Sabine am Orde – Brief einer Leserin (17)

»Mit der Lügenpresse red ich nicht!«, blaffte der Mann und wandte sich brüsk von mir ab. Mit Block und Stift in der Hand war ich auf einem Landesparteitag der AfD an ihn herangetreten und wollte mich gerade vorstellen, da setzte er unserem Gespräch, noch bevor es begonnen hatte, ein jähes Ende. Der Mann wusste nichts über mich, meine Berichterstattung über die AfD oder die Zeitung, für die ich schreibe. Doch offensichtlich war für ihn klar: Wer nicht für AfD-nahe Medien wie die Junge Freiheit oder das Magazin Compact arbeitet, der verdreht die Wahrheit, der lügt.

Es war bei Weitem nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ich bei AfD-Anhängern so aufgelaufen bin. Schön ist das nicht, aber damit lässt sich umgehen. Was mich sorgt: dass ein Teil der Bevölkerung seriös und professionell arbeitenden Medien nicht mehr traut. Dass Rechtspopulisten diese Medien immer weiter diskreditieren. Und damit an einem der Pfeiler der Demokratie sägen. Das ist einer der Gedanken, die mich umtreiben, wenn ich über den neuen Kursbuch-Titel Lauter Lügen nachdenke. Der, das sei hinzugefügt, in mehrfacher Hinsicht ein Treffer ist zum Auftakt eines Jahres, in dem Donald Trump US-Präsident wird, in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland gewählt wird – und in all diesen Ländern der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch ist.

Denn Rechtspopulisten bezichtigen zwar andere gerne der Lüge, nehmen es selbst mit der Wahrheit häufig aber nicht besonders genau. Oder, wenn man sich den Präsidentschaftswahlkampf von Trump anschaut: Sie lügen, dass sich die Balken biegen – und ihre Anhänger scheint das nicht zu stören. Als ich jüngst am Rande einer AfD-Veranstaltung gegenüber Parteimitgliedern einwandte, dass es schlicht falsch sei, dass Flüchtlinge weiterhin in so großer Zahl und unregistriert einreisen, wie es im Sommer 2015 der Fall gewesen war, entgegnete einer von ihnen: »Das glauben Sie? Sie wissen doch, man soll nur der Statistik trauen, die man selbst gefälscht hat.« So einfach geht das. Alles Falschinformationen aus der Lügenpresse oder von der Bundesregierung, die die Bevölkerung ohnehin für dumm verkauft.

Wer wie ich in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook AfD-Politikern, Neurechten, ihren Anhängern oder auch Pegida-Organisatoren und ihren Fans folgt, wird ständig mit Halbwahrheiten und Hetze konfrontiert. Kürzlich habe ich in einem kleinen Selbstversuch einen Tag lang auf Twitter nur solche Nachrichten gelesen, die aus der rechtspopulistischen Ecke kommen. Im Laufe des Tages hat sich die Welt deutlich verfinstert. Überall bedrohten wahlweise Flüchtlinge oder Linksextremisten den gesellschaftlichen Frieden und die körperliche Unversehrtheit der deutschen Bevölkerung. In besonderer Gefahr: die weißen, deutschen Frauen, wie ich selbst eine bin. Mitschuld daran: die Kanzlerin, die Grünen und Justizminister Heiko Maas. Spätabends blieb ein beklemmendes Gefühl zurück und die bange Frage, wie dies auf Menschen wirkt, die tagtäglich ihre Informationen nur über solche Kanäle beziehen.

Wie der Rechtspopulismus eine solche Deutungs- und Wirkungsmacht entfalten kann, dazu gibt es viele Erklärungsansätze. Selbstkritisch sei hier vor allem eine Frage gestellt: Haben wir, die Verfechter einer weltoffenen, liberalen, solidarischen Gesellschaft, die gesellschaftliche Realität nicht genau genug beschrieben und analysiert? Haben wir Probleme und Konflikte, die es in der globalisierten Einwanderungsgesellschaft gibt, deutlich genug benannt? Oder haben wir aus Sorge, dies könnte dem politischen Gegner nutzen, einen Teil der Realität ausgeblendet? Also wichtige Fragen nicht gestellt und die entsprechenden Antworten nicht gegeben? Und damit Platz gelassen für die einfachen Antworten der Rechtspopulisten, die Flüchtlinge und Migranten zu Sündenböcken erklären und rassistische Ressentiments mobilisieren und schüren? (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

Sabine am Orde, geb. 1966, ist innenpolitische Korrespondentin der taz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Rechtspopulismus und Islamismus.

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