Mita Banerjee 
- Der Fall des weißen Riesen

Was können wir aus der Geschichte lernen, um die Gegenwart besser zu verstehen? Und gibt es etwas, das wir aus der amerikanischen Geschichte lernen können, um die gegenwärtig oft zitierte »Krise des Abendlandes« besser zu verstehen? Zunächst ist da die Einsicht, wie sie Angela Merkel jüngst formuliert hat, dass Deutschland ebenso wie die USA längst ein Einwanderungsland geworden ist. Dies kann man als Entwicklung verteufeln oder gutheißen, eine Tatsache jedoch bleibt es.

Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, wie man mit Einwanderung an sich und Flüchtlingswellen im Besonderen umgehen soll. Wo bleibt sie und wie lässt sie sich (neu) definieren, die viel beschworene »deutsche Kultur«? Ein Teil der gegenwärtigen Bredouille scheint es zu sein, dass die öffentliche Flüchtlingsdebatte und die Einwanderungsdiskussion untrennbar ineinanderfließen; der Zustrom an Flüchtlingen stelle deshalb eine Bedrohung dar, so führen viele an, weil schon zu viele Zuwanderer im Land sind. Aus dieser Verquickung schöpfen die ohnehin grob vereinfachenden Parolen der Pegida ihre Kraft. Solchen Parolen gilt es durch bewusste Differenzierung entgegenzuwirken. Denn wer spricht hier überhaupt, wer gibt sich als Normkultur aus, und in wessen Namen?
Anders als die deutsche Gesellschaft, so könnte man argumentieren, ist die US-amerikanische geradezu differenzbesessen. Es ist eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder vor allem nach ethnischen Gesichtspunkten aufteilt und kategorisiert. Dies schlägt sich auch in den Kategorien der Volkszählung nieder, die über Jahrhunderte hinweg nur fünf Gruppen kannte: »white«/Hispanic, Asian, African-American, Native American/Pacific Islander und die fünfte Kategorie »other«. Diese Kategorisierung, die David Hollinger einmal als »ethno-racial pentagon« bezeichnet hat, macht erstens deutlich, wie sich Ordnungsmechanismen auf gesellschaftliche Wahrnehmungsmuster niederschlagen; denn wir erkennen zunächst nur das, was in unserem Differenzinstrumentarium bereits vorgegeben ist. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Mita Banerjee, geb. 1971, ist Professorin für Amerikanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuletzt erschien »Color Me White«: Naturalism/Naturalization in American Literature.

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen.
Den Newsletter des Kursbuchs können Sie hier bestellen:

.

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *