Leo Fischer: Warum ich links bin …

… und immer noch meine Deutschlehrerin hasse. Im tiefsten Bayern, dort, wo die Sonne schallend lacht und doch nirgendwo niemandem ein Licht aufgeht, da ging ich zur Schule. Meine Eltern hatten genug mit ihrem beruflichen Fortkommen zu tun und überließen es daher mir, meine Ausbildung nach Gutdünken zu planen; sie wollten in erster Linie in Ruhe gelassen werden.

So hatte ich mir aus freien Stücken das humanistische Gymnasium ausgesucht, wegen einer gewissen Begeisterung für das Lateinische. Die wiederum entstammte einem Buch über Sternzeichen, das ich zu diesem Zeitpunkt in der Buchhandlung Bücherwurm erworben hatte. Das Wichtigste an diesem Buch war, dass die Sterne mit radioaktiver Farbe gemalt waren und deshalb im Dunkeln leuchteten (heute würden sich Eltern hüten, ihren Kindern so etwas Schädliches in die Hände zu geben; die Sternzeichenbücher bestehen aus Holz oder werden gleich aufs Tablet geladen). Das Zweitwichtigste waren aber die lateinischen Namen der Sternzeichen selbst, die mir wie aus einer anderen Welt schienen, poetisch und wunderbar sinnlos. Es wollte mir schier nicht in den Kopf, dass die lateinischen Namen dasselbe bedeuten sollten wie ihre deutschen Entsprechungen – darum waren sie doch auf Latein, damit sie etwas gänzlich anderes bedeuteten als im Deutschen. (…)

Leo Fischer, geb. 1981, war von 2008 bis 2013 Chefredakteur der Titanic. Heute schreibt er unter anderem für die taz und die Jungle World. Zuletzt erschien »Niemand sagt’s Angela. Das supergeheime Abhörprojekt der NSA«.

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