Rainer Merkel – Aschura

Die Leichtigkeit der Körper

Vielleicht ist es Ausdruck einer Verunsicherung oder der einer Vorahnung, die mich an diesem Morgen, im Couvent de Terre Sainte, in einer fast klösterlich bescheidenen Kammer, um vier Uhr morgens erwachen lässt. Es ist dunkel, ein Gewitter erschüttert das ehemalige Kloster, in dem seit einigen Jahren keine Nonnen mehr leben. Ich bin hier abgestiegen, um mich auf eine der berühmtesten Festlichkeiten des Islam, der Aschura, vorzubereiten. In diesem Moment beschäftigen mich drei Fragen: Ist mein Reiseplan gut? Wie komme ich von Sidon nach Nabatiye? Wie werden meine neuen Schuhe auf das »Blutbad« reagieren, und vor allem, wie kann ich verhindern, dass das angekündigte Unwetter, das am Sonntagvormittag einsetzen soll, alle meine Pläne wieder zunichtemacht. Nabatiye?

Ich fahre ohne Begleitung, ohne ortskundigen Führer, Helfer oder Fahrer. Eine Bekannte, die als Journalistin das Aschura-Fest schon ein paar Mal miterlebt hat, ruft mich am Abend vor meiner Abreise an und sagt ihre Teilnahme ab. »Es soll regnen«, erklärt sie, »und zwar richtig«, und dann höre ich sie am anderen Ende der Leitung kurz aufstöhnen. »Also Regen und Blut. Diese Kombination, das muss ich mir jetzt wirklich nicht antun.« Die ganze Reise, die ganze Vorbereitung erscheint im Nachhinein als ein Kraftakt, der notwendig gewesen ist. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 175)

Rainer Merkel, geb. 1964, ist Schriftsteller. Ausgezeichnet wurde er u. a. mit dem Erich Fried­-Preis 2013. Zuletzt erschien von ihm „Bo“.

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