Susan Sonntag – 1968

Aus dem Tagebuch in Vietnam

Vom 3. bis 17. Mai 1968 reiste Susan Sontag als Angehörige einer von der nordvietnamesischen Regierung eingeladenen Delegation amerikanischer Kriegsgegner nach Nordvietnam – eine Reise, die beträchtliche Kontroversen auslöste und die Grundlage zu ihrem Buch Reise nach Hanoi bildete, das noch im selben Jahr erschien. In ihren Tagebucheinträgen hält sie hauptsächlich fest, was ihre Gastgeber sagten … (es sind eher die Aufzeichnungen einer Reporterin als die einer Kritikerin; hinzu kommen Tagesprogramme, historische und sonstige Fakten zu den besichtigten Orten sowie Listen vietnamesischer Wörter und ihrer englischen Bedeutung) …

Undatiert, wahrscheinlich der 5. oder 6. Mai, Hanoi

Der kulturelle Unterschied ist am schwersten zu verstehen, zu überwinden. Ein Unterschied der »moeurs« [Sitten], des Stils. (Wie viel davon asiatisch, wie viel speziell vietnamesisch ist, vermag ich auf meiner ersten Reise nach Asien natürlich nicht zu erkennen.) Eine andere Art, den Gast, den Fremden, den Ausländer, den Feind zu behandeln. Eine andere Beziehung zur Sprache – natürlich umso mehr, als meine ohnehin schon verlangsamten und vereinfachten Worte durch einen Dolmetscher übermittelt werden oder, wenn wir Englisch sprechen, es Baby-Englisch ist.
Hinzu kommt die Schwierigkeit, auf einen Kind-Status reduziert zu sein: Wir werden verplant, herumgeführt, mit Erklärungen und Fürsorglichkeit bedacht, verwöhnt und beaufsichtigt. Wir sind jeder für sich Kind – und, noch ärgerlicher, eine Gruppe von Kindern. Sie sind unsere Kindermädchen, unsere Lehrer. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 173)

Susan Sontag, 1933–2004, war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin.

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