Ulrike Guérot – Einmal heißer Krieg – kalter Frieden und zurück

Das Ende der europäischen Friedenserzählung

Grauzonen zwischen Krieg und Frieden in Europa. In seiner Famous Speech (Adolf Hitler style) imitiert Charlie Chaplin Adolf Hitler. Er legt ihm zunächst milde, nachdenkliche Worte über eine bes­sere Welt, Humanität und menschliches Miteinander in den Mund. Irgendwann in der Mitte, kaum merklich, kippt die Rede. Chaplin alias Hitler steigert sich in eine kämpferische Rhetorik hinein, eine Verteidigung der Freiheit und Verurteilung der Ausbeutung der Menschen, die ihrerseits in militärischem Gebaren endet. Die Hand zum Hitlergruß erhoben, jubelt ihm die Menge zu und ist schließlich wieder zum Krieg bereit. Zwischen den Worten und dem, was sie auslösen, liegt ein Graben.

Ein tiefer Graben liegt auch zwischen dem heutigen Europadiskurs als Friedenserzählung und der heutigen europäischen Realität. Das Ver­hältnis von Europa zum Frieden war immer ein brüchiges, der Frieden für Europa immer Leitmotiv, da der Krieg immer latent mitgedacht war. Europas Verhältnis zu Krieg und Frieden ist ein dialektisches, denn jahrhundertelang war der Kontinent von heißen Kriegen geprägt. »Wenn man […] auf der Karte für jeden Krieg, der in Europa je stattgefunden hat, mit einem roten Stift eine Linie zwischen den kriegsführenden Parteien zieht, Schlachtfelder und Frontverläufe markiert, dann verschwindet das Netz der Grenzen völlig unter einem roteingefärbten Feld«, schreibt Robert Menasse im Europäischen Landboten. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 188)

Ulrike Guérot, geb. 1964, ist Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems und Gründerin und Direktorin des »European Democracy Lab« an der European School of Governance in Berlin. Zuletzt erschien „Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie“.

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