Sibylle Anderl – Kampf der Egos

Zu wissen, wie wenig man weiß – so Sibylle Anderl in ihrem Beitrag in Kursbuch 199 –, setze schon einiges an Intelligenz voraus. Aber woher weiß der Einzelne, wie viel oder wenig er weiß? Die eigene Intelligenz adäquat einzuschätzen, fällt dem Individuum scheinbar zunehmend schwer, sodass immer häufiger beobachtet werden kann, dass die weniger Kompetenten zu Selbstüberschätzung neigen, während sich die Leistungsträger von großen Selbstzweifeln gepeinigt sehen. Sibylle Anderl beschreibt die Phänomene des Dunning-Kruger-Effekts und des Hochstapler-Syndroms als Parabel auf die Moderne.  

Sibylle Anderl, geb. 1981, ist Redakteurin für die Ressorts Natur und Wissenschaft im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien Das Universum und ich. Die Philosophie der Astrophysik.

Textauszug

Dass Sokrates wohl eine rechte Nervensäge gewesen sein muss, ist allgemein bekannt. Die genauen Gründe dafür kann man in Platons berühmter Apologie nachlesen. Demnach hatte Sokrates’ langjähriger Freund Chairephon das Orakel von Delphi darüber befragt, wer der weiseste Mann sei, und als Antwort »Sokrates« erhalten. Sokrates selbst war von dieser Aussage, die ernst zu nehmen schon allein der Respekt vor dem Orakel verlangte, offenbar einigermaßen verwirrt und machte sich auf, sie empirisch zu falsifizieren. Auf der Suche nach Personen, deren Weisheit sein eigenes Wissen überragen würde, fand er unter Politikern, Dichtern und Künstlern allerdings viel Selbstüberschätzung und wenig wirkliche Weisheit. So beschreibt er eine Begegnung mit einem Staatsmann: »Im Gespräch mit ihm schien mir dieser Mann zwar vielen andern Menschen auch, am meisten aber sich selbst sehr weise vorzukommen, es zu sein aber gar nicht. Darauf nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaubte zwar weise zu sein, wäre es aber nicht; wodurch ich dann ihm selbst verhaßt ward und vielen der Anwesenden.«

Für Sokrates endete die Enttarnung zahlreicher Pseudowissender letztendlich tödlich. Noch heute macht man sich mit dem Aufdecken der Wissenslücken anderer wenig Freunde. Anders als Sokrates vor knapp 2500 Jahren haben wir heute aber einen psychologischen Begriff für die Selbstüberschätzung der Unwissenden: die Psychologen Justin Kruger und David Dunning beschrieben 1999, dass Inkompetenz nicht nur direkt in Form fehlerhafter Schlüsse und ungünstiger Entscheidungen sichtbar wird, sondern sich darüber hinaus – und fatalerweise – so auswirkt, dass eigene Begrenztheiten nicht erkannt werden können. Entsprechend führe Inkompetenz damit zur systematischen Überschätzung der eigenen Kompetenzen. Solch fehlerhafter Selbsteinschätzung kann aber immerhin durch Weiterbildung abgeholfen werden: »Paradoxerweise konnte den Teilnehmern durch die Verbesserung ihrer Fähigkeiten und der damit verbundenen Stärkung ihrer metakognitiven Kompetenzen geholfen werden, die Limitierungen ihrer Fähigkeiten zu erkennen«, schreiben Kruger und Dunning im Abstract ihres Artikels.Dieses seitdem als »Dunning-Kruger-Effekt« bekannt gewordene Phänomen kann damit als späte empirische Bestätigung des Orakels von Delphi gelesen werden: Zu wissen, wie wenig man weiß, setzt bereits einige Weisheit voraus.