Shila Meyer-Behjat – Eine Qual hinter dem Vorhang

Das starke Leben der persischen Feministin Tahiri

Wie oft ist sie noch zu hören, die Geschichte vom Mädchen, das als Sohn erzogen wurde? Die Eltern hätten sich eher diesen als eine Tochter gewünscht, und so trug sie »Latzhosen und Kurzhaarschnitt bis in die Pubertät«, erzählt sie dann. Da liegt keine Bitterkeit in der Stimme. Dass es sich bei der so Behandelten um eine der aktuellen Generation handelt, also von der Sorte, der wir bewundernd zusehen, wie sie mit dem Smartphone auf Instagram und Co. virtuos herumfuchtelt – das ist nur ein Sinnbild des Fortschrittsungleichgewichts, in dem wir uns heute weltweit befinden, jetzt, bereits im ersten Viertel des 21. Jahrhun­derts.

Zehn Jahre ist das iPhone alt. Und doch schon verdammte 70 Jahre ist es her, seit Simone de Beauvoir die »zweite Welle« losgetreten, das »andere Geschlecht« definiert hat. Es sind doch über 40 Jahre seit »dem kleinen Unterschied« – und noch immer geht es um Latzhosen. Klar, ich spreche vom Feminismus. Aber auch vom Zustand der Welt. Die damalige First Lady Michelle Obama formulierte 2016 in der Wahlkampfrede für Hillary Clinton in New Hampshire jenen verheißungsvollen Satz: »The measure of any society is how it treats women and girls.« – Jede Gesellschaft wird daran gemessen, wie sie Frauen und Mäd­chen behandelt. Welch wohltuende Selbstdistanz! Obama zeigte da­bei nicht mit dem Finger auf die anderen, sondern sie sprach davon, in wel­chem Klima der Einschüchterung und Degradierung Mädchen heute in den USA aufwachsen, umso mehr jetzt, da Donald Trump gegen Obamas Anstrengungen Präsident geworden ist.

Nein, nicht einmal in Amerika, der Wiege moderner Zivilisation und Heimat der heutigen Bürgerrechte, steht es gut für die Frauen – das 170 Jahre nach der Seneca Falls Convention, der Geburtsstunde des ame­rikanischen Feminismus. Und wie viel mehr zeigen sich doch die Pa­rallelen des gemein-globalen Rück- und Fortschritts, wenn zur selben Zeit im vorvergangenen Jahrhundert, beinahe auf den Monat genau, am anderen Ende der Welt ebenfalls eine feministische Welle hochschwappte, angeführt von einer Einzelkämpferin, die bis heute ihresgleichen sucht. In keinem geringeren Land als Persien spielte sich ab, was sich bis heute tief in das Verständnis iranischer Frauen eingegraben hat, auch wenn das Menschenmögliche getan worden ist, um die Pro­ta­gonistin dieses Kapitels der Vergangenheit vergessen zu machen.

Das größte Ideal an Weiblichkeit

Die Festlegung auf ein Kleidungsstück zum Symbol der Geschlechter, die Reduktion auf die Länge der Haare ist vermutlich ebenso alt wie die Erfindung des Geschlechts selbst. Jede Frau kennt das: Zu spät fängt es an, zu früh hört es auf, das Kleidungsstück. Wie viel mehr erregen sich die Gemüter, wenn es um die Kopfbedeckung einer Frau geht. Doch im Jahr 1848 ereignete sich im Kontext des aufgeladenen Textils Be­mer­kenswertes: Eine 30-jährige Poetin und Wissenschaftlerin ergriff wäh­­rend einer Versammlung von Gelehrten öffentlich das Wort und ver­kündete damit nicht nur das Ende der Unterdrückung der Frauen, son­dern auch den Beginn einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. Um ihre Forderung zu unterstreichen, zog Tahiri ihre Kopfbedeckung ab. Dabei ging es ihr nicht nur um eine neue soziale Ordnung und um die Gleichstellung der Geschlechter. Im selben Atemzug verlangte sie die Erneue­rung des Glaubens, eine Modernisierung von Gesellschaft und Religion. So sprach sie mit jenem entblößten Gesicht und offenen Kopfhaar zu den Anwesenden. Diese reagierten prompt. Schreck, Verachtung, Zorn schlu­gen ihr entgegen. An Ort und Stelle setzte einer der Anwesenden sich das Messer an den Hals, schnitt sich die Kehle durch, so entsetzt war er von diesem Auftritt. Doch unbeirrt dichtete Tahiri:

»Legt die Bekleidung mit alten Gesetzen ab
Die abgetragenen Traditionen
Taucht ein in das Meer
Der Fülle.«

Bis nach Europa reichten damals die Berichte der Chronisten dieser Er­eignisse, die sich in der iranischen Stadt Badascht abspielten. Hier war man(n) noch weit entfernt von der Formulierung von Bürgerrechten für Frauen, ganz zu schweigen von einer Gleichstellung. Seit Olympe de Gouges den 17 Artikeln der Erklärung der Bürger- und Menschenrechte in der Französischen Revolution, die sich allerdings nur auf Männer be­zogen, die Rechte der Frauen entgegengestellt hatte und dann, nach ei­nem Streit mit Robespierre, hingerichtet worden war, hatte sich auf dem »alten Kontinent« eine erst gemächliche feministische Bewegung in Gang gesetzt. Also blickte man gen Osten, auf die »iranische Jeanne d’Arc«, wie der französische Publizist Jules Bois sie nannte, der den Auftrag be­kom­men hatte, ein Theaterstück über sie zu verfassen. So sehr rüttelte sie auch aus dem entfernten Persien heraus an den Grundfesten der Tra­ditionen (und an der Deutungshoheit über Frauen – die bei Männern lag).

»Die Erscheinung einer solchen Frau wäre in jedem Land der Welt ein seltenes Phänomen«, schrieb der Orientalist Edward Granville Browne von der Cambridge University. »Aber in Persien ist es einfach ein Wun­der.«  Tatsächlich befand sich das Persien der Dynastie der Kadscharen in einem für die Mächtigen wohltuenden Schlummer, fest im Griff der schiitischen Traditionen, verwickelt in sich selbst erhaltenden Verstrickungen zwischen dem Hof des Schahs und der Geistlichkeit. Die Muster dieses engmaschigen Teppichs, der das Land im zivilisatorischen Stillstand zementierte, sind bis heute nicht vollkommen ergründet.

Die Österreicherin Marianne Hainisch, eine der Gründermütter der Frauenbewegung des Landes (und übrigens auch die Mutter des späteren Bundespräsidenten Österreichs Michael Hainisch), notierte: »Sie war das größte Ideal an Weiblichkeit, das ich kenne. Ich war zwar erst 17 Jahre alt, als ich von ihrem Leben und ihrem Martyrium erfuhr, aber ich ver­sprach mir damals selbst: Ich werde das für die Frauen von Österreich tun, was Tahiri, die dafür ihr Leben gab, für die Frauen Persiens getan hat.«  Tatsächlich wurde Tahiri nur wenige Jahre nach der Konferenz von Badascht exekutiert, erdrosselt in einem Garten.

Hainisch sollte ihr selbst gegebenes Versprechen später einlösen, wenn auch nicht mit ihrem Leben bezahlen. In ihrer Heimat trat sie für gleiche Bildungs- und Berufschancen von Frauen ein und gründete 1929 die Österreichische Frauenpartei. Sie hatte erkannt, dass es für die bürgerliche Familie als Ganzes von Vorteil war, wenn auch die Frau imstande ist, zum Familieneinkommen beizutragen, und ihre Ausbildung sie nicht nur als Hausfrau, Mutter und Gefährtin des Ehemannes formen sollte. Die amerikanische Baumwollkrise hatte im Freundeskreis der Wienerin auch für eine Krise innerhalb der städtischen Ehen geführt – für Hainisch ein Zeichen, dass es Zeit war, auch die Frauen für den Arbeitsmarkt vor­zubereiten. (…)

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Shila Meyer-Behjat, geb. 1982, ist Juristin und Journalistin und seit 2016 Chefredakteurin des Arte Magazins. Sie ist Mitgründerin des Onlinemagazins Goodimpact.org, moderiert und präsentiert auf Veranstaltun­gen zu Feminismus, Menschenrechten und der Rolle der Medien.

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