Michael Pilz – Tanz der Elemente

Für Kursbuch 199 unterzieht Michael Pilz das Periodensystem der Elemente einem Intelligenztest und fördert dabei weit mehr zutage als stumpfes Wissen über Chemie und Physik. Im Periodensystem, so wie es heute in Schulklassen und Forschungslaboren hängt, offenbare sich nichts weniger als die Gesamtheit von Natur und Kultur des Menschen, so Pilz. Ob jedoch alles untereinander wirklich in systematischer Ordnung steht oder sich hinter dem Tanz der Elemente nicht viel eher das Chaos verbirgt?  

Michael Pilz, geb. 1965, ist Redakteur im Feuilleton der Welt. Der studierte Chemiker und Musikwissenschaftler arbeitete mehrere Jahre als Grundwassermesser, Laborant und Betonarbeiter. Zuletzt erschien Tanz der Elemente. Über die Schönheit des Periodensystems.

Textauszug

Vor 150 Jahren wurde die Welt in Ordnung gebracht: Im Jahr 1869 brütet Dmitri Mendelejew in Sankt Petersburg an seinem Schreibtisch über 63 Spielkarten für die damals bekannten Elemente und sucht nach einem System. Er schreibt gerade an einem Lehrbuch für seine Studierenden über die Chemie als reine Lehre der Materie. Im ersten Band behandelt er die Elemente Fluor, Chlor, Brom und Jod, im zweiten Lithium, Natrium, Kalium, Rubidium und Cäsium. Danach weiß er nicht mehr weiter. Gold und Eisen, Kohlenstoff und Schwefel, Wasserstoff und Sauerstoff. Die Welt wirkt wie ein willkürliches Werk aus schwereren und leichteren Substanzen, von denen sich manche näherstehen als andere. Mendelejew glaubt nicht an die Schöpfung. Der Professor macht aus seinen atheistischen und anarchistischen Gedanken kein Geheimnis. Er stammt aus Sibirien und sieht auch aus, wie literarisch entworfene Bilder eines Sibiriers vermuten lassen: Langes Haar, zerzauster Bart, einmal im Jahr lässt er sich gemeinsam mit den Schafen scheren. Mendelejew ist der Rasputin der neuen Wissenschaften, ein Schamane, der die rätselhaften Zeichen der Natur versteht und sie den Menschen übersetzen kann. In Worte, Schriften und Symbole, in Kultur.

Über die 63 Karten sinnierend nickt er ein. Als er erwacht, notiert er das Periodensystem der Elemente. Es ist ihm im Traum erschienen. So weit die Legende. Jener magischen Intelligenz des Unbewussten ist so manches zu verdanken, von Einsteins Relativitätstheorie bis »Yesterday« von den Beatles. Als die Tabliza Mendelejewa zur Welt kommt, liegt sie auf der linken Seite. Manche Elemente stehen an der falschen Stelle. Aber das System steht fest, oder, wie es ihr Schöpfer schon in seinen frühesten Schriften formuliert hat: »Das Gebäude einer jeden Wissenschaft erfordert nicht nur Material, es braucht auch einen Plan.« [1] Ihm geht es um »Prinzipien« und »Symmetrien«. Seine Elemente bilden keine lange Reihe mehr mit stetig steigenden Atomgewichten, sondern eine sinnvolle Tabelle aller Bausteine des Universums. Eine Tafel, die aus sich heraus intelligent gestaltet ist, weil Gott – wenn es ihn gäbe – auch nicht würfeln würde.