würde, die sie nicht berühren kann, um sie zu heilen.
Links von mir die zweite nackte Frau, die auf den Fluss vor ihr schaut, als ob er weit weg zu ihrem Land fließt, das sie verloren hat. Sie scheint über den Verlust nachzudenken, und es ist, als würden ihre Marmorlippen einen Vers aus Brechts Gedicht »Gedanken über die Dauer des Exils« vortragen:

»Schlage keinen Nagel in die Wand
Wirf den Rock auf den Stuhl
[…]
Du kehrst morgen zurück.«

Ich denke: Wenn ich an der Stelle dieser Frau wäre, könnte der neue Ort für mich zur Heimat werden? Ist es tatsächlich unmöglich, die Geborgenheit des alten Ortes wiederzugewinnen? Wenn das so wäre, müssten wir jede neue Möglichkeit, aus den ­Ruinen aufzuerstehen, von vornherein als Niederlage ansehen. Jeder Ort hat eine Seele, die uns aufnehmen kann, um ein neues Leben zu schaffen und ein Gedächtnis voll Liebe, Angst, Wünschen, Trauer, Wei­nen und Lachen, als wären wir neu geboren.

Bei einer Lesung im Berliner Literaturhaus fragte eine Zuhörerin, was wir mit unseren Büchern gemacht hätten, als wir unser Land verließen. Die Frage öffnete eine Tür zu alten, unheilbaren Wunden. Ich habe all meine Bücher zurückgelassen. Es war keine große Bibliothek; ich hatte die meisten Bücher in der Pubertät von meinem Taschengeld gekauft, und der Rest waren Geschenke von Freunden, die nun durch den Krieg in alle Winde zerstreut sind.

Ich ließ diese Bücher ebenso hinter mir wie meine Familie, mein Haus und meine Stadt.

Das kleine Boot, das uns ans andere Meeresufer brachte, konnte nicht so viel Gewicht tragen. Niemand weiß hier, dass das Meer keine Bücher mag und auch keine privaten Dinge. Sogar das Bild meines Vaters schluckte das Meer, obwohl es so leicht war.

Als ich in Berlin ankam, wohnte ich sechs Monate lang in einem kleinen, armseligen Zimmer in einem Heim.

Das Zimmer sah aus wie ein Gefängnis, wie die Armenhäuser, aus denen überall Menschen fliehen. Also wollte ich das Zimmer mit Wärme und Geborgenheit füllen. Ich kaufte einige Bücher auf Deutsch, obwohl ich damals noch kein Wort Deutsch verstand. Schon die Titel der Bücher waren für mich rätselhaft, als ob sie ein Geheimnis enthielten. Aber schließlich waren es alle elegante und schöne Bücher. Sie verliehen meinem Zimmer etwas von der Schönheit und Geborgenheit, die mir fehlte.

In den langen einsamen Nächten blickte ich traurig auf das Bücherregal, auf die Bücher, die ich gekauft hatte, ohne ihre Sprache zu verstehen. Sie gaben mir die Ruhe, die ich brauchte, als handelte es sich um alte Freunde. Die Bücher konnten den neuen Ort vertrauter machen und verliehen der Fremde eine menschliche Dimension.

Darum schlendere ich durch Berliner Buchläden. Obwohl ich der deut­schen Sprache noch nicht wirklich mächtig bin, gibt mir das Stöbern in den Büchern eine Seelenruhe, die im städtischen Getriebe fehlt.

Meist besuche ich die Uni-Bibliothek Grimm, um Deutsch zu lernen oder arabische Bücher zu lesen. Oft schreibe ich Notizen in mein Heft. Ich sitze zwischen Tausenden von Büchern und fühle mich zu Hause wie eine Katze, die an ihrem gewohnten Platz hockt. Wie viele Male war ich traurig, weil ich meine Ringe auf dem Tisch dort vergaß. Mein Freund sagt zu mir: »Eines Tages wirst du nicht nur die Ringe, sondern auch dein Herz in der Bibliothek verlieren.«

So fand ich mich bei den drei Frauenstatuen wieder. Wir stritten über Brechts Idee, das Exil sei ein neuer Ort, in dem man von Neuem beginnen könne. Zumindest können wir versuchen, uns der Verlustangst nicht hinzugeben, kleine Welten zu erschaffen, die uns die Wärme einer anderen Heimat geben oder uns wenigstens über unsere Verluste trösten.

Im vergangenen September ist auf Spiegel online ein Artikel von mir erschienen unter dem Titel »Integration ist kein Kleidungsstück, das wir einfach überziehen«. Es gab unterschiedliche Leserreaktionen per E-Mail oder in den sozialen Medien.

Manche waren positiv, andere negativ. Für mich war das Gefühl wichtig, dass ich durch ein literarisches Essay, das diskutiert wurde, zu einer Bewohnerin dieses neuen Landes geworden war.

Das Schreiben kann neue Zugehörigkeiten schaffen, es treibt mich voran und verringert die Gefühle der Nostalgie. Hier oder dort, wo auch immer, kann man schreiben, und es kann ein kleines Zuhause für uns sein und auch für die Leser, vielleicht auch für jene stillen Frauen am Spreeufer. Vielleicht sind sie eine Erinnerung an die »Trümmerfrauen«, die nach dem Krieg aus den Ruinen des Krieges in Deutschland eine neue Welt geschaffen haben.

Bei einer Lesung der Heinrich-Böll-Stiftung in Heidelberg fragte mich eine Frau aus dem Publikum, warum in meinen Gedichten so oft die Buche auftaucht. Ich erzählte ihr, dass der türkische Dichter Nâzim Hikmet die Buche in einem Gedicht über seine Sehnsucht nach der Heimat erwähnt. Immer wenn ich eine Buche sehe, erinnere ich mich an das Gedicht von Nâzim Hikmet und an meine Heimat. Die Buche ist ein Andenken an all das, was ich verloren habe.

Als die Lesung zu Ende gegangen war, verließ die junge Frau den Raum, kam zurück und reichte mir ein Buchenblatt, das sie draußen gepflückt hatte. Ich nahm das Blatt und umarmte sie herzlich. Ich spürte, dass die Wärme der Heimat auch in der Liebe von anderen liegt, die wir nicht kennen. Was uns verbindet, sind nur tiefe Gefühle über die Bedeutung des Verlusts.

Ich betrachte die Statue der nackten Frauen rechts von mir und stelle fest, dass jeder neue Ort ein neuer Anfang ist, als ob er eine Heimat wäre oder ein kostbarer Ersatz für das alte Leben. (…)

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Widad Nabi, geb. 1985, kam 2015 nach Deutschland und lebt heute als freie Publizistin, Schriftstellerin und Lyrikerin in Berlin. Zuletzt er­schie­nen Gedichte von ihr in dem Band „Die Flügel meines schweren Herzens“.

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