Reinhard Schulze – Der lange Bart des Propheten

Kursbuch Classics: Wiederabdruck des Essays aus dem Kursbuch 93/1988 | Glauben

Glauben ist, wie die Tätigkeit Glauben selbst, an sich jeder empirischen Beobachtung entzogen. Gerade darin liegt ja das Kennzeichen des Begriffs Glauben: Kulturell ist zwar festgelegt, woran ein Gläubiger glaubt beziehungsweise zu glauben hat, nicht jedoch, ob der Gläubige wirklich glaubt, wenn er davon spricht. Glauben ist eine auf Transzendenz zielende Rationalität, also eine psychische Tätigkeit, die sich sowohl einer Überprüfung als auch einer Objektivierung des Geglaubten entzieht. Die Befassung mit einer gläubigen Person oder mit einer Gruppe von Gläubigen unterliegt demnach den gleichen Grenzen wie der Glauben selbst.

Ein Charakteristikum der Offenbarungsreligionen, zu denen gerade der Islam gehört, ist die Trennung von Glauben und Glaubenserfahrung, das heißt der psychischen Erfahrung des Geglaubten. Ersterer wird der Kategorie des Wissens zugeordnet, das den Menschen in den Zustand der Gewissheit versetzt, ihm also die Überzeugung verleiht, dass das, woran er glaubt, tatsächlich auch existiert und damit wahr ist. Die Glaubenserfahrung hingegen kann als Umkehrung dieser Rationalität verstanden werden und ist daher vorrangig mystischer Natur. Sie kann auch, wie im Offenbarungserlebnis des Propheten Muhammad, zwingend sein. In den Traditionen über die erste Offenbarung, die Muhammad am Berg Hira bei Mekka um 610 zuteilwurde, wird dieser Zwang deutlich herausgestellt: Muhammad war trotz seiner prinzipiellen Frömmigkeit keinesfalls im Zustand einer religiösen Erleuchtung, als ihm der Erzengel Gabriel die Verse 1 bis 5 der Sure 94 zum Rezitieren vorlegte. Im Gegenteil, der unwillige Prophet kam der Aufforderung, die Verse zu rezitieren, nur nach, um der Bedrohung durch Gabriel zu entgehen. Die Rationalität, die diesen Offenbarungserlebnissen zugrunde liegt, berührt nur den auserwählten Propheten, da er als Sprachrohr Gottes lediglich den Text der letztgültigen Offenbarung zu verkünden hat. Da Muhammad als Siegel des Prophetentums, wie ihn die islamische Orthodoxie sieht, der Letzte war, der eine solche Textoffenbarung erhielt, war nach seinem Tod (632) die auf der Kategorie »Wissen« begründete Glaubenserfahrung keinem Menschen mehr zugänglich.

Glaube war fortan in der islamischen Tradition mit dem Wissen eng verknüpft, nicht aber die Glaubenserfahrung, die sich nun fast ausschließlich als nicht rationelle Erfahrung manifestierte. Orthodoxe Gelehrte beharrten darauf, dass das Wissen um die Grundsätze des Glaubens und die festgelegten Handlungsfelder, die aus der Offenbarung und der Tradition ableitbar waren, erst den Glauben schafft. Allgemein galt: Je mehr man wusste, desto gläubiger war man. Der Gläubigste war der Wissendste. (…)

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Reinhard Schulze, geb. 1953, ist Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Zuletzt erschien „Geschichte der Islamischen Welt. Von 1900 bis zur Gegenwart“.