Thomas Kron, Pascal Berger 
- Moderner Terrorismus (Volltext)

Seid ihr von der Judäischen Volksfront? Judäische Volksfront? Quatsch! 
Wir sind die Volksfront von Judäa! (Aus: Das Leben des Brian, Filmkomödie 1979)

Spätestens seit dem 11. September 2001 bedroht die westliche Welt ein »neuer Terrorismus« – so lautet eine Selbstbeschreibungsformel. Ein Terrorismus, der aus dem Nahen Osten kommt und trotz der Ferne mittlerweile ein gewisses Gewohnheitsrecht proklamieren darf in dem Sinne, dass man nicht wird sagen können, nicht darum gewusst zu haben. Man kennt sich. Dieser Terror ist nahe gekommen und den Menschen auch in Europa nicht mehr fremd, was nicht nur an den Anschlägen etwa in Madrid (2004), London (2005) oder Paris (2015) liegt, sondern mehr an jenen Dingen, die unseren Alltag durchströmen und eher dem »War on Terror« geschuldet sind, etwa die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen, das Ausspähen der eigenen Bürger etc. – und vor allem das Gefühl, permanent bedroht zu sein. Man könnte sagen, dieser Terrorismus ist nah und fern zugleich. Diese Merkwürdigkeit, dass etwas seinem Gegenteil entspricht, scheint sogar ein wesentlicher Charakterzug des neuen, transnationalen Terrorismus zu sein.

Um ein weiteres Beispiel zu nennen, sei auf den sogenannten Konvertiteneffekt verwiesen. Zunehmend sind es nämlich nicht mehr »die Anderen«, die als die terroristischen Feinde auftreten, sondern es sind wir selbst, die Freunde, die sich in kürzester Zeit wandeln, zum Islam konvertieren, sich radikalisieren und zum Terror übergehen. Man könnte sagen, dass es sich gerade deshalb nicht um einen Krieg handelt, wie der ehemalige US-Präsident George W. Bush oder jüngst Frankreichs Präsident François Hollande meinten ausrufen zu müssen, weil die Eindeutigkeit der Unterscheidung von Freund und Feind verloren gegangen ist und der Fremde Einzug gehalten hat. Wir möchten in diesem Beitrag zuerst zeigen, dass wir, die Modernen, diese Fremden produziert haben. Diese Fremden reagieren dann mit Terror. Und produzieren damit wiederum uns als Fremde. Übersehen wird dabei die notwendige Nähe, die das Fremde impliziert.

Lebenssoziologie

Zur Beleuchtung dieses Phänomens greifen wir auf die lebensphilosophische beziehungsweise lebenssoziologische Figur von Georg Simmel zurück. Simmel hat die These aufgestellt, dass letztlich alles Leben in einem fortdauernden Prozess der Entfremdung steht, welche zugleich zu ihrer Überwindung auffordert. Leben ist ein kreativer Prozess einer – um es mit der Formel des Ökonomen Joseph Schumpeter zu sagen – schöpferischen Zerstörung: Leben schafft Formen – Organismen, Institutionen, Denk- und Verhaltensweisen, Sprachen etc. –, um diese gleich wieder zu überwinden. Diese Kreativität des Lebens speist sich nach Simmel aus einem schier unerschöpflichen Pool von Rekombinationsmöglichkeiten, seien es genetische, psychologische oder soziale. Als schöpferische Kraft kann sie nur wirken, indem sie eine konkrete Form annimmt. Weil das Leben seinen Möglichkeitshorizont in keiner Form erschöpft sieht, drängt es zu deren Überwindung, Zerstörung oder Sprengung, und setzt eine andere Form an deren Stelle, die jedoch das gleiche Schicksal erfahren wird.

Genau in diesem Bewegungsakt von Formung und Überwindung sah Simmel das Wesen geradezu allen Lebens, weshalb er es nicht auf Biologisches – hier: Rekombination und Sterblichkeit individueller Organismen – beschränkt, sondern Geist und Gesellschaft ebenso als Artikulationsebenen des Lebens verstanden wissen wollte. Oder, um es noch einmal mit anderen Worten zu sagen: Die Selbstentfremdung des Lebens besteht in der konstitutiven, nicht überwindbaren Differenz zwischen dem unbestimmten Horizont möglicher Formen und den jeweils historisch aktualisierbaren Formen. Dass die Form dem Moment nie genügt, diese Erfahrung von Entfremdung, dem Drängen aus den starren Formen heraus in irgendwie passgenauere, für den Moment zumindest anschmiegsamere Formen ist in der Moderne allgegenwärtig geworden. Formen stellen sich gegen Formen, drängen zu deren Überwindung – im Krieg wie in der überzeugenden Rede, in der Innovation wie im sprachlichen Wandel, oder im Ringen um Leben und Tod des biologischen Organismus.

Diese Differenz markiert bei Simmel eine permanente Spannung, an der sich das Leben abarbeitet, und die Formen (!), in denen es das tut, sind Simmel zufolge – nur um eine hier naheliegende Auswahl zu nennen – Krieg, Tod, Konflikt, Zerstörung. Die Formen des Lebens sind jedoch robust, sie besitzen eine ihnen wesenhaft innewohnende Beharrungskraft. Wir sind alle zum Sterben verdammt und setzen unsere Überlebensinstinkte dem sicheren Tod entgegen. Gesellschaften steigen auf und gehen unter – und beharren auf ihrem Anspruch auf (soziales) Leben. Dies liefert das theoretische Fundament für die grundlegende Paradoxie, die Simmel in jedem Vergesellschaftungs- wie Individuierungsprozess sah: Leben ist mehr als Leben und mehr Leben zugleich! Innerhalb der modernen Gesellschaft taucht diese Paradoxie als innere Entfremdung wieder auf.

Die moderne Form des Lebens

Betrachten wir vor diesem Hintergrund die Form der modernen Gesellschaft, dann können wir mit Zygmunt Bauman sehen, dass sie sich in der Gestalt einer Dichotomisierung zeigt. Für Bauman ist es gerade der Charakterzug der modernen Kultur, die Welt nach streng getrennten Kategorien zu ordnen. Dies ist gedeckt durch die christliche Anschauung: De Crescenzo sieht die Dichotomisierungsanschauung des Manichäismus äquivalent zur christlich-modernen Neigung der Aufteilung der Welt in zwei strikt getrennte Sphären: »Selbst Jesus, dem doch Vergebung nicht fremd war, sagt in seiner Bergpredigt sehr streng dualistisch: ›Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein! Was darüber ist, das ist von Übel.‹« Bauman zitiert in diesem Kontext moderner Weltanschauung die Deutung Mizińskas aus den Offenbarungen des Johannes (3,15–17): »Ich kenne euer Tun. Ich weiß, dass ihr weder warm noch kalt seid. Wenn ihr wenigstens eins von beiden wärt! Aber ihr seid weder warm noch kalt; ihr seid lauwarm. Darum werde ich euch aus meinem Mund ausspucken.« »Der Zorn und die Verachtung Gottes«, so Bauman weiter, »des obersten ethischen Gesetzgebers, richten sich gegen die Lauwarmen, die ›weder Heißen noch Kalten‹ […]. Gott bestraft sie nicht wie die Sünder – er ›spuckt sie aus‹; eine Geste, die ›Abscheu, Widerwillen, Ekel‹ signalisiert.

Die Lauwarmen sind nicht auf dem falschen Weg, wie es nur die ›Heißen‹ oder ›Kalten‹ sein können – sie haben sich aus der menschlichen Gemeinschaft verabschiedet, in der die Unterschiede zwischen richtig und falsch, gut und böse, eine zentrale und sinngebende Rolle spielen. Mit ihrer Indifferenz gegenüber den Anderen, die außerhalb der Grenzen des möglichen Engagements stehen, begehen die Lauwarmen keine moralische Sünde: Tatsächlich platzieren sie sich vielmehr jenseits aller Ethik.« Die modernen Leitunterscheidungen gestalten sich dementsprechend: Wir versus die Anderen, Freund versus Feind oder, noch konkreter zu Zeiten des Kalten Krieges: die USA und der Westen versus das Reich des Bösen (»der Russe«). Im Kampf gegen den Terrorismus nach 9/11 erhielt der Inhalt das Update: Wir, die Modernen, versus »die Achse des Bösen« (wahlweise zutreffend auf al-Qaida, Irak, Iran, Muslime etc.).

Die moderne Ordnung des Lebens hat die Form der Dichotomisierung! Gegen Bereiche der Unordnung wird ein erbitterter Krieg geführt: »Culture is about introducing and keeping an order and fighting everything that departs from it and that from the point of view of this order looks like chaos.« Das dem hygienischen Dual der Ordnung Widersprechende wird bekämpft, indem alles, was die dichotome Ordnung stört, ausgeschlossen wird. Diese Form des strikten Dualismus beharrt, sie pocht auf Geltung, produziert aber damit eine Entfremdung gegen das Leben, das sich nicht in der Form erschöpfen kann. Es reibt sich am Dualismus, es widerstrebt ihm – und drängt umso stärker zu deren Überwindung. Anders formuliert nimmt Bauman an, dass derartige dichotome Kategoriensysteme inhärent immer einen Rest – Leben! – miterzeugen, der sich nicht in die Kategorien fügen kann. Man könnte vom blinden Fleck dichotomer Kategorien sprechen. Bauman selbst bezieht sich in seinen Beschreibungen der modernen Gesellschaft bezeichnenderweise auf Simmels Figur des Fremden.
Der Fremde, so Baumans Adaption des simmelschen Fremden, unterwandert dichotome Unterscheidungen (von Freund versus Feind beziehungsweise Wir versus die Anderen), was die soziale Ordnung der Moderne verletzt. Der Fremde steht für die erkennbare Gefahr, die Ordnung des Kategorien- beziehungsweise Unterscheidungssystems zu zerstören. Der Fremde gehört weder dazu, noch gehört er de facto nicht dazu; er ist weder ausgeschlossen noch integriert. Er ist integriert exkludiert – die Restkategorie, in die sich das nicht in die Form fügende, deshalb zugleich eine potenzielle Gefahr darstellende gesellschaftliche Leben kleidet.

Für die Begegnung mit einem solchen Fremden stehen der dichotom geordneten Moderne keine geeigneten Umgangsweisen zur Verfügung, denn die Begegnung mit einem Fremden ist von Inkongruenz und Regelinkompatibilität gezeichnet: »[…] tatsächlich ist der Fremde eine Person, die mit einer unheilbaren Krankheit, der multiplen Inkongruenz geschlagen ist. Der Fremde ist aus diesem Grund das tödliche Gift der Moderne.« Diese existenziell inkongruente Konstitution verhindert jede Chance der Assimilation. Man muss deshalb, um mit Fremden zu leben, die Fertigkeit der Vergegnung beherrschen: Jene Gewandtheit, andere in die Sphäre der Nichtaufmerksamkeit zu rücken: »Die allgemeine Wirkung, die in der Entfaltung der Kunst der Vergegnung liegt, heißt Desozialisierung des potenziellen sozialen Raumes oder Schutz des physischen Raumes.« Vergegnung kann viele Ausprägungen annehmen, der Holocaust wird als eine historische Maßnahme von Bauman beschrieben. Die Funktion ist: die unbedingte, wenn nötig brutalste Erhaltung der geheiligten Form des dichotomen Unterscheidens.

Diesem Vorgang ist nicht zu entkommen, denn jedes Unterscheiden erzeugt Fremdes. Das dichotome, exklusive Unterscheiden verschärft das Problem, weil per se alles das, was zwischen den beiden Seiten einer verwendeten Unterscheidung liegt – Hybride –, nicht auf die Extrema der beiden Seiten der Unterscheidung zugerechnet werden kann beziehungsweise darf und folglich als Abfall gelten muss. Dieser »Abfall wird […] zu einer Verkörperung der Ambivalenz.« »Das Problem der Moderne ist, dass der Feind nun im System, innerhalb der Grenzen des Systems in der Form des Unpassenden vorkommt. Die Ambivalenz ist, dass es augenscheinlich Elemente in und unter uns gibt, die faktisch nicht zu uns passen. Und deshalb müssen diese ambivalenten Elemente ausgestoßen, ausgesondert, weggeschafft werden.« Bleiben wir bei den oben genannten modernen Unterscheidungen, dann sehen wir als »Fremdes« in der Unterscheidung von »wir/die Anderen« etwa die Ausgegrenzten und als »Fremdes« in der Unterscheidung von »Freund/Feind« bis 9/11 unter anderem die Muslime. Keine »Säuberung« kann jedoch das Widersinnige dauerhaft im Zaum halten. Im Gegenteil, mit der Rigidität der Dichotomie nimmt der Spannungsgrad zu, mit dem das Leben sich gegen seine Entfremdung stellt – notfalls mit Gewalt.

Terror: Das Leben überwindet die Form

Das Argument ist, Terrorismus als eine Form des Lebens zu fassen, in welche sich das Leben gießt, wenn es gegen jene Form ankämpft, in der es nicht mehr zum Ausdruck kommt. In diesem Widerstreit, dem Ringen und Anspruch auf Durchsetzung zwischen den fremd wie feindlich gegenüberstehenden Formen, besteht wiederum das Lebensprinzip selbst. Baumans »Abfall« kleidet sich in Formen, die die Moderne annehmen muss, um ihre eigene Entfremdung zu überwinden, wenn auch ohne Aussicht, diesen Prozess beenden zu können. Sofern der Prozess der Entfremdung als ein der modernen Lebensform inhärenter Prozess verstanden wird, ist der Terrorismus sowohl modern als auch nicht modern. Fremd und zugehörig, fern und nah zugleich ist Terrorismus immer schon modern gewesen. Wir kommen gleich darauf zurück. Zuerst verwundert nun nicht mehr, dass die Terroristen an die moderne Unterscheidungsanschauung anschließen und der Dichotomisierung grundsätzlich anhaften – gleichsam als Leitunterscheidung einen anderen Inhalt wählen. Die Leitunterscheidung der islamistischen Terroristen lautet Gläubige versus Ungläubige. Wer sich auf welcher Seite wiederfindet, ist natürlich genauso willkürlich wie bei den »klassisch« modernen Unterscheidungen. Konkretisiert wird die Leitunterscheidung Gläubige versus Ungläubige durch die Unterscheidung von Allah versus Satan, spezifiziert durch die Unterscheidung von Umma versus USA.

Die Gründe und Motive dafür, warum Menschen sich zum Terrorismus hinwenden, sind vielfältig. Die Forschung ist sich lediglich einig, dass es keine einzelne, nicht die bestimmte Ursache, keine »root cause« gibt, sondern vielfältige Bedingungen. Genau darin, in der Fähigkeit, sich eine Vielfalt von Inhalten einordnen zu können, besteht nach Simmel der evolutionäre »Erfolg« von Formen. Je mehr »Motive« die Formen auf sich vereinen können, desto stabiler werden sie, umso mehr gerinnt die Form zu einer robusten, beharrungs- und widerstandsfähigen Form. So wird etwa immer wieder auf relative soziale Deprivationen verwiesen, das heißt, dass sich viele Menschen aus dem Nahen Osten im Vergleich zu anderen Staaten und besonders im Vergleich zu westlichen Gesellschaften benachteiligt fühlen und gleichsam diese Nationen für die Benachteiligungen verantwortlich machen. Die Tatsache, dass viele Staaten als »schwache« oder sogar »gescheiterte« Staaten zu betrachten sind, da sie einige Sicherheitsfunktionen nicht mehr hinreichend erfüllen können, wird als weitere Bedingung ebenso ins Feld geführt wie eine vorhandene »Ökonomie des Terrors« und eine Sozialkultur, welche stark durch religiöse Vorgaben des Islams geprägt ist, der in seiner Deutungsoffenheit unter anderem das Konzept des Dschihad beinhaltet, welcher als eine Legitimationsfolie für terroristische Akte – in der Selbstwahrnehmung dann: Selbstverteidigung – dient. Soziale Deprivation, politische Instabilität, Ressourcenausstattung, religiös-islamischer Fundamentalismus – was sie eint, ist die Form, mit der sich das gesellschaftliche Leben gegen die eigene Entfremdung stemmt. Die Form des Terrorismus ist ihr Konvergenzpunkt. Und je mehr »Energie« ihm aus den heterogensten Bereichen »zugeführt« wird, desto stabiler wird diese Form sein, umso schwerer wird es sein, diese Form des Konfliktes zu überwinden. Dass diese Motive sich in der Form des Terrorismus zusammenfinden und nicht zum Beispiel in einer friedlichen Form des Widerstandes, ist wesentlich auf eine Anpassung an die Strategie der anderen Akteure zurückzuführen, welche die Gründe und Motive der historischen Formierung des Terrorismus massiv mitgeprägt haben – zuallererst die Strategie der USA mit ihrem vorbeugenden militärischen Imperialismus.

Das Fremde des Terrors

Wenn das bisher Gesagte, die Interpretation des Terrorismus aus der lebenssoziologischen Perspektive Simmels, richtig ist, dann ist noch offen, was nun das Fremde dieser genuin modernen Form des Lebens ist, welches der Terror aus sich heraus produzieren muss. Was ist die andere Seite, der blinde Fleck des Terrors? Wir können nur mutmaßen: Der blinde Fleck des Terrorismus ist die Gemeinsamkeit, die Nähe zum Feind! Die Leitunterscheidung von Gläubig versus Ungläubig verdeckt, dass der Andere – der Westen, die USA etc. – Nähe zu den Terroristen aufweist. Dies ist eine für die Aufrechterhaltung jener die Form des Terrors konstitutiven Leitunterscheidung gefährliche Nähe, weshalb sie verschleiert, invisibilisiert werden muss. So wie der Fremde durch Vergegnung exkludiert werden muss, damit die Unterscheidung von Freund und Feind in ihrer Reinheit erhalten bleibt, so muss die Nähe des Terrors verborgen bleiben, damit die Reinheit der Unterscheidung von Gläubigen und Ungläubigen bewahrt bleibt. Der Terrorist muss sich dem Ungläubigen zum Unbekannten, zum Fremden im alltäglichen Sinne machen, auch wenn dieser genau besehen nahe ist – im Alltag beim Einkauf, auf der Arbeit oder an der Universität. Die Form funktioniert, wenn sie die notwendig mitproduzierte Nähe umkehrt in Fremdheit und Aversion. Diese Nähe beginnt im Falle des islamistischen Terrorismus damit, dass der Dschihad als Ergebnis einer wechselseitigen, fortdauernd konfliktbeladenen Anpassung des Ostens und des Westens begriffen werden muss. Wir hatten ja bereits gesagt, dass der Terrorismus, verstanden als ein Ausdruck des Fremden in der Moderne, immer schon modern gewesen ist. Nach Bassam Tibi muss man den Dschihad als »Ausdruck gegenseitigen Austauschs und Einwirkens aufeinander« begreifen.

Dabei kamen sich Ost und West immer wieder nahe, bisweilen gefährlich nahe, bis hin zum tödlichen Konflikt, nur um in eine umso stärkere innere Distanz zueinander zu kommen. Zugleich standen sie in Beziehungen des politischen, kulturellen und ökonomischen Austauschs. Ort des Anpassungszwangs ist der Mittelmeerraum, der zu einer »euro-islamischen Nachbarschaft« zwingt. Auf die islamische Expansion in Europa im siebten und achten Jahrhundert sowie in der osmanischen Epoche ab dem 14. Jahrhundert mit dem Höhepunkt der Eroberung Konstantinopels 1453 folgte der Niedergang der zivilisatorischen Errungenschaften des Islams, begleitet durch die Kreuzzüge aus dem Westen und die Mongolen-Invasion aus dem Osten. Die Kreuzzüge werden fortan als Vergleich dienen, wann immer der Westen in den Osten einzudringen versucht, sei es gewalttätig im Zuge der Kolonialisierungen, sei es durch kulturelle (zum Beispiel Individualismus) oder wirtschaftliche (»Coca-Cola«) Penetration.
Die damit verbundenen Belastungen der Beziehungen sind folglich mit den Konzepten des Kreuzzugs sowie des Dschihad als militärische Komponenten des jeweiligen Universalismus verbunden, da beide Konzepte in der politischen Umsetzung ihrer universalistischen Weltanschauungen nichts anderes sind als Versuche der Welteroberung. Die Ausdeutung der traditionellen Konzeption des Dschihad geschieht vor dem Hintergrund der Interpretation und Evaluation der – aus der islamistischen Sicht bis heute andauernden – Kreuzzüge.
Erst in jüngster Zeit wird der Dschihad als Reaktion auf die westliche Geopolitik im Sinne einer Rückeroberung wiederbelebt. Der Dschihad legitimiert, dass Angriff nun die beste Verteidigung bedeutet.

Ein wichtiger Vordenker für die Wiederbelebung des Dschihad-Konzepts war der Ägypter Sayyid Qutb, der 1966 wegen »staatsfeindlicher Handlungen« in Ägypten hingerichtet wurde. An dieser Person kann man die dann später in Terror umschlagende Nähe personal beispielhaft studieren. Qutb sah nach einer Reise in die USA eine generelle Verwahrlosung der Sitten, man müsse nur in die Presse und Spielfilme sehen oder sich die Bars anschauen, um zu begreifen, dass die USA einem großen Bordell gleichkommen. Hinzu kommt das Regiment des Systems des Wuchers, welches die Gier der Menschen befriedige und zu Betrug, Profitsucht usw. antreibe. Der Verlust der religiösen Orientierung, so kann man seine Bewertung zusammenfassen, führe zu einer dekadenten, egozentrischen Gesellschaft, für welche die USA idealtypisch sind.
Nur die Rückbesinnung auf Gott könne in dieser Situation helfen. Da es aber keinen entsprechenden Gottesstaat mehr gebe, müsse man wie einst der Prophet Mohammed gegen seine heidnischen Landsleute in vier Schritten vorgehen: 1) eine eigene gläubige Gemeinschaft gründen, dann 2) aus der eigenen, nicht gottgefälligen Umgebung ausziehen, 3) den Kampf mit dem Gegner aufnehmen und schließlich 4) den Islam wieder einführen. Für Simmel war diese Kombination innerlicher Distanz bei gleichzeitiger räumlicher oder sozialer Nähe bezeichnend für das, was er unter Fremdheit verstand. Kommt man sich zu nahe, kann die latente Aversion in offenen Hass gegenüber dem zum ungläubigen Feind erklärten Anderen umschlagen.

Der islamistische Terrorist sieht sich in der eigenen Entwicklung maßgeblich von der Entwicklung des Westens abhängig, »und doch innerlich sich völlig fremd, in der ganzen Wesensart ohne gegenseitiges Verständnis und in den Machtinteressen einander absolut feindlich – dieser Haß war […] erbitterter, als er zwischen äußerlich und innerlich getrennten Stämmen überhaupt aufkommen kann«. In besonders augenscheinlicher Form zeigt sich die Nähe als das Fremde des Terrors beim sogenannten Konvertiteneffekt. Vor der Blaupause absoluter Gleichheit, da im Westen geboren und aufgewachsen, setzt die religiöse Auslegung, die keinen gesellschaftsübergreifenden Faktor in funktional differenzierten, größtenteils säkularisierten Gesellschaften mehr darstellt, die entscheidende Differenz. Dies bewirkt, »daß das Auseinandergehen an einem ganz unbedeutenden Punkte sich durch die Schärfe des Gegensatzes als etwas ganz Unerträgliches fühlbar macht«.

Die Radikalität der Terroristen, die zum extremsten Mittel greifen – die Selbsttötung als Mittel zur Tötung des Feindes –, erklärt sich vor dem Hintergrund dieser Differenz: Die vorherige Einheit, an der man beteiligt gewesen ist, zerbricht, und umso stärker wendet man sich gegen diese, so wie beim Hass aus gebrochener Liebe: Der Irrtum über die eigene Wahl »ist eine solche Bloßstellung vor uns selbst […], daß wir unvermeidlich den Gegenstand dieser Unerträglichkeit für sie büßen lassen«. Man teilt eine gemeinsame Vergangenheit, eine gemeinsame Herkunft, und genau diese ursprüngliche Gemeinsamkeit ist es, die bei einer einmal eingeschlagenen Divergenz – Entfremdung – umso heftiger durchschlagen kann. Wendet sich das Individuum gegen die Form, deren entfremdeter Teil es ja noch immer ist, schlägt der Konflikt gegen die Form durch. Immer mehr zeigt sich dieser Mechanismus im neuen Profil des »hausgemachten Terrorismus«. Sowohl die Anschläge von 09/11 als auch von London 2005 (ebenso wie die Attentate islamischer Kurden in der Türkei, von Arabern in Riad, von Marokkanern in Casablanca oder von Ägyptern auf dem Sinai) oder Paris 2015 zeigen, dass die Terroristen nah und fern zugleich sind: Sie sind nah, weil sie im Anschlagsland aufgewachsen und habituell nicht von anderen Bürgern unterscheidbar sind.
Sie studieren, arbeiten und leben vorgeblich ein normales, zum Beispiel westlich geprägtes Leben. Zugleich sind sie fern, weil sie sich selbst nicht als Teil dieser modernen Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sehr wohl aber als Teil einer anderen, dichotom organisierten Form zugehörig begreifen: der der Gläubigen, die sich den Ungläubigen gegenübersehen.

Umgekehrt ist die äußerliche Ununterscheidbarkeit modernen Lebens schon ein Teil ihrer Entfremdung: Man kennt sich zwar, arbeitet und studiert miteinander und man kennt sich zugleich nicht, nicht persönlich, jedenfalls mit Abstand in den meisten Beziehungen. Man ist sich räumlich nahe, ist auf enge Zusammenarbeit angewiesen, doch genau dem entspricht ein mehr oder minder ausgeprägtes Verhältnis innerer Distanz. Dies kann man für persönliche Freiheitsspielräume nutzen, man kann täuschen – und/oder sich so wenig mit der Form, in der modernes Zusammenleben möglich ist, identifizieren, bis man gegen sie rebelliert.
Mohammed Atta etwa ist ein typisches Beispiel für einen solchen hausgemachten Terroristen. Nach außen hin ein ordentlicher Student einer deutschen technischen Hochschule, der auf Einladung eines deutschen Lehrerehepaares 1992 nach Hamburg kam. Bei seinen Hochschullehrern oder Kommilitonen fiel er niemals durch politisches Interesse auf. Die Leistungen waren so gut, dass man in ihm einen intelligenten zukünftigen Stadtplaner sah, der bei der Modernisierung der ägyptischen Gesellschaft eine wichtige Rolle würde spielen können.

Dass er zugleich von seinem sozialen Umfeld im Studentenmilieu abgekapselt war, sich möglichst strikt an die Anweisungen des Koran hielt und somit auf jegliche Vergnügung verzichtete, kann man im Nachhinein leicht im Sinne der Anschlagsplanung ausdeuten. Vorher ist es offensichtlich nicht möglich gewesen. Und das kann es auch kaum, wo die Entfremdung zwischen den Individuen konstitutiv für die Form modernen Zusammenlebens ist. Für Simmel jedenfalls liegt gerade in diesem merkwürdigen Neben- beziehungsweise Ineinander von Nähe und Distanz ein Grund für die Hinwendung zum Gewaltakt: »Ja, daß überhaupt eine Differenz der Überzeugungen in Haß und Kampf ausartet, findet meistens nur bei wesentlichen und ursprünglichen Gleichheiten der Parteien statt.« Ist die Abspaltung erst einmal geschehen, und der konvertierte Akteur löst sich von der Ursprungsgruppe ab, müssen Unterschiede umso stärker betont werden, da die Gemeinsamkeit noch »nachklingt« und die sich »frisch« etablierende neue Leitunterscheidung gefährdet. Das heißt, der Andere wird auch dort zum Gegner gemacht, wo es aus rein sachlichen Gründen gar nicht vonnöten wäre.

Nähe und Gemeinsamkeiten figurieren das Andere des Terrors. Wie die Ausführungen zeigen sollten, funktioniert dies nach zwei Seiten hin: Einmal kann Nähe und Gemeinsamkeit eine bereits vorliegende innere Distanz bis hin zum Hass verstärken – dann wieder kann aus unmittelbarer Nähe eine Entfremdung erwachsen. In dem Bemühen der islamistischen Terroristen um die Konstruktion der westlichen Gesellschaft als das ungläubige Böse, das dem gläubigen guten Muslim gegenübersteht, zeigt sich die Notwendigkeit von tiefem, Nähe voraussetzendem Wissen über die »Ungläubigen«. Das ausgeschlossene Fremde des Terrors, das, was um jeden Preis zur Reinhaltung der eigenen Kategorien vermieden werden, dem man vergegnen muss, ist die Gemeinsamkeit, die Nähe zum Ungläubigen. Die These wäre dann, dass es gerade die Nähe ist, die zur Abstoßung und Aversion führt. Anders gesagt: Der Terrorismus muss den Gegner kennen, um ihn verletzen und sich als Freund tarnen, um Anschläge vorbereiten zu können.

Schluss

Wir vermuten, dass der aufgezeigte Zusammenhang von Fremdheit und Terrorismus kein Spezialfall des islamistischen Terrorismus ist. Fremdheit, Nähe und Distanz sind gerade die Form des Konfliktes, entlang dessen sich das Leben bewegt. Ohne eine gewisse Nähe, ohne die Aussicht auf Berührung oder ein Maß von Abhängigkeit gäbe es keine Form, gegen die sich das Leben erheben könnte. Umgekehrt steht jede Form der Vergesellschaftung unter dem Schicksal, dem Anspruch auf Ausdruck von Individualität nicht genügen zu können. Die damit eingeschlossene Entfremdung schafft sich ihre eigenen Formen, die nach deren Überwindung drängen. Man ist sich nah und doch so fern. Und: Man ist sich zwar fern (territorial), aber trotzdem nah (gläubig/ungläubig). Jeglicher »sozialrevolutionäre Terrorismus« wie etwa jener der Roten Armee Fraktion (RAF), ist per se durch Nähe gekennzeichnet, welche sich mindestens territorial-staatlich auszeichnet: Man ist ja Teil dessen, was man revolutionieren möchte. Der »ethnisch-nationale Terrorismus« spezifiziert gerade diese Nähe durch die Betonung eines ethnischen Bevölkerungsanteils in der Gesamtbevölkerung, wie zum Beispiel die Euskadi Ta Askatasuna (ETA) in Spanien, die sich terroristisch für die baskische Autonomie eingesetzt hat. In ähnlicher Weise hat die Irish Republican Army (IRA) mehr Nähepunkte und Gemeinsamkeiten zum Gegner aufzuweisen als Differenzen.

Insgesamt wird deutlich, dass nicht nur die moderne Gesellschaft den Fremden erzeugt. Auch die Terroristen erzeugen ihren »Fremden«, generalisiert: den ausgegrenzten Dritten der orientierenden Leitunterscheidung. Und umgekehrt: Nicht nur machen die Terroristen uns fremd, auch wir machen die Anderen fremd, die wir im »War on Terror« nicht Freiheitskämpfer, sondern »Terroristen« nennen! Beide Seiten leugnen die Nähe, welche Anknüpfungspunkt für eine friedliche Koexistenz sein könnte – für eine ganz neue Form, in der sich das dann wirklich postmoderne Leben fassen könnte.

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Thomas Kron, geb. 1970, ist Professor für Soziologie an der RWTH Aachen University. Zuletzt erschien Reflexiver Terrorismus. Pascal Berger, geb. 1985, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie an der RWTH Aachen University.

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