Sonja Zekri – Brief einer Leserin (20)

Möglicherweise wird 2017 in die Geschichte der Frauenbewegung eingehen als das Jahr, in dem das Kursbuch nach 40 Jahren wieder ein ganzes Heft den Frauen gewidmet hat. Sehr viel wahrscheinlicher aber ist es, dass es als das Jahr in Erinnerung bleiben wird, in dem Errungenes verteidigt werden musste.

Um gerecht zu sein: Man darf nicht alles dem Jahr 2017 in die Schuhe schieben. 2016 und 2015 waren ebenfalls keine wirklich glücklichen Ab­schnitte. Gewiss, die Frage nach einem freiwilligen weiblichen Sex-Verzicht als radikalem Ausweg aus der Unterdrückung, wie Karin ­Reschke sie im Kursbuch vor 40 Jahren stellte, wird heute nicht mehr ernsthaft diskutiert. Ihre Forderung nach einer Einbindung der Männer in die Gleichberechtigungsbemühungen hingegen ist nach wie vor aktuell, und der Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen und weiblicher Not nach wie vor quälend.

Viele der alten Desiderata sind auch die neuen: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein Ende der Lohnunterschiede, des Ar­muts­risi­kos für alleinerziehende Mütter, mehr Frauen in leitenden Positionen. Das gesellschaftliche Klima hingegen hat sich erkennbar geändert. Es ist sehr viel fortschrittlicher, liberaler, offener, auch für andere Gruppen, deren Stimmen lange nicht zählten: Schwule, Lesben, Transper­sonen, Migranten, Kinder von Migranten. Inzwischen müssen sich die Deutschen mit den Besonderheiten von Identitäten auseinandersetzen, von deren Existenz die meisten vor 20 Jahren nicht einmal etwas ahnten, ja, die Identität an sich hat als politische Kategorie – demokratiestärkend wie demokratiegefährdend – eine Bedeutung gewonnen, die sie in der Geschichte kaum je hatte.

Theoretisch könnten sich die Verlierer der weißen patriarchalischen Weltordnung verbünden, zusammen wären sie viele. Und manchmal, selten geschieht das auch, in Amerika beispielsweise beim Womens March nach der Amtseinführung von Donald Trump. Aber das sind Ausnahmen. Oft macht die Vielfalt der Stimmen alles nur komplizierter. Nicht alle haben dieselben Interessen, nicht jede Feministin kämpft für die Interessen von Transfrauen, nicht jeder Ausländer ist frauenfreund­lich, nicht jeder Schwule akzeptiert Muslime – und umgekehrt. Keine Gruppe hat bis heute selbst in den fortschrittlichsten Ländern jenen Grad an Gleichstellung erreicht, den sie sich vorstellt, und vielleicht geht das auch gar nicht, weil das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Gruppen ohnehin immer neu ausbalanciert werden muss. Das schafft manchmal Solidaritätseffekte, manchmal auch nur Konkurrenz.

Dummerweise reichen bereits jene Zugeständnisse mehr als aus, um jene auf den Plan zu rufen, denen die ganze Richtung nicht passt. Rechte Populisten kassieren ein Land nach dem anderen, Polen, Ungarn, Ame­rika, auch Regionen Deutschlands. Eine erfolgreiche Zukunft ohne die Begegnung mit störenden Fremden und ohne Globalisierung ist denkbar, locken sie. Vielleicht lässt sich mit dem homogenen Nationalstaat auch das Familienmodell aus den Nachkriegsjahren recyceln? Das hat es in dieser Idylle möglicherweise so nie gegeben, aber dadurch wird die Sehnsucht danach nur größer. Gehört zum neuen patriotischen Lebensgefühl nicht doch die Sicherung der Mindestreproduktivität durch die klassische Kleinfamilie? Auf den Plakaten der AfD im Bundestagswahlkampf sah man beispielsweise Frauke Petry (damals noch Parteimitglied) mit ihrem Sohn Ferdinand (»Und was ist Ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen?«). Oder: den halb entblößten Bauch einer Schwangeren, links unten ihr lachendes Gesicht, darüber die Sätze: »Neue Deutsche? Machen wir selber.« (…)

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Sonja Zekri, geb. 1967, leitet mit Andrian Kreye das Feuilleton der Süd­deutschen Zeitung. Davor war sie SZ-Korrespondentin in Moskau und Kairo.

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