Oliver Jahraus – Der verkannte Vordenker

Ernst Jünger und die Grünen

Im Mai 1982 hatte das Kuratorium für die Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main sich entschieden: Traditionsgemäß am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, sollte Ernst Jünger diese Auszeichnung erhalten. Schon zuvor war in diesem Jahr intensiver als in der vorausgegangenen Zeit über Jüngers Vergangenheit als Nationalrevolutionär in der Weimarer Republik räsoniert worden. In diesem Kontext musste also diese Entscheidung eine umso heftigere Kontroverse nach sich ziehen. Vor allem die Grünen aus dem Frankfur­ter Stadtparlament lehnten die Preisverleihung an Ernst Jünger vehement ab, lieferten dazu auch eine prägnante Begründung, ja sogar eine Fülle von Dokumenten und Zitaten Jüngers, die belegen sollten, dass Jünger nicht preiswürdig wäre. Die Grünen inszenierten einen politischen Skandal – und konnten am Ergebnis doch nichts ändern.

All das ist lange her; in den Biografien zu Jünger findet es noch Eingang, es ist auch literaturgeschichtlich und literaturwissenschaftlich gut aufgearbeitet, aber mit der politischen Geschichte der Bundesrepublik oder gar den Grünen bringt es heute kaum noch jemand in Ver­bindung. Zu randständig war diese Episode. Und dennoch lässt sich an diesem Ereignis eine Verwerfungslinie, die Konstellation einer Kon­frontation rekonstruieren, die einiges nicht nur über Jünger, sondern genauso über die Grünen und ihr Verständnis von Politik und Demokratie aussagt, ja vielleicht sogar über das, was man das Denken der Grünen nennen könnte. Mehr noch, man könnte diese Verwerfung zu­spitzen auf die Frage, ob die Grünen seinerzeit nicht gegen den Falschen opponiert haben. Stand und steht Ernst Jünger den Grünen und dem, wofür sie eintreten und politisch kämpfen, damals wie heute nicht viel näher als beispielsweise ein Heinrich Böll, nach dem die parteinahe Stif­tung der Grünen benannt ist? Denn schließlich hatte einer derjenigen, die Jünger und seine Auszeichnung seinerzeit mit deutlichen Worten verteidigt haben, kein Geringerer als Golo Mann, der selbst als Preisträger gehandelt wurde und den Preis nach Ernst Jünger 1985 erhielt, Jünger schlichtweg selbst als »Grünen« charakte­risiert und den Grünen vorgehalten, dass dieser Schriftsteller »grüner« sei als die Grünen selbst. War Jünger ein Grüner? (…)

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Oliver Jahraus, geb. 1964, ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Medien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Das Medienabenteuer“.