Stephan Rammler – Schiffe bauen

Über die Kunst, Zukunft anders zu erzählen

»Salzwasser in der Tennishalle! Ja, das ist ärgerlich, aber nasse Füße sind noch lang nicht das Ende der Welt. Die Leute freuen sich immer zu früh auf den Untergang, wie Selbstmörder, die ein Alibi suchen, und dabei verlieren sie dann die Übersicht und die Nerven. Wer ertrinkt schon gern, noch dazu bei minus zwei Grad? Dass das Urteil der Passagiere im Augenblick der Gefahr nicht so maßvoll ausfällt, wie das wünschenswert wäre, na ja!«
(Hans Magnus Enzensberger, Der Untergang der Titanic, 1978)

Dieses ist ein Text über das »Wollen« in einer Zeit des großen »Müssens«. In der Politik ist stets und ständig von alternativlosen Entscheidungen die Rede. Wir müssen uns so und können uns nicht anders entscheiden! Ist es nicht die Bestimmung von Politik, Alternativen aufzuzeigen und zur Entscheidung zu bringen? In der Wirtschaft ist Wachstum nach wie vor die oberste Maxime. Wir müssen weiterwachsen, um den Herausforderungen gewachsen zu sein! War es nicht Jahrtausende so, dass Entwicklung auch mit einem geringen Wachstum möglich war? Von der Wissenschaft werden Nachhaltigkeitsimperative wie das »Zwei-Grad-Ziel« und die postcarbone Gesellschaft formuliert. Wir müssen eine große Transformation herbeiführen! Ist es die Aufgabe von Wissenschaft, gesellschaftspolitische Ziele zu formulieren? In einer Zeit, in der mit Blick auf die mannigfaltige Unbill unserer Zeit immer lauter dem großen Müssen das Wort geredet wird, könnte der freie Wille zur Zukunft Gefahr laufen, alsbald abgeschafft zu werden.

Zwischen Apokalypse und Utopie

Über dem öffentlichen Diskurs liegt heute, je nach Neigung, ein Geruch von Weltenbrand, der Hautgout einer morschen, fauligen Zivilisation, immer aber ein Hauch von Apokalyptik und Welterrettungspathos, mit dem das große Müssen gerechtfertigt werden soll – in der Finanzkrise, Wachstumskrise, Umweltkrise, Energiekrise, die es jeweils zu bewältigen gilt. Man lese dieses, wenn noch Apokalypsebedarf besteht, an anderer Stelle nach. Nun ist das »Weltverändern«, erst recht das »Weltretten« heute ein schwieriges Geschäft. Ungeachtet der Tatsache, dass die Weltrettung angesichts der eindrücklichen empirischen Beweisfülle dringlicher wäre als jemals zuvor in der Geschichte, bleibt eine gemeinsame Rettungsanstrengung aus. Für diese riskante Verhaltensweise gibt es mindestens drei Begründungen: Zum Ersten gibt es eine evolutionsbiologische Erklärung. Sie besagt, dass wir evolutionär darauf getrimmt sind, nur auf unmittelbar drohende Gefahren zu reagieren, zum Beispiel auf den Löwen oder den Bären, die uns töten wollen. Eine abstrakte, deswegen aber nicht weniger riskante Zukunft löst demgegenüber deutlich weniger Handlungsimpulse aus. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 187)

[1] Hans Magnus Enzensberger: »Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang«. In: ders.: Politische Brosamen. Frankfurt am Main 1985, S. 225 ff.

Stephan Rammler, geb. 1968, ist Gründungsdirektor des Instituts für Transportation Design und Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Zuletzt erschien »Schubumkehr. Die Zukunft der Mobilität

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