Peter Felixberger – Das hochsterilisierte Runde ins primär Eckige

Bullshit im Fußball

In der Urzeit des Bundesligafußballs waren Spieler noch als ehrliche Krieger im Dschungel unterwegs. Der diesbezüglich zu Unrecht vergessene Herbert Finken von Tasmania Berlin brachte damals das Gesetz der Wildnis soldatisch auf den Punkt: »Mein Name ist Finken, und du wirst gleich hinken!« Was uns ohne Umschweife zu Paul Watzlawick führt. Der österreichische Psychologe, der mit seiner Anleitung zum Unglücklichsein seit Jahrzehnten das Bildungsbürgertum ängstigt, schreibt in seinem gleichnamigen Essay »Wenn die Lösung das Problem ist« über die Koinzidenz von Namen und Nebenfolgen.

Ein französisches Ehepaar wünscht sich darin verzweifelt Kinder. Als die beiden die Hoffnung schon fast aufgegeben haben, tritt der Glücksfall doch noch ein. Aus Freude und Dankbarkeit nennen sie ihr Söhnchen »Formidable«. Wir kennen nicht die näheren Umstände der Kindheit von Herbert Finken, wissen aber im Falle des kleinen Formidable, welche Bürde der Name in der Folge ist. Zeit seines Lebens bleibt er eine Zielscheibe lahmer Witze. An seinem Sterbebett gesteht er schließlich seiner Frau: »Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit diesem blöden Namen abgefunden, nun möchte ich nicht, dass er auch noch auf meinem Grabstein verewigt wird. Schreib, was du willst, aber erwähne meinen Namen nicht.« Und so gibt sie einen Grabstein in Auftrag, auf dem zu lesen steht: »Hier liegt ein Mann, der sein ganzes Leben seiner Frau treu und liebevoll ergeben war.« Und jeder, der fortan an diesem Grab vorbeikommt, hält kurz inne und sagt unweigerlich: »Tiens, c’est formidable.«

Womit wir wieder beim Fußball der Gegenwart sind. Denn, um formidabel spielen zu können, sollte man ein guter Fußballer sein. Chinedu Obasi, der vor Jahren bei Schalke 04 spielte, ahnte es bereits: »Fußball ist nicht so schwer, wenn du Fußball spielen kannst!« Damit überzeugte er sogar den chinesischen Zweitligisten FC Shenzhen, der dem über 30-Jährigen im Februar 2017 noch einen Einjahresvertrag gab. Obasi ist damit auch unfreiwillig der Gegenbeweis zu Watzlawicks Theorem, dass eine Lösung ein Problem darstellen oder selbiges erzeugen kann. Die Lösung, nämlich in seinem Fall, gut Fußball zu spielen, löst auch andere Probleme. Etwa, dass man schon immer in Chinas zweiter Liga Fußball spielen wollte. Oder irgendeine teure Uhr im Schaufenster kaufen will. Was auch als Rummenigge-Prinzip in die moderne Verhaltensforschung Einzug halten könnte. (…)

Peter Felixberger, geb. 1960, ist promovierter Soziologe und Mitherausgeber des Kursbuchs, der kursbuch.edition sowie der Zeitschrift enorm. Er arbeitet als Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers, als Publizist und Medienentwickler. Zuletzt erschien Deutschland. Ein Drehbuch (zusammen mit Armin Nassehi).

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