Natalie Sontopski – Hey Siri?!

Während die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in weiten Teilen schon zu Prophezeiungen der maschinellen Machtübernahme führt, ruft Natalie Sontopski in ihrem Beitrag in Kursbuch 199 zum Innehalten auf: Sind wir zufrieden mit den Geräten maschinellen Lernens, die aktuell unseren Alltag gestalten? Waren wir intelligent genug, die Maschinen mit objektiven Datengrundlagen auszustatten? Oder beobachten wir an Siri und Co., an Bewerbungssoftware und ersten humanoiden Robotern nicht viel eher eine bedenkliche Reproduktion längst überwunden geglaubter Geschlechterdiskurse?  

Natalie Sontopski, geb. 1984, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Komplexlabor Digitale Kultur der Hochschule Merseburg und forscht dort zu Grundlagen digitaler Kultur, Code Literacy sowie Gender und digitalen Technologien. 2012 gründete sie gemeinsam mit Julia Hoffmann die Code Girls. Zuletzt erschien We Love Code! Das kleine 101 des Programmierens.

Textauszug

Wir haben es geschafft: Wir sind in der Zukunft angekommen. Beiläufig fragen wir: »Siri, wie ist das Wetter heute?«, fordern: »Alexa, spiel Radio!« oder erkundigen uns: »Cortana, wie viel Uhr ist es?«, und wie durch Magie liefern uns die digitalen Stimmen Antworten oder spielen Musik. Wir können uns mit Fragen und Problemen Trost suchend an die virtuelle Schulter einer Alexa oder Siri lehnen, die mit konstanter Freundlichkeit und unendlicher Geduld Routen plant, sich um Restaurantreservierungen kümmert, Termine speichert und mit erstaunlichem Witz und entwaffnendem Charme auch zehnmal hintereinander Fragen nach ihrem Lieblingstier, ihrer Lieblingsfarbe oder ihrem Freund beantwortet.

Vom Standpunkt dieser einst utopischen und nun realen Zukunft blicken wir zurück auf eine ganze Kulturgeschichte voller Mythen und Narrative, in denen mit der Idee von künstlicher Intelligenz geflirtet wird: Angefangen bei Pygmalion und Galatea, dem Prager Golem oder Frankenstein hin zu cineastischen Phantasmen wie Metropolis, Terminator, Her, Ex Machina oder der Serie Westworld – unsere Faszination für künstlich erschaffene Intelligenz erweist sich als allgegenwärtig. In all diesen Narrativen konkurriert der dem Schaffensakt immanente wissenschaftliche Genius mit der Angst, dass sich die geschaffene Intelligenz gegen den eigenen Schöpfer wendet und Tod und Zerstörung bringt. Zum Glück sind wir bisher an der Entwicklung eines Terminators gescheitert und müssen uns stattdessen nur mit digitalen Assistentinnen auseinandersetzen. Und heimlich müssen wir uns eingestehen, dass es erleichternd ist, dass die lang ersehnte künstliche Superintelligenz eine angenehme Stimme aus unserem Smartphone ist und kein tödlicher Kampfroboter.