Armin Nassehi: Warum PEGIDA hässlich ist…

Der Soziologe Georg Simmel schrieb vor etwa 100 Jahren: »Die soziale Frage ist nicht nur eine ethische, sondern auch eine ästhetische.« Und es stimmt: Generationen, Schichten, Klassen oder Milieus werden an ihrer Kleidung, an ihrem Geschmack, an ihrer Mode, an ihren Stilen, an ihrer Musik und ihren Konsumgewohnheiten erkannt und bemes­sen. An der Form ihrer Automobile und Kleider, an der Stimmigkeit ihrer Erscheinung, an dem Bild, das sie abgeben, werden sie gemes­sen. Von Armin Mohler, dem rechten Vordenker des Antiliberalismus, stammt der ebenso böse wie schöne Satz, die Liberalen beurteilten die Menschen danach, was sie sagten, nicht danach, was sie seien. Heute würde man wohl eher insinuieren, dass es nicht einmal mehr darauf ankommt, was sie sagen, sondern wie sie aussehen oder welches Bild ihrer selbst sie erzeugen.
Die rechte Forderung nach einer eigentlichen Identität, einer unvordenklichen, einer solchen, die man gar nicht sa­gen muss, ja nicht einmal sagen darf, damit sie funktioniert, hat sich damit überlebt. Nicht einmal liberal im mohlerschen Sinne vermögen wir zu sein, sondern eher postliberal: Was sie sagen, wird gebrochen durch die ästhetische Erscheinung. (…)

Wie hieß es in der Dialektik der Aufklärung? »Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit.« Ähnlichkeit meint: Alles ist auf Augenhöhe, vergleichbar und damit entdramatisiert. Das Eigene wird dabei im­mer wichtiger, aber eben neben vielem anderen Eigenen, das sich wechselseitig kaum ins Gehege kommt. In einer solchen Kultur hat es die Zumutung, sowohl fürs Eigene als auch fürs Ganze zu sprechen, schwer – vor allem ästhetisch. (…)

PEGIDA spielt Mitte und Bürgerlichkeit, kann aber letztlich nicht inszenieren, nicht verheimlichen, was es am Ende dann immer wieder ist: es selbst nämlich. Es ist eine gewisse kulturelle In­kontinenz zu beobachten, die nicht zurückhalten kann, was ans Licht will: eine Unmittelbarkeit, deren stärkster Ausdruck dann eine Form von Gewalt ist, die ganz ohne Interpretationsspielräume auskommt. Wer Körper jenseits der Grenzen bugsieren will, wer Asylbewerberheime anzünden lässt, wer alle anderen für Lügner hält und deshalb lieber schreit als argumentiert, erzeugt eine Eindeutigkeit, die weder das libe­rale Sagen noch das postliberale Bebildern ertragen kann. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 184)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“.

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen.
Den Newsletter des Kursbuchs können Sie hier bestellen:

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *