Sven Murmann – Der Kurs des Buches

Neue Erfüllungsorte der Publizität

Wenn man sich heute mit dem Medium Buch, insbesondere dem gedruckten Buch beschäftigt, fühlt man sich wie in einem Museum vergangener, aber noch immer auffälliger Artefakte. Dort sieht man dann Besucher, um deren Hals ein Gerät mit einem integrierten smartphonegroßen Bildschirm baumelt. Einige von ihnen mögen auf Bänken sitzen und sich die Bilder auf ihrem Gerät ansehen, andere vor den Ausstellungsvitrinen stehen und interessiert die Bücher betrachten. Wieder andere haben das Gerät vielleicht erst gar nicht dabei und sind dafür vertieft in die im Lesesaal ausgestellten Bücher.

Entsprechend seiner historisch-politischen Tragweite – im guten wie im schlechten Sinne, also Aufklärungs- und Manipulationsinstrument und als solches wie alle Medienträger inhaltlich opportunistisch – und seiner ungewissen Zukunft werden auf dem Rücken des Buches seit Jahrzehnten verschiedenste Konflikte ausgetragen, die bildungspolitisch, kulturell und ökonomisch zum Teil von scheinbar existenzieller Bedeutung sind. Da wird der Tod des Buches ausgerufen, gleichzeitig das Bücherlesen im Zusammenhang mit empirischer Bildungsforschung zur staatsbürgerlichen Daseinsvorsorge erklärt, und Buchmarkt, Autoren, Verlage und Buchhändler sorgen sich aufgrund nicht mehr wegzudiskutierender Wachstumsgrenzen um ihre wirtschaftliche Existenz. Es gibt kaum ein Kulturgut, über das so umfassend und kontrovers diskutiert wird wie über das gedruckte Buch. Warum eigentlich? Dieser Frage will ich – eben in eigener Sache – auf den Grund gehen. Als Buchverleger stelle ich mich dem Verdacht der Befangenheit, in der Hoffnung, dass der ungewisse Kurs des Buches eine unvermeidliche Überschreitung dieser Déformation professionnelle mit sich bringen wird.

Die strapazierte Metapher

»Metaphern sind rhetorische Elemente, die im Milieu angespannter Problemlagen Virulenz annehmen können«, schreibt Hans Blumenberg im Hinblick auf die Lesbarkeit der Welt vermittelt durch Schrift- und Buchkultur.[1] Die angespannte Problemlage, die Blumenberg als Ausgangspunkt seiner Metaphorologie des Buches nimmt, ist für den modernen Menschen unausweichlich und unlösbar zugleich. Seine Neugierde, sein Streben nach Wissen und Macht über die Natur drängen zu Vermittlungs- und Kommunikationsformen, unter denen sich im Okzident das Buch zunächst als geeignetes Medium durchsetzt. Bedeutung und Anspruch des Buches sind aber von Anbeginn an umstritten. Schon mit dem Drucken und Verbreiten der ersten Luther-Bibel hatte der »Medienträger« Buch seine technische Neutralität und seine kulturelle Unschuld verloren. Es ging um die Verbreitung eines Buches, des Buches der Bücher, und das Kulturgut Buch trägt bis heute die Last, das Ganze der Welt inhaltlich zu erfassen, diesem eine eigene ästhetische Form zu geben, um damit als »Bucherfahrung in Rivalität zur Welterfahrung« (Blumenberg) zu treten. (…)

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Sven Murmann, geb. 1967, ist Verleger, Inhaber des Hamburger Verlags- und Medienhauses Murmann Publishers und Mitherausgeber der kursbuch.edition.

[1]        Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt am Main 1986, S. 405.

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