Robert Habeck – Das Grüne ist die neue Normalität

Im Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nassehi

»Ich will mein Leben selbst bestimmen, nicht irgendwelche
Konzerne oder Herrenstaaten sollen es regeln.«

Kursbuch: Im Kursbuch der ersten Jahrzehnte waren die politischen Lager sauber getrennt. Jeder wusste, wo er hingehörte. Für die Linke war das Kursbuch eines der wichtigsten Selbstvergewisserungsme­dien. Mit unserer Herausgeberschaft hat sich der Blick auf Gesellschaft, Politik und Kultur verändert. Heute sind es die Widersprüche, Antinomien und Paradoxien, die uns inhaltlich antreiben. Nicht mehr die Suche nach der letzten Wahrheit. Uns geht es in diesem Gespräch deshalb um die persönliche Haltung zu diesen Widersprüchen, die jeder für sich aushalten muss. Lassen Sie uns zu Beginn das biogra­fische Rad etwas zurückdrehen. Sie sind 1969 geboren und haben die Gründerjahre der Grünen als Kind erlebt und natürlich noch nicht bewusst wahrgenommen. Dann aber begann in den 1980ern der Widerstand gegen technische Großprojekte von Brokdorf bis Wackersdorf. Wo sind Sie eingestiegen in den grünen Protest, Tschernobyl?

Habeck: Tschernobyl hat mich politisch in Bewegung gesetzt. Ich war 16 Jahre, als das Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist. Die Situation damals war geradezu absurd. Wir hatten in der Schule den Sommernachtstraum inszeniert, und Premiere war an einem Tag im Mai. Der Sommernachtstraum war natürlich für einen 16-Jährigen die Metapher, wie das Leben sein sollte. Jede Nacht sich zweimal verlieben und im Wechselspiel der Paare durch den Sommer tanzen. Nach der Premiere sind lauter beseelte Pennäler in den Maiabend getreten. Da setzte ein leichter Nieselregen ein, und alle rissen in Panik die Regenschirme auf und liefen nach Hause in der Angst, dass sie den Krebstod sterben müssten. Dieser Moment mit seiner Gleichzeitigkeit von Bedrohung und Lebenshunger war prägend. Ich habe eine Zerrissenheit gespürt, weniger vielleicht die ökologische Angst, sondern vielmehr das Gefühl, dass anonyme große Mächte mir mein Leben wegnehmen wollten. Eine Freiheitssehnsucht, die abrupt ausgebremst wurde. Dies war meine erste Annäherung an die Grünen. Es hat sich bis heute eigentlich nicht viel geändert: Ich will mein Leben selbst bestimmen, nicht irgendwelche Konzerne oder Herrenstaaten sollen es regeln. Ich weiß, dass dies mit der Parteigeschichte in vielerlei Hinsicht in Spannung steht, aber die Realisierung und Verteidigung von Freiheit war mein Antrieb, den Grünen mein Vertrauen zu geben. Ich habe die Nähe zu einer Partei gesucht, die aus meiner Sicht am stärksten, sowohl im ökologischen als auch im individuellen Bereich, das Versprechen der Selbstbestimmung des Lebens verkörpert.

Kursbuch: Wir würden, obwohl wir zehn Jahre älter sind, diese Beschrei­bung sicher ähnlich vornehmen. Dahinter steckt eine interessante Ge­nerationslage. Durch konkrete Ereignisse treten Kapitalismuskritik und Ähnliches in das eigene authentische Leben ein. Ist das nicht ge­ne­rationstypisch, dass sich die Dinge jetzt über die eigene Lebenspraxis erschließen? (…)

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Robert Habeck, geb. 1969, ist Bundesvorsitzender der Grünen. Zuletzt erschien „Wer wir sein könnten“.