Naika Foroutan – Heimat. Erde. Migration.

Die Antwort darauf, was Heimat ist, empfindet die Integrationsforscherin Naika Foroutan als hochgradig selektiv. In Ihrem Beitrag für Kursbuch 198 führt sie eine exemplarisch-familiäre Feldstudie durch und staunt bei jedem einzelnen Familienmitglied, wie es Heimat ganz persönlich definiert. Im Ergebnis kann Heimat also vieles sein und vor allem so vieles gleichzeitig, dass es vor allem auf die Fähigkeit ankommt, zwischen den Heimaten zu switchen.

Naika Foroutan, geb. 1971, ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt er schien Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik (zusammen mit Juliane Karakayali et al.).


Textauszug

Intro – Heimat Deutschland

Ich höre im Moment viel deutschen Rap. Das soll nicht heißen, dass ich besonders cool bin, Deutschrap dominiert einfach 80 Prozent der deutschen Charts. Und ich habe Söhne, und für die zieht sich die Verhandlung von Heimat und Identität durch diese Songs. Meine Tochter hört lieber englische Hits. An den Liedern des Rap kann man die Konjunkturen der Heimatverhandlung ablesen. Viele Heimaten gibt es darin, manche recht trostlos. Man wundert sich, was alles besungen werden kann: Rüsselsheim (Mero), das Märkische Viertel (Sido) – und Eko Fresh rappte 2014: »Wo komm ich her?«, und traf mit seiner Kinder-Line ins Herz der aktuellen Debatten: »Ich bin hier aufgewachsen, ich bin ein Teil von euch. Kannst du mir mal sagen, warum sich hier keiner freut?!«
Nicht mehr nur Hinnahme und ein »Akzeptiert doch endlich, dass wir hier sind« ist hier gefragt – nein, hier wird schon der nächste Aushandlungsschritt eingeleitet: Es geht um Affirmation. Ein klares Ja. Warum freut man sich nicht darüber, dass diese Kinder ein Teil des Ganzen geworden sind?! Anklagen, Aneignung, ultimative Sprachkunst und Banalität vermischen sich in dieser zeitdiagnostischen Poesie des Rap. Heimat ist auch in anderen Zirkeln als im Heimatministerium ein Thema. Und die Vorstellungen von dem, was Deutschland ist, berühren sich zum Teil nicht mehr. Sie deuten zwar den gleichen Raum aus – Deutschland –, aber sie beziehen sich nicht auf dieselben Geschichten und Gefühle in diesem Land. Heimat ist für jeden etwas anderes. Doch irgendwie glauben die meisten Menschen offenbar, sie meinten intuitiv das Gleiche, wenn sie von Heimat sprechen: ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Sicherheit, von Sehnsucht.

Der Begriff Heimat scheint sich zu einer Chiffre entwickelt zu haben, um dem Dilemma der Mehrdeutigkeit und Hybridisierung zu entkommen, das Gewissheiten und Eindeutigkeiten auflöst. Hier wird ein Gefühl aufgerufen, in dem alles einen Sinn macht, wo alles seinen Ursprung hatte und wohin alles zurückfließt. Heimat ist derzeit sehr konkret.