Maxim Biller – Max in Palästina

Während alle anderen Passagiere der “Bessarabia” an Deck stehen und das Auftauchen der kleinen weißen Häuser von Tel Aviv am Horizont feiern, liegt Max seekrank in seiner Kajüte. Seine Gedanken kreisen um das Zurückgelassene und das Kommende, die Freunde und Gefährten in der alten, gefährlich gewordenen Heimat. Wie es wohl sein wird, das noch unbekannte Leben in einer Welt, von der alle sagen, sie würde sie alle retten? Vor allem denkt Max an den verstorbenen Freund Franz, die Gespräche in den Kaffeehäusern und an die vielen Manuskripte, die er jetzt in einem hellen braunen Lederkoffer mit in die neue Heimat schleppt…

Maxim Biller, geb. 1960, lebt als Schriftsteller und Kolumnist in Berlin. Zuletzt erschien sein Roman Sechs Koffer.


Textauszug

Als morgens um acht am Horizont die kleinen weißen Häuser von Tel Aviv auftauchten und daneben die Umrisse des Leuchtturms von Jaffo, der sich zwischen den halb verfallenen, grauen Mauern und Dächern der dreitausend Jahre alten Hafenstadt wie eine erkaltete, riesige Fackel versteckte, war Max wahrscheinlich der einzige Passagier der Bessarabia, der nicht, gefährlich nach vorn gebeugt, an der Reling lehnte und un­geduldig die sich langsam nähernde Küste von Palästina beobachtete. Er lag in der Kabine im Bett, allein, krank, ohne Elsa, die wie alle anderen seit dem Morgengrauen draußen auf dem Deck stand und jetzt bestimmt mit großem Ernst in die Ferne blickte, gedankenverloren am ewig kalten, viel zu süßen Tee aus der Schiffsküche nippte und sich auf ihr endlich beginnendes, neues Leben freute. Oder vielleicht war sie auch einfach nur erleichtert, dass sie Nein gesagt hatte, als er ihr vor einigen Wochen vorgeschlagen hatte, noch ein paar Tage länger in Prag zu blei­ben, um einen allerletzten Kampf gegen die scheinbar unbesiegbaren tschechischen Bürokraten zu führen. Hätten sie nämlich gemacht, was er wollte, wären sie also nicht am 14. März nachts um elf am Wilson­ Bahnhof ohne ihr altes dänisches Silberbesteck und ihre halbe Bibliothek in den Zug eingestiegen, der sie über Polen nach Rumänien brachte, wo die Bessarabia schon auf sie wartete, wäre er selbst gleich am nächsten Morgen von den Deutschen verhaftet worden, die sich genau in dieser Nacht den Rest der Tschechoslowakei genommen hatten. Be­stimmt hätten sie ihn irgendwann nur noch als Toten aus einem ihrer Gefängnisse entlassen, keine Frage, und das hätte Elsa dann auch nicht überlebt. […]