Neulich bei der Mitgliederversammlung des erfolgreichsten deutschen Fußballvereins. Michael O., Vereinsmitglied und Jurist, tritt ans Mikrofon. „Lautstarke Unmutsbekundungen“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. O. kritisiert den neuen Sponsoringvertrag mit der Emirates-Airline, die ihren Sitz in Dubai hat. „Dieses Sponsoring vereint in einem Vertrag die Probleme aus dem Katar-Sponsoring – die Ausbeutung der Gastarbeiter, mit denen aus dem Ruanda-Deal – Unterstützung von verbrecherischen Milizen“, zitiert die SZ. O. spielt dabei auf die sogenannten RSF-Milizen an, die im Sudan Kriegsverbrechen begehen und von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden. Es folgen Buhrufe. Der Vorstandsvorsitzende des Fußballvereins, Christian D., antwortet, wie die SZ ebenfalls zu zitieren weiß: „Herr O., schön Sie wiederzusehen. Ich habe Sie letztes Jahr vermisst, vielleicht waren Sie ja im Urlaub. Hoffentlich keine Flugreise.“
Ich könnte die Geschichte hier enden lassen und Christian D. als billigen Claqueur titulieren, der aus der Überheblichkeit der hinter ihm stehenden Masse zum polemischen Clearcut ansetzt und Herrn O. schamlos zu desavouieren versucht. Und ich könnte die herablassende Schlussbemerkung einer Urlaubsflugreise als das mögliche Resultat einer unbewältigten Selbstüberhöhung und eines womöglich präpotenten Überzeugungsstalinismus interpretieren.
Mich interessiert aber: Warum schämen sich Menschen nicht, wenn sie andere demütigen? Oder in unser Beispiel übersetzt: Warum hat Christian D. eigentlich keine Angst, moralisch bloßgestellt zu werden und warum hat er keine Angst vor der Schande seiner Argumentation? Wir blättern zu diesem Zweck etwas in der Weltliteratur. Der erste Schamverstecker, den wir dort treffen, ist Jean-Jacques Rousseau.
Der Philosoph beschreibt in seinen Bekenntnissen den Diebstahl eines rosa-silbernen Stoffbandes, von ihm ausgeführt, aber einer jungen Köchin in die Schuhe geschoben. „Stotternd und stammelnd beschuldigt Rousseau, der tatsächliche Dieb, die junge Marion, ihm das Band gegeben zu haben. Allerseits Erstaunen: Das Mädchen war immer brav und loyal gewesen.“ Bei einer Gegenüberstellung bleibt Rousseau bei seiner Geschichte – „mit einer teuflischen Kühnheit“ – und versteift sich auf seine Lüge. Die Angst vor der Schande ist stärker als alles andere. Die Angst, moralisch bloßgestellt zu werden, ist stärker als Scham und Schande erleiden zu müssen. O-Ton: „Mich erfüllte nur der grauenhafte Gedanke, überführt und in meinem Beisein öffentlich als Dieb, Lügner und Verleumder erklärt zu werden. Eine vollkommene Verwirrung raubte mir jedes andere Gefühl.“
Wir erkennen: Scham und Schande leben einerseits im sichtbaren Zuviel und bisweilen auch im unsichtbaren Zuwenig. Die Angst vor der Schande tritt offenbar dann in den Hintergrund, wenn es gelingt, den anderen seinerseits zu beschuldigen, zu desavouieren oder erzählerisch anders einzukleiden. Man versteckt sich hinter einem Vorwurf. Was allerdings nicht immer gelingt, wie das nächste literarische Beispiel zeigt. Hier verbergen sich die Beschämten geschickt in unsichtbarer Umgebung.
Der Schriftsteller Joseph Conrad erzählt in „Lord Jim“ folgende Begebenheit: Der 24-jährige Jungkapitän Jim heuert als Erster Offizier auf dem Dampfschiff Patna an, das voller Pilger auf dem Weg nach Mekka ist. In der Nacht rammt das Schiff ein Wrack. Eine Katastrophe bahnt sich an. Das Schiff droht aufgrund eines großen Rumpfschadens zu sinken. Leider gibt es nur sieben Rettungsboote für 800 Passagiere. Jim ist nervös. Soll er die Passagiere wecken und eine Panik auslösen? Plötzlich sind Stimmen zu hören. Der Kapitän und zwei Gefolgsleute haben ein Ruderboot ins Meer gelassen und rufen einem dritten Mechaniker zu: Spring, spring! Jim springt wie von Sinnen ebenfalls und gesellt sich zu den Feiglingen, die sich davonmachen. Das Beiboot entfernt sich vom Schiff, das langsam zu sinken droht. Viele Stunden später werden sie von einem anderen Schiff aufgenommen. Kurz danach gibt der Kapitän an Land eine Ehrenerklärung ab.
Die Schande aber kommt auf leisen Pfoten. Es stellt sich nämlich gleichzeitig heraus, dass das Unglücksschiff gar nicht untergegangen war, sondern seinerseits von einem französischen Kanonenboot ohne Mannschaft gerettet werden konnte. Alle Passagiere sind gesund und munter, aber verstört. Ein Wunder war geschehen. „Zurück bleiben die Schande und die Verachtung. Der Sinn der Geschichte dreht sich: Die vier unglücklichen Überlebenden sind in Wirklichkeit vier schändliche Flüchtlinge.“
Der französische Philosoph Frédéric Gros erzählt in seinem neuen Buch „Scham“ die Geschichte zu Ende. Denn der Kapitän und seine Komplizen ergreifen die Flucht, während Jim sich seinem Urteil stellt. Er lässt sich öffentlich vor Gericht stellen und „wird mit Häme überhäuft“. Gleichzeitig stellt er sich, „um sich selbst bis zum Ende in den Augen aller anderen verachten zu können. Um den Kelch der Scham und Schande bis zur bitteren Neige zu trinken“. Einer Scham, wie Gros richtig hinweist, die frei von jeglicher Schuld sei. Niemand war zu Schaden gekommen. Nur Jims Image, Prestige und sein Name.
Stellt sich für uns ab- und aufgeklärte Menschen heutzutage die Frage: Muss sich Jim für sein Verhalten schämen? Faktisch ist nicht viel passiert. Alle Passagiere wurden gerettet. Niemand wurde verletzt oder gar getötet. Dennoch kann Schande sich über ihn ausbreiten. Jim wird substanziell verletzt. „Eine Art von Schmutz, Dreck, Undurchsichtigkeit und tiefe Negativität“ klebt an ihm. Sein Ansehen löst sich in Luft auf. Spott und Diffamierung, Beleidigung und Verleumdung sind Tür und Tor geöffnet. Unterdessen bleiben der Kapitän und seine Spießgesellen abgetaucht und können ohne substanzielle Scham und Schande weiterleben. Solange, wie sie unerkannt bleiben.
Schamtheoretisch bleibt unser Fußballfunktionär Christian D. ebenfalls unerkannt und offenbar unantastbar (außer die digitale Scham käme ins Rollen). In der Geborgenheit der geballten Selbstsicherheit des Fußballvereins braucht er wenig Scham und Schande zu befürchten. Selbst der halbdevote Sportteil der SZ spricht nur von einer „unscharfen Polemik, die für Lacher sorgte und dem öffentlich Geschmähten noch zusätzlich einen mitgab“. Hahaha, wie lustig! Die Frage allerdings, warum ein Fußballverein Geld von moralisch höchst zweifelhaften politischen Mächten nimmt, bleibt unbeantwortet. Dafür hat der oberste Moralhüter der FIFA, Gianni Infantino, jedoch eine allumfassende Antwort gefunden. Die Europäer sollten niemandem „moralische Lektionen“ erteilen. So, die Herren O. und F.! Aus, Feierabend und Schluss für heute!
In meiner nächsten LEGO-Buchkolumne beschäftige ich mich ausführlich mit Frédéric Gros‘ neuem Buch Die Scham. Passagen Verlag, Wien 2025. Das dazugehörige Kursbuch 224: „Zu viel, zu wenig“ erscheint Anfang Dezember.
Peter Felixberger, Montagsblock /358
10. November 2025