Tatjana Schönwälder-Kuntze – Antigones Verletzungen

Anmerkungen zum Gender Trouble bei Judith Butler

1990 war ein wichtiges Jahr für Frauen – der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entscheidet, dass fürderhin Frauen bei den alle zehn Jahre stattfindenden Oberammergauer Passionsfestspielen ungeachtet ihres Alters und Geschlechts gleichberechtigt auf allen Ebenen mitwirken dür­fen. Das war einschneidend. 1990 war auch das Jahr, in dem die Selbstauflösung der Sowjetunion nicht mehr aufzuhalten war – für deren weithin friedlichen Verlauf erhielt Michail Gorbatschow in jenem Dezember den Friedensnobelpreis – und in dem das Apartheidregime in Südafrika entschieden hatte, Nelson Mandela ohne Bedingungen aus der Haft zu entlassen. Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde also nicht nur mit der Besiegelung des Endes des Staatssozialismus ein­geläutet, sondern gleichermaßen mit dem Ende des letzten, explizit auf Rassentrennung beruhenden Staatssystems in Südafrika. Im gleichen Jahr er­schien in den USA Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Iden­tity . Mit leichter Verzögerung erschien auch die deutsche Übersetzung Das Unbehagen der Geschlechter, geschrieben von einer unbekannten US-amerikanischen Philosophin namens Judith Butler.

Sie war zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt und unterrichtete an der George-Washington-Universität als Assistenzprofessorin Philosophie. 1984 war sie mit einer Arbeit über die zeitgenössische französische Hegel-Rezeption in Yale promoviert worden. Ihr Fokus galt der Frage, was die Franzosen aus Hegels (und Spinozas) Vorstellung von Begehren und Anerkennung gemacht hatten. Wen hat das interessiert? Zumindest den Philosophen und Hegel-Kenner Robert Pippin, der eine überschwäng­liche Rezension über die 1987 veröffentlichte Doktorarbeit verfasst hat – aber sonst? Niemanden – bis zu dem Tag, kann man fast sagen, an dem Gender Trouble erschien; ein Buch, das nicht nur Judith Butlers Leben vollständig umgekrempelt hat, sondern irgendwie auch den bis dahin herrschenden feministischen, wenn nicht gar politischen Diskurs überhaupt. Warum? Dazu möchte ich im Folgenden ein paar Über­legungen anstellen, die Butlers Einmischung in die feministische Theoriebildung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als »Ereignis« (in freier Anlehnung an Foucault) auffassen und analysieren.

Warum haben Butlers Analysen solches Gewicht erlangt?

Unter der Prämisse, dass Butler zu einem Kulminationspunkt einer De­batte geworden ist – um die sich auch dieses Kursbuch dreht –, und zwar sowohl die Zustimmung als auch die Ablehnung ihrer Analysen betreffend, lautet meine Leitfrage: Warum konnten Butlers Analysen und Thesen ein solches Gewicht erlangen? Denn eigentlich handelt es sich doch um einen sehr philosophischen Diskurs, der gemeinhin im aka­de­mischen Elfenbeinturm stattfindet und außerhalb seiner Mauern we­nig beachtet wird. Meine erste Vermutung geht dahin, dass Butler zeithistorisch betrachtet mit Gender Trouble in ein gewisses Vakuum vorgestoßen ist, das sich daraus ergeben hat, dass die anderen beiden großen gesellschaftsstrukturierenden Unterscheidungen, oder (Analyse-)Kategorien, um es mit der Historikerin Joan Scott  zu formulieren, gerade institutionell ihre (vermeintliche) Überwindung zur Schau zu stellen schienen: die »Klasse« mit dem Scheitern des Staatssozialismus und die »Rasse« mit der Beendigung des Staatsrassismus. Was blieb, war und ist bis heute die binäre Geschlechterdifferenz – zusammen mit ihrer vielfachen und vielschichtigen theoretischen Legitimation, aber auch institutionellen Verankerung. Und gerade diese Verknüpfung hat Butler vorgeführt – im doppelten Sinne des Wortes.

Das reicht aber nicht aus für eine philosophische Analyse, wie sie Butler vorgelegt hat, um im medialen Aufmerksamkeitswettbewerb die Schwelle der Wahrnehmung zu überschreiten. Deshalb geht meine zweite Vermutung dahin, dass der Butler’sche Text etwas zur Sprache gebracht hat, das für einige oder für viele spürbar, aber eben noch nicht präzise formulierbar war: ein Unbehagen mit gängigen Mainstream­erzäh­lungen des Feminismus, die ihrerseits Ausschlüsse produziert und dadurch zahlreiche Verletzungen erzeugt haben. Soll heißen, dass dieser Text irgendwie als Sprachrohr aufgefasst werden konnte, das ausdrückte oder herausschrie, was viele empfanden, die sich eben gerade nicht im feministischen Diskurs repräsentiert sahen. Wobei dieses Unbehagen aufgrund der entstandenen institutionell-legitimativen Überwin­dung der anderen gesellschaftlichen Strukturierungsmuster vermutlich umso lauter zu hören war und auch gehört werden konnte. Hier gab es noch etwas, das neben »Klasse« und »Rasse« grundlegend philosophischer Analysen bedurfte: Analysen, die jenseits binärer, scheinbar »natürlicher« Körperlichkeit und gesellschaftlicher Bezogenheit argumentierten, indem sie deren legitimatorische Kraft infrage zu stellen wagten. Das Zeitfenster, in dem es möglich war, mit der Geschlechterproblematik auf diese Art und Weise zu reüssieren, war vermutlich sehr klein. Aus dieser Perspektive konnte das Ereignis Gender Trouble also auch statt­finden, weil der Text einfach im geeigneten Moment erschienen war. (…)

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Tatjana Schönwälder-Kuntze, geb. 1966, ist apl. Professorin für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Philosophische Methoden zur Einführung“.

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