Peter Felixberger – FLXX

Schlussleuchten von und mit Peter Felixberger

Die Jüngeren werden sich erinnern. 1985 kam Coca-Cola auf die glorreiche Idee, Rezeptur und Geschmack der Coke zu ändern. Ein riesiger Werbe- und Presserummel machte das Ereignis landesweit bekannt. Binnen 24 Stunden hatten geschätzte 150 Millionen Menschen das neue Getränk probiert. Man hatte alles genau vorausberechnet, allein vier Millionen Dollar für Geschmackstests ausgegeben. Doch es kam zum Desaster. Massenhafte Anrufe von erzürnten Kunden. Konsumenten begannen, Hamstervorräte der alten Coke anzulegen. Deren Preis stieg in Minutenschnelle. Zehntausende von Protestschreiben gingen in den nächsten Wochen in der Firmenzentrale ein. Am 11. Juli gaben die Topmanager ihren Entschluss bekannt, die ursprüngliche Rezeptur unter der Firmenmarke Coca-Cola Classic wieder einzuführen, und versicherten allen Kunden, dass der Konzern die Botschaft verstanden habe.

Das Beispiel zeigt, wie unsinnig es ist, die Zukunft mittels subjektiver Intelligenzvermutung exakt vorherbestimmen zu wollen. Alle Beteiligten bei Coca-Cola entschieden offenbar in der Illusion, sie hätten die Lage jederzeit im Griff, gleichzeitig wurden alle Anzeichen von Fehleinschätzung standhaft ignoriert. Die Firma setzte blind auf die eigene Intelligenz und betrachtete andererseits den Kunden als extern dummes Schaf, das trinkt, was es vorgesetzt bekommt. Was er jedoch nicht tat. Hinzu kam: Die Marketingstrategen suchten nur nach Hinweisen, die ihren Entschluss bestätigten. Sie waren nicht in der Lage, das eigene Wissen unvoreingenommen zu aktualisieren, und geradezu achtlos bei der Beurteilung der Umstände vorgegangen.

Was lernen wir daraus? Intelligent ist, wem klar ist, was er nicht weiß. Das Besondere liegt daher in der Negation der Überzeugung, das eigene Wissen bedinge Intelligenz. Im Gegenteil: Nichtwissen ist ein mindestens ebenso großer Treiber menschlicher Intelligenz. Oder wie ein uraltes arabisches Sprichwort sagt: »Das beste Wissen ist das, das du erst kennst, wenn du es brauchst.« Free-Solo-Kletterer werden jetzt heftig nicken. Es geht aber sportlich auch eine Etage tiefer.

Wer etwas intensiver Tischtennis spielt, weiß das nämlich auch und braucht keine nahöstlichen Weisheiten mehr. Der Ball, der sowieso schneller als das menschliche Bewusstsein ist, zwingt den Spieler im Idealfall, seine ihm unbekannte Spielintelligenz im Moment des Schlages zum Ausbruch kommen zu lassen. Da bricht sie dann urplötzlich heraus, die Intelligenz, ungezähmt, wild und nicht aufzuhalten. Jeder gute Tischtennisspieler kennt den Moment, in dem er sich verschämt wundert, wie er diesen einen besonderen Schlag hinbekommen hat, ohne wirklich Einfluss genommen zu haben. Dieser wunderbare Moment, in dem ein warmes Allmachtsgefühl das Gehirn überflutet. Dopamintornado. Und Sekunden später verzweifelt er unendlich, wenn ihm der leichteste Schlag in einer wirren Bewegung misslingt. Jetzt würde man am liebsten im Boden versinken. Wir ahnen es bereits: Intelligent ist, wer weiß, was unklar ist. Das Besondere liegt folglich in der intelligenten Anpassung an den außergewöhnlich überraschenden Moment. Inklusive: Im So-tun-als-ob liegt ein grundlegendes Leck-mich-am-Arsch, was man auch als überlebenswichtigen Reflex auf die komplexen Überforderungswirren im Hier und Jetzt interpretieren könnte.

Diese Kolumne, liebe Kursbuch-LeserInnen, darf ab dieser Ausgabe erscheinen. Sie irrlichtert bewusst in den Sicherheitskorridoren der letzten Wahrheiten. Allzeit bereit, selbige wie einen Pudding an die Wand zu nageln. Oder, um ein anderes Bild zu strapazieren: Statt Nadel finden eher Heu wenden. Ihr bescheidenes Ziel wird sein, die Widersprüche und Anomalien im täglichen Leben als die eigentlichen Energiespender zu würdigen, die uns zu wohliger, synthetischer Einsicht und Zufriedenheit führen. So lässt sich der Autor treiben – auf einer Bahnfahrt, auf einem Berg oder nur auf der Toilette sitzend. Scheinbare Gewissheiten lösen sich auf, womögliche Ungewissheiten spannen ihre Muskeln und spontane Banalitäten kreuzen die Klingen. Diese Kolumne feiert die Ahnungslosen, entlarvt die Bodenlosen und kokettiert mit den Zweifellosen. In der ersten Folge preisen wir die künstliche Intelligenz. Sie erhält den FLXX, der nicht nur Kolumnentitel, sondern auch symbolischer Preis ist, den wir ab jetzt vierteljährlich an Personen, Ideen und Projekte verleihen, die den nahezu unerreichbaren Anspruch erfüllen, gleichzeitig ahnungs-, boden- und zweifellos zu sein.

Die künstliche Intelligenz kennen wir noch nicht so richtig. Ich stelle sie mir als kleines, scheues Monster vor, das im dunklen Wald lebt, den Kindern gerne Angst macht und böse wird, wenn wir es nicht in Ruhe groß werden lassen. Denn noch ist es klein und dumm, duckt sich weg, wenn ein Lichtstrahl im dunklen Wald nach ihm sucht. Huhu, KI, zeig dich! Wir wollen dich sehen!

Es geschah vor einigen Monaten auf einer Konferenz in New Orleans, die mit dem kleinen, scheuen Racker näher in Kontakt treten wollte. Ein Großcomputer wurde herbeigeschafft, um die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Es ist nicht bekannt, wie stark der Rechner, in dessen Eingeweiden ein kleines, fettes KI-Monsterexemplar lebt, gekühlt werden musste, um sich durch Milliarden von Datenhappen zu fressen, die ein sinnvolles Leben präjudizieren. Jedenfalls kam am Ende heraus: »Living is the experience of happiness.« Die Konferenzteilnehmer schauten sich schulterzuckend an. Tja, was will man da entgegnen? Schnell war klar, so einfach wollten sie die banale Essenz, auf die der Mensch in seiner langen Geschichte gefühlt schon 20 Milliarden Mal gekommen war, nicht stehen lassen und fragten hurtig nach: Hallo KI-Monster, wie findet jeder sein Glück?

Jetzt wurde die Sache spannend. Wieder zog sich der Großrechner zurück, das KI-Monster schmatzte, rülpste und furzte, und spuckte nach lautem Darmgrummeln vier Antworten aus. Mir war klar, hier passierte Epochales. Life-changing, wie Hornbrillenträger in Berlin-Mitte sagen. Die erste Antwort brachte mich sofort ins Grübeln:  »Spend some time each day thinking about how you’re feeling.« Ich begann also, dreimal täglich bewusst darüber nachzudenken, wie ich mich fühle. Das ist keineswegs einfach in einer Welt, die einem ein tägliches Stakkato an spitzer Rationalität entgegentrommelt. Blöderweise hatte ich bei Antwort 1 mit einem Tag begonnen, an dem ich mich diesbezüglich dreimal ziemlich ausgelaugt und ausgepowert fühlte. Früh, mittags und abends. Was mich abschließend zu der Überlegung brachte, vielleicht auf die Übung zu verzichten, wenn ich mich kacke fühle.

Meine Hoffnung lag deshalb in der zweiten Antwort: »Take a moment to look within and find what makes you happy.« Ich hörte sofort in mich hinein, als ich just beim Fußballspielen ein Kopfballtor erzielte. Was einmal in zwei Jahren vorkommt und meine Mitspieler immer zu herablassenden Witzen animiert, dass ich den Kopf zu spät aus der Flugbahn des Balles bekommen habe und Ähnliches. Was mich daran erinnerte, dass in jedem Glück ein wenig Humor, aber auch Zweifel stecken. Mir wurde schummrig. Ich fühlte in der Folge den unablässigen Trieb, ab sofort immer und jedes Mal ein Kopfballtor zu machen, bemerkte aber umgehend, dass mir gewisse Limitationen bei der Erfüllung dieses Wunsches auferlegt sind. Ich kann nämlich fühlen, was ich will – wenn mein Gegenspieler einen Kopf größer ist als ich, baut der Ball gerne eine gewisse Distanz zu mir auf.

Bei der dritten Antwort fühlte ich mich dann wieder wertgeschätzt: »Read a book.« Na ja, dachte ich mir, wenigstens diese Kulturtechnik beherrschst du. In der Ergänzung aber grunzte der große KI-Guru aus dem Inneren: »Anything.« Zack, das saß. Egal, ob einen billigen Arztroman oder einen Mann ohne Eigenschaften. Hauptsache Buch, Ich träumte in der Nacht von einer Werbeaktion des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels aus den 1980er-Jahren. Es salutierten Headliner auf der Grand Parade of Lifeless Packaging, zum Beispiel: »Lesen statt dösen.« Ein appellativer Aufruf, der nur noch von dem Jahrhundertsatz getoppt wurde: »Buch macht kluch.« Am Ende des Traums surfte ein Spruch vorbei, der mich an meine Zeit bei der EXPO-2000-Weltausstellung erinnerte und heute im modernen Erdkundeunterricht nicht fehlen darf: »Schwing deine Haxn nach Niedersachsen.« Intelligent spricht anders. So blieb mir nur noch die vierte Antwort, um endlich mein Leben in sinnvolle Bahnen zu lenken.

»Eat a healthy diet – especially lots of vegetables.« Hier regte sich bei mir sofort innerer Widerstand, jedoch ertappte ich mich gleichzeitig, wie ich beim nächsten Spargelessen auf den gekochten Schinken verzichtete. Gab es doch noch Hoffnung für mich? Interessanterweise begann ich zur gleichen Zeit mit der Lektüre des neuen Buches von Armin Nassehi, das gerade das Licht der Welt erblickt hat. Darin vertritt er unter anderem die These, dass die Digitalisierung die Verdoppelung der Welt in Datenform sei. Das machte mich stutzig. Besteht der ganze Trick der künstlichen Intelligenz offenbar nur darin, die Welt und nichts als die Welt zu rekonzentrieren? Wie ein Glas Tomatensugo, das außen mit prallen, reifen Tomaten auf die Inhalte hinzuweisen versucht? Das malmende KI-Monster im Innern des Großrechners war unterdessen still geworden. Es hatte alles verdaut, was der Sinn des Lebens hergab.

Am nächsten Morgen wurde mir klar, dass ich nur noch den Maibock aus der Gefriertruhe schaffen müsste. Doch ein weiteres Gedankendilemma preschte heran: Der Maibock war nämlich mal ein Maibock, als er eben noch ein Maibock war. Doch die Bestimmung sah vor, dass er bald ein Ragout oder ein Rehschnitzerl werden sollte. Eine Verdoppelung der ganz anderen Art. In der analogen Welt, aber ganz real ein Gaumenschmaus. In diesem Augenblick überkam mich ein warmes Gefühl voller Dankbarkeit. Wie glücklich ich in diesem Moment war, als ich merkte, dass mir kein KI-Monster dieser Welt das Rehragout wegfressen kann, weil es nur beschäftigt ist, den Datenmüll zu verpansen, den es tagein, tagaus in sich hineinstopft. Jetzt fühle ich mich wieder richtig gut, wenn es mir gut geht! Willkommen in dieser Kolumne!

(Der Text basiert unter anderem auf dem Montagsblock 86, dem 14-tägigen Kursbuch-Blog der beiden Herausgeber Peter Felixberger und Armin Nassehi.)