Nico Stehr – Mut zur Lücke

Zur Emanzipation des Nichtwissens in der modernen Gesellschaft.

Ich möchte meine Beobachtungen mit zwei mir sehr sympathischen Zitaten einleiten. Alfred Schütz vertritt zum einen die Ansicht, dass »das herausragende Merkmal des Lebens der Menschen in der modernen Welt ihre Einsicht sei, dass weder sie noch ihre Mitmenschen ihre Lebenswelt als Ganzes vollständig verstehen«. Georg Simmel betont zum anderen: »Unser Wissen gegenüber dem Gesamtdasein, auf dem unser Handeln sich gründet, ist durch eigentümliche Einschränkungen und Abbiegungen bezeichnet.«

Meine These zum angeblichen Phänomen des Nichtwissens lässt sich im Sinne von Schütz und Simmel, aber noch genauer mit einem Verweis auf eine Formulierung des Ökonomen Joseph Stiglitz über die an Märkten scheinbar agierende unsichtbare Hand prägnant zusammenfassen: Warum ist die unsichtbare Hand unsichtbar? Weil es sie nicht gibt. Warum ist Nichtwissen so schwer zu erfassen? Weil es Nichtwissen nicht gibt.

Da ich aber nicht bereits an dieser Stelle kapitulieren will, konzentriere ich mich in diesem Essay auf die Beobachtung von wissenschaftlichen Diskursen, in denen behauptet wird, es gebe so etwas wie Nichtwissen. Die Dichotomie Wissen/Nichtwissen erscheint in vielen Abhandlungen zu diesem Thema als performativer Sprechakt, der sich allerdings nur einer Seite des von ihm Bezeichneten anempfiehlt, nämlich Wissen. Ich kann mein restriktives Erkenntnisinteresse des nur Beobachtens nicht immer beibehalten; von Zeit zu Zeit weiche ich davon ab und urteile, als ob es Nichtwissen gäbe. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 173)

Nico Stehr, geb. 1942, ist Karl Mannheim Professor für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Zuletzt erschien (mit Reiner Grundmann) Die Macht der Erkenntnis.

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