Sibylle Lewitscharoff – Drei Tannen

Es waren einmal drei kleine Tannen, die in einer leicht abschüssigen Schonung nahe der Staatsstraße 2368 wuchsen, die nach Bad Tölz führt. Sie waren dazu bestimmt, im Dezember abgeholzt zu werden, um als Weihnachtsbäume verkauft zu werden. Die zarten Tännchen standen nah beieinander und hatten so etwas wie Freundschaft geschlossen, obwohl dieses Wort vielleicht nicht ganz passend auf Bäume gemünzt ist. Es handelte sich aber durchaus um eine innige Beziehung, denn die drei vermochten es, sich untereinander zu verständigen. Botschaften witschten zwischen ihnen geschmeidig hin und her. In Ermangelung einer fundierten wissenschaftlichen Bezeichnung nennen wir die Art ihrer Verständigung einfachheitshalber Tannensprache (wobei wir allerdings zugeben müssen, dass wir nicht allzu viel von ihr verstehen). Wie dem auch sei – die Tannen tauschten sich untereinander aus, und vielleicht machte sie genau dieses Vermögen, das sie von anderen Tannen unterschied, schlau.

Schlau waren die Bäumchen auch in anderer Hinsicht. Als sie Waldarbeiter auf Lastwagen heranfahren sahen, wussten sie, was die Stunde geschlagen hatte. Und bevor die Männer damit fertig geworden waren, ihre Äxte und Motorsägen herunterzuladen, machten sie sich davon. 

Jawohl, Sie haben recht verstanden – stante pede auf und davon! 

Man wird jetzt einwenden: Das geht nicht. Bäume können alles Mögliche, aber laufen können sie bestimmt nicht. Da täuschen Sie sich allerdings gewaltig. Zugegeben, nur sehr wenige sind dazu in der Lage, und sie tun es im Verborgenen, damit die Menschen davon nichts mitbekommen. Aber die drei kleinen Tannen konnten es, und andere Bäume können es auch, von denen hier jedoch nicht die Rede ist. Es sei dazu noch angemerkt, dass die wenigen Bäume, die diese überraschende Fortbewegung beherrschen, nur in jungen Jahren dazu fähig sind. Als ältere, gediegene Bäume mit entwickeltem Blätterdach oder opulent auskragenden und anmutig wippenden Nadelfingern vermögen sie es nicht mehr, weil sich unter ihnen ein riesiges Wurzelwerk ausgebreitet hat, das sich nicht mehr so leicht vom Boden lösen lässt. Unsere schlauen Tannen konnten ihre Würzelchen jedoch ohne Mühe, und ohne dass sie nennenswerten Schaden genommen hätten, an die Oberfläche ziehen. (…)

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Sibylle Lewitscharoff, geb. 1954, lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt erschien „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran“ (zusammen mit Najem Wali).