Michael Haller – Narzissten in der Filterblase

Das Medienverhalten der Millennials

Tausendmal gesehen, tausendmal den Kopf geschüttelt: das Foto eines cool gestylten jungen Mannes, der auf sein Handy starrt, dessen Screen einen jungen Mann zeigt, der auf sein Handy starrt, dessen Screen einen jungen Mann zeigt usw.

Dieses Foto ist ein Symbolbild, denn seine Selbstreferenz zeigt die mit dem Smartphone verbundene Selbstbezogenheit der Millennials, der Generation, die im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte vor der Jahrtausendwende auf die Welt gekommen und mit dem interaktiven Web 2.0, den Social-Media-Plattformen und dem Smartphone groß geworden ist. Ihr medialer Kontext macht diese Generation einzigartig. Das Foto illustriert auch den Modus dieser Millennials, die sich fortwährend mit den Augen der anderen beäugen, die sich mit Körperkult, Schmollmund und buntem Outfit bei Facebook als originelle Persönlichkeiten zur Schau stellen und zugleich ihre Orientierungslosigkeit verdecken. »Millennials: The Me Me Me Generation«, stand auf dem Cover des US-Magazins Time im Mai 2013, darunter ein selbstverliebt ins eigene Smartphone blinzelnder Teenager. – Alles klar?

Empirische Studien kolorieren dieses Bild der narzisstischen, auf ihre virtuelle Welt fixierten Nachwuchsgeneration. Viel beachtet und zitiert wurde die von der Marketing-Agentur Syzygy kürzlich publizierte »EgoTech Studie 2017«, die mehr als 1000 Millennials und ebenso viele Angehörige der älteren Generation befragte. Dieser Studie zufolge ist die Selbstinszenierung in den sozialen Medien für die jungen Leute lebenswichtig. Dementsprechend erscheinen sie im Vergleich mit der Generation ihrer Eltern »um 17 Prozent« narzisstischer. Ganz besonders narzisstisch seien Millennials, »die drei oder mehr On-Demand-Apps« nutzen oder »sprachgesteuerte Assistenten« (wie Siri und Alexa) oder »Fitness Tracker«. Und wer für Fotos einen Selfiestick verwendet, der sei »im Schnitt 30 Prozent narzisstischer als Millennials ohne Selfiestick«. Offenbar ist diese selbstverliebte Generation pausenlos aufs Handy fixiert: »Millennials sind 30 Prozent süchtiger nach ihrem Smartphone als andere Generationen. 48 Prozent würden sogar lieber einen Monat aufs Frühstück verzichten als auf ihr Handy. 28 Prozent würden sogar eher auf Sex verzichten als auf das Smartphone.« Kann das sein?

Der auf internetabhängige Millennials spezialisierte Bochumer Psychiater Bert Theodor te Wildt ist der Überzeugung, dass in der neuen Smartphone-Generation eine »Verlagerung des Seins auf die digitale Ebene« stattgefunden habe: »Die Währung des digitalen Zeitalters sind Aufmerksamkeit und persönliche Bewertung.« So mancher werde regelrecht süchtig nach ständiger Bestätigung. »Wenn er nicht online ist, existiert er nicht. Likes und Follower werden zum digitalen Suchtmittel, vergleichbar mit Alkohol.« (…)

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Michael Haller, geb. 1945, ist Journalist und Medienwissenschaftler. Zuletzt erschien Brauchen wir Zeitungen? Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann.

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