Ralph Schumacher, Elsbeth Stern – Verstehendes Lernen

Der Aufbau intelligenten Wissens im Schulunterricht

Wer erfolgreich lehren will, muss verstehen, wie Menschen lernen. Dieser Grundsatz wird inzwischen bei der Entwicklung von Lehrplänen und Unterrichtsvorschlägen berücksichtigt und hat in den Fachdidaktiken zu einem Paradigmenwechsel geführt. In der traditionellen Stoffdidaktik ging es um die Frage, welche Inhaltsbereiche in das Schulcurriculum aufgenommen werden sollen und wie diese auf das Niveau der Schüler heruntergebrochen werden können. In der lernpsychologisch orientier­ten Didaktik hingegen stehen Fragen nach den Verständnisschwierigkei­ten zentraler Konzepte im Mittelpunkt. Worin unterscheidet sich das Alltagsverständnis von Begriffen wie »Kraft« oder »Trägheit« vom wissenschaftlichen Verständnis in der Physik? Warum könnte es Lernenden schwerfallen, ihr Alltagsverständnis aufzugeben? Welche Vorstellungen haben sich vermischt, wenn Lernende bei der Evo­lutionsbiologie den Begriff der Selektion mit dem Recht des Stärkeren gleichsetzen? Nur wenn Lehrern bewusst ist, dass die Lernenden mit bestimmten Begriffen und Inhalten bereits Vorstellungen verbinden, die sehr häufig mit dem zu vermittelnden Wissenschafts­verständnis inkompatibel sind, kann schuli­sches Lernen gelingen. Das wurde insbesondere für die MINT-Fächer gezeigt, aber es gilt für den gesamten Bereich des schulischen Lernens. Da wir zum Lernen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern forschen, beziehen sich unsere Beispiele auf diesen Bereich. Die Aussagen zum verstehenden Ler­nen sind jedoch auf andere Inhalte über­tragbar.

Die kognitive Psychologie hat in den letzten Jahrzehnten beachtliche Fortschritte in der Erforschung des verstehenden Lernens gemacht. Hier­bei geht es um den Aufbau von Bedeutungen und Erklärungen, die uns helfen, die Welt besser zu verstehen und uns darüber mit anderen auszutauschen. Dabei ist die Art und Weise, wie Wissen aufgebaut und mit bereits bestehendem Wissen verbunden wird, entscheidend. Schulische Lerngelegenheiten können ihre Wirkung nur entfalten, wenn sie den Schülern Gelegenheit geben, ihr bereits verfügbares Wissen – auch wenn es fehlerhaft ist – zu aktivieren, und wenn Beschränkungen in der menschlichen Informationsverarbeitung berücksichtigt werden. (…)

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Ralph Schumacher, geb. 1964, leitet das MINT-Lernzentrum an der ETH Zürich. Zuletzt erschien „Kognitive Aktivierung. Wie lassen sich mathematisch-na­turwissenschaftliche Inhalte lernwirksam vermitteln?“ Schulmanagement Hand­buch 163. 

Elsbeth Stern, geb. 1957, ist Professorin für empirische Lehr-Lernforschung an der ETH Zürich. Zuletzt erschien „Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Fol­gen“ (zusammen mit Aljoscha Neubauer).