Sabine Maasen – Gut ist nicht gut genug

Selbstmanagement und Selbstoptimierung als Zwang und Erlösung.

Als Alfred D. Chandler jr. in seinem Buch The Visible Hand die Managerrevolution des frühen 20. Jahrhunderts beschrieb, ließ sich kaum ahnen, dass sich innerhalb weniger Jahrzehnte Managerpraktiken sogar im Alltag durchgesetzt haben würden. Zeit-, Projekt- und Teammanagement betreiben wir mittlerweile alle. Von der Wiege (Babymanagement) bis zur Bahre (Sterbe-Eventmanagement). In der Liebe (Paar- oder Familienmanagement), Freizeit (Erholungsmanagement) und im Beruf (Führungs- oder Karrieremanagement), aber auch in den Universitäten, Kultureinrichtungen oder Organisationen sind wir Subjekt oder Objekt von Management geworden.

Dieser Furor des Managens kennt nur ein abstraktes Ziel: dass es in geordneter Weise anders werde, und zwar besser – und das am besten mithilfe von change management. Sich oder andere zu optimieren geht dann Hand in Hand mit der Forderung, auch das Management selbst zu optimieren. Die Ubiquität und Überbietungsdynamik des Optimierens in Diskurs und Praxis hält uns derart in Atem, dass wir es uns zunehmend versagen, nach dem möglichen Gehalt oder gar nach Sinn und Unsinn des Optimierens zu fragen. Es geht auch nicht ums Fragen: Believe in better! Dass ein privates Medienunternehmen einen solchen Slogan in aller grammatikalischen Ungereimtheit platzieren und auf werbewirksames Verstehen hoffen kann, lässt ahnen, dass und wie sehr sich das Optimierungsmotiv bereits gesellschaftsweit durchgesetzt hat – nicht zuletzt dank der selbstverständlich gewordenen Prozeduren des Managens in nahezu allen Handlungsbereichen. (…)

Sabine Maasen, geb. 1960, ist Professorin für Wissenschaftsforschung/Wissenschaftssoziologie an der Universität Basel. Aktuelles Buchprojekt: Das Gehirn und seine Gesellschaft.

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