Svenja Flaßpöhler – Brief einer Leserin (24)

Mit Interesse verfolge ich die derzeitige Debatte um Organspende, in deren Zentrum ein Vorschlag von Jens Spahn steht, den ich für falsch halte. Vor diesem Hintergrund habe ich Spahns Text im letzten Kursbuch, »Christ und Demokrat in Union«, mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen. Ein Text, in dem der Gesundheitsminister sein Verhältnis zur Religion mit Blick auf seine politische Profession zu fassen versucht.

»Ich bin überzeugter Katholik«, schreibt Spahn direkt zu Beginn und führt aus: »Mein Glaube gibt mir nicht nur spirituellen Halt, umhüllt mich und hält mich seelisch gesund. Die christliche Religion ist auch untrennbar mit unserer Kultur verbunden, dem Humanismus und unserem Menschenbild, das wir Europäer teilen. […] Wo kommen wir her und wohin gehen wir, wie wollen wir uns weiterentwickeln, was in die Zukunft mitnehmen? Und: Welche zivilisatorischen Standards sind uns als Errungenschaften wichtig?«

Während der Lektüre dieser Ausführungen wurde mir immer klarer, wie sehr auch Spahns Position zur Organspende von seinem Glauben beeinflusst und getragen ist. Der Christdemokrat ist Befürworter der sogenannten doppelten Widerspruchslösung. Weil die Zahl der Organ­spenden sehr gering, der Bedarf an Organen aber ungleich höher ist, soll dieser Lösung zufolge jeder automatisch Organspender sein, so er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat. Der Gedanke, der dahinter steht, lässt sich wie folgt umreißen: Als Tote habe ich von mei­nen Organen nichts mehr, sehr wohl aber unter Umständen ein anderer Mensch, der meine Niere oder mein Herz zum Weiterleben notwendig braucht. Dass nur so wenige Menschen ihre Organe spenden, ist deshalb nicht auf eine innere, gut begründbare Überzeugung, sondern schlicht auf Trägheit zurückzuführen – und genau die soll mit der doppelten Widerspruchslösung ausgehebelt werden.

So weit, so nachvollziehbar, möchte man meinen und sieht den chri­s­tologischen Aspekt sogleich klar vor sich: Ist es nicht schlicht ein Ausdruck von Nächstenliebe, wenn ich durch meinen Organspendeausweis potenziell Leben rette? Und steht die doppelte Widerspruchslö­sung nicht eindeutig im Dienst dieses Ideals? Allein, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Eine Organspende, die durch die doppelte Widerspruchslösung erfolgt, ist keineswegs notwendig ein Ausdruck von Nächs­­tenliebe. Denn von einer solchen Liebe getragen ist eine Handlung schließlich nur dann, wenn sie bewusst gewollt wird, was aber bei einem nicht erfolgten Widerspruch keineswegs zwangsläufig der Fall ist. Tatsächlich greift ja bei der doppelten Widerspruchslösung das Träg­­­heitsmoment gleichermaßen: Ein Mensch, der aus welchen Gründen auch immer verpasst, eine Bereitstellung seiner Organe nach dem Tod abzulehnen, ist ja noch lange nicht spendenbereit. Vielleicht hat er sich schlicht nicht mit der ethischen Vielschichtigkeit der Organspende aus­einandergesetzt, die Spahn als überzeugter Katholik leider ebenfalls übersieht.

Womit wir beim springenden Punkt wären. Es ist der Leib-Seele-Dua­lismus, der tief im christlichen Glauben wohnt und für die doppelte Wi­derspruchslösung ebenfalls grundlegend ist. Leib und Seele sind diesem Dualismus zufolge nicht nur klar voneinander unterschieden, die Seele ist dem Leib auch übergeordnet. Christologisch gesehen gilt es, den Leib schon zu Lebzeiten beständig zu transzendieren, nach dem Tod ist er nicht mehr als eine identitätslose Hülle. Unsterblicher Träger von Iden­ti­tät ist einzig die Seele, die dem Leichnam entfleucht. Von diesem Dua­lis­mus ist es nicht mehr weit zu jener Enteignung, die durch die doppelte Widerspruchslösung faktisch erfolgt: Meine Organe gehören nach mei­nem Tod nicht länger (zu) mir, sondern sie gehen über in den Besitz des Staats, der sie für die Organspende freigibt – es sei denn, ich widerspreche.

Schaut man sich das Phänomen Organspende jedoch genauer an, wird schnell klar, dass ein solcher Dualismus die Realität verfehlt. Das Problem beginnt damit, dass ein Körper, dem Organe entnommen wer­den, ja nicht wirklich tot ist, denn dann wären die Organe überhaupt nicht zu gebrauchen. Das Herz-Kreislauf-System eines hirntoten Menschen wird durch künstliche Maßnahmen für eine gewisse Zeit noch aufrechterhalten. Was konkret bedeutet, dass ein hirntoter Mensch zwar nie wieder ins Leben zurückkehren kann, der Körper aber zur Zeit der Organentnahme noch warm ist, die Lunge atmet, das Herz schlägt.

Daran schließt sich die Frage an, ob ein funktionstüchtiges Organ, das transplantiert wird, tatsächlich nur neutrale Materie ist – oder eben nicht doch Träger von Identität. Wenn eines Tages mein Herz in einem anderen Menschen weiterschlagen und dieser Mensch also nur durch mich am Leben bleiben sollte: Werde ich dann nicht unweigerlich zu ei­nem Teil von ihm? Fragen, die tief in die Philosophie des Geistes ­hineinreichen und einen kruden Leib-Seele-Dualismus als klar überholt ausweisen. Vor diesem Hintergrund riet der Deutsche Ethikrat 2015, mit dem Thema Organspende sehr sensibel zu verfahren: »Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, seine individuelle Entscheidung zur Or­gan­spende auf der Grundlage hinreichender Informationen zu treffen«, so heißt es in der Erklärung. Dies unter anderem auch deshalb, weil ein Organspendeausweis schwerlich zu vereinen ist mit dem – durch­aus nachvollziehbaren – Wunsch, nach einem schweren Unfall nicht künstlich am Leben gehalten zu werden. (…)

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Svenja Flaßpöhler, geb. 1954, ist Chefredakteurin des Philosophie Magazins. Zuletzt erschien „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“.