Naika Foroutan 
- Wie lange bleibt man ein Fremder?

Ich erinnere mich, als ich das erste Mal den Fremden von Camus las, nicht verstanden zu haben, warum der Titel des Romans »Der Fremde« lautet. Ich war 15 Jahre alt und las den Roman damals, weil es noch immer angesagt war, Existenzialisten zu lesen. Ich konzentrierte mich vor allem auf die Geschichte als Verlaufskonstrukt: Ein Franzose begeht unabsichtlich eine Straftat und wird am Ende dafür hingerichtet, dass er am Grab seiner Mutter nicht geweint hat. Ich habe es als große Ungerechtigkeit gelesen. Die Fremden waren dabei für mich die Anderen. Beim zweiten Lesen – ein Jahrzehnt später – war es umgekehrt: Wer, wenn nicht Er, war der Fremde? Der absolute Fremde! Ich verachtete ihn.

Sein Desinteresse, seine Teilnahmslosigkeit – wie konnte es ihm so egal sein, dass seine Mutter gestorben war? Wie konnte alles an ihm vorbeirauschen, ohne sein Mitleid zu wecken, seine Zuneigung oder seine Position? Er verdiente es, der Fremde zu sein – er war fern von allen und sich selbst dabei nicht nah.
Das als Vorspann, um zu verdeutlichen, dass die Frage von Fremdsein gesellschaftlich präsent war, lange bevor man anfing, Fremdsein vor allem mit Migration, Ankunft und (Fremd-)Bleiben in Verbindung zu bringen. Die Frage, ob Fremdsein etwas mit der Verlagerung von Lebensorten und dem Verlust oder Zugewinn von Heimat zu tun hat oder mit Fragen an sich selbst, die andere für einen beantworten, ist heutzutage zu einem Kernfaktor der Debatten über Fremdheit avanciert. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Naika Foroutan, geb. 1971, ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin und stellvertretende Leiterin des Berliner Instituts für Integrations- und Migrationsforschung. Zuletzt erschien Deutschland postmigrantisch II. Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität.

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One thought on “Naika Foroutan 
- Wie lange bleibt man ein Fremder?”

  1. Sehr geehrte Frau Faroutan,

    ich bin Deutscher. Auch wenn ich in China geboren wäre und dort leben würde, bleibe ich ein Fremder in einem fremden Land.
    Aber jetzt zurSache, Sie sind Professorin und sagen 800000 Flüchtlinge pro Jahr wären kein Problem? Und sie haben studiert? Was? Haben Sie denn mal darüber nachgedacht, wie schnell sich diese Völker vermehren? Bei diesen Massen wird es wirklich so weit kommen, daß einige anders farbige Kinder ein deutsches Kind fragen werden, wer bist du denn? Die deutschen Frauen werden dann auch nicht mehr zu erkennen sein, weil sie dann auch Kopf-
    tücher tragen werden. Außerdem, warum die Flüchtlinge integrieren? Sollen die denn nicht nach Kriegsende in ihr Land zurückgehen und das Land wieder aufbauen, wie wir Deutsche es gemacht haben? Oder soll das Land leer stehen bleiben, oder sollen wir Deutsche das auch noch machen? Darüber sollten Sie sich lieber mal Gedanken machen und das wir Deutsche immer mehr ausgebeutet werden.

    MfG.

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