Hannelore Schlaffer: Maximal unverbindlich

Die Askese des Philosophen, die in der Körperverneinung die Möglichkeit sah, das Glück zu bannen, hat keinen Sinn mehr, wenn es praktische Mittel zur Pflege des Körpers, zur Beseitigung von Krankheit und Schmerz und zur Sicherung des Alters gibt. Noch John Stuart Mill mußte sich trotz seines utilitaristischen Programms für eine philosophische Askese entscheiden: »It is better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied.« Warum sollte man noch die Rolle des asketischen Sokrates wählen, statt des zufriedenen Narren, wenn es Auszeichnungen, und gar solche des Geistes, nicht mehr gibt? Nicht gegen den Kapitalismus, sondern mit ihm hat die Studentenbewegung, deren Mitglieder selbst zum Großteil aus dem Kleinbürgertum kamen und es kritisierten (…)

Aus: Kursbuch 95, »Das Glück«, 1989, S. 102

Mein Aufsatz »Die Gegenwart des Glücks« wurde etwa ein Dreivierteljahr vor dem Fall der Mauer geschrieben – unwahrscheinlich, dass sich durch dieses welthistorische Ereignis nichts im Lebensstil der Bundesbürger, von dem vor allem der Aufsatz spricht, und auch nichts in meinen Ansichten geändert haben sollte! Was sich allerdings nicht geändert hat, das ist mein eigenes Interesse an dem, was ich »Ästhetik des Alltags« nennen möchte, am Gebaren des Einzelnen sowie bestimmter Kollektive, sobald sie vor die Welt treten und beobachtbar sind, kurz: die Aufmerksamkeit auf den Stil von Privatheit in der Öffentlichkeit. Auch die Methode, aus alltäglichen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen auf das Bewusstsein der Gesellschaft im Ganzen, habe ich beibehalten. Dennoch würde ich heute, so zumindest hoffe ich, nicht mehr so schreiben, wie ich es in der zitierten Passage tat. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 182)

Hannelore Schlaffer, geb. 1939, ist Essayistin, Literatur- und Theaterkritikerin. Bis 2001 lehrte sie an der Ludwig-Maximilians­-Universität Neuere Deutsche Literatur. Zuletzt erschien Die City – Straßenleben in der geplanten Stadt, ausgezeichnet mit dem Preis »Das politische Buch des Jahres 2014« der Friedrich­-Ebert­-Stiftung.

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