Nora Bossong: Robinson Bahrain

In Bahrain konnte ich nicht atmen. Die Luft war künstlich, das Licht wirkte gefälscht, ich hätte nicht sagen können, wie die genauen Koordinaten dieses Ortes lauteten, wie weit die Arabische Halbinsel entfernt lag, wie weit Düsseldorf. Weit jedenfalls, ich war weit weg von zu Hause, im Robinson Resort Bahrain.
Die kaum erträgliche Hitze wurde von den Flammen der Bunsenbrenner noch verstärkt. Auf mehreren meterlangen Buffets köchelte all das Essen vor sich hin: halbierte Hummer, Pot au Feu, Beef Wellington. Eine Kellnerin im Cowboykostüm brachte mir ein Omelett. Sie sprach kein Englisch und lächelte freundlich, als ich versuchte, zu erklären, dass ich kein Omelett bestellt hatte. Über die Tanzfläche flitterte Dancing Queen.

Wir waren eine multinationale Gruppe, zufällig zusammengewürfelt oder vielmehr gestrandet. Amerikanerinnen standen schwankend am Pool, tranken schlechten Champagner und reckten ihre grazilen Schatten über das leicht gewellte Chlorwasser. Mexikaner mit Luftballonhüten auf dem Kopf bevölkerten die Terrasse des Restaurants und wurden immer lauter, je stechender die Sonne schien. Philippiner in Cowboykostümen verteilten TBoneSteaks, und auf der Bühne sang ein Mädchen ein Playback der Village People. Figuren, die keine Herkunft mehr besaßen, verwandelten sich auf der Tanzfläche in Y, M, C und A und verschmierten beim nächsten Lied wieder. (…)

Nora Bossong, geb. 1982, ist Schriftstellerin, sie schreibt Gedichte, Romane und Essays. Zuletzt erschienen Sommer vor den Mauern und Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

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