Monika Wohlrab-Sahr – Die Macht der Unterscheidung

Gibt es nicht-westliche Grundlagen der Säkularität?

I. Säkularität perdu?

Die Diagnosen des 19. und 20. Jahrhunderts, soweit sie die Religion betrafen, erscheinen uns heute in vieler Hinsicht »von vorgestern«. Ging es bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fast unisono um das – unvermeidliche – Ineinandergreifen von Modernisierung und Säkularisierung, weisen die Zeitdiagnostiken in der Zwischenzeit vor allem in die entgegengesetzte Richtung. Säkularisierungstheorien sehen sich heftigem Gegenwind ausgesetzt. Von »Entsäkularisierung« ist die Rede, von der »Entgrenzung« religiöser Kommunikation, von der »Wiederkehr der Götter«, der »postsäkularen« Gesellschaft und anderem mehr. Einmal geht es um ein verändertes Bewusstsein moderner, sich säkular dünkender Gesellschaften, angesichts der Präsenz der Religion von Migranten, aber auch des religiös motivierten Terrors. Ein anderes Mal geht es um einen faktischen Prozess der Wiederkehr der Religion, und wieder ein anderes Mal um einen Gestaltwandel, der das Religiöse oder Spirituelle aus den Kirchenmauern in die Öffentlichkeit der Populärkultur trägt. Nicht immer ist dasselbe gemeint bei der Verwendung von derlei Diagnostiken, und bisweilen wird im öffentlichen Diskurs eher die Metapher aufgegriffen als die damit belegte Analyse.

Noch grundlegender sind die Einwände gegen Säkularisierungstheorien, wenn es um nicht-westliche Gesellschaften geht. Die älteren Annahmen, der Westen habe eine Vorreiterrolle bei der Durchsetzung säkularer Staaten und Gesellschaften, haben sich verkehrt zur Zuschreibung eines Ausnahmestatus: Der Säkularisierungsprozess in Europa sei – in globaler Perspektive – wohl eher die Ausnahme als die Regel.

Wie skeptisch man auch manchen dieser Generalisierungen – und ihrer Kehrseite, der Zuweisung von Exzeptionalismen – gegenüberstehen mag: Offenkundig hat sich an der religiösen Lage manches verändert, mehr wohl als Säkularisierungstheoretiker mit ihren Instrumenten der Vermessung religiöser Zugehörigkeit, Praxis und Überzeugung es vielfach wahrhaben wollen. Diese Veränderungen aber mit einer generellen Verabschiedung von Säkularisierungsdiagnosen zu verbinden, führt auf die falsche Fährte. Säkularisierung und veränderte religiöse Präsenz stehen nebeneinander und in Spannung miteinander. Dadurch rückt die Frage der Grenzziehungen zwischen Religiösem und Nichtreligiösem, Religiösem und Säkularem immer stärker in den Vordergrund. (…)

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Monika Wohlrab-Sahr, geb. 1957, ist Professorin für Kultursoziologie und – zusammen mit Christoph Kleine – Direktorin der Kollegforschungsgruppe »Multiple Secularities: Beyond the West, Beyond Modernities« an der Universität Leipzig. Zuletzt erschien „Kultursoziologie. Eine problemorientierte Einführung“ (zusammen mit Thomas Schmidt-Lux und Alexander Leistner).