Matthias Hansl – Lüge, Bluff & Co.

Über das Ende tugenddemokratischer Selbstbeherrschung  Dass falsch gewählt wird, ist mittlerweile kein Alleinstellungsmerkmal einer vermeintlich rückständigen arabischen Welt mehr.[1] Machen wir uns nichts vor: Mit der demokratisch lupenreinen Inthronisierung des New Yorker Immobilienmilliardärs, politischen Quereinsteigers und notorischen Wahrheitsverdrehers Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist der liberaldemokratische Westen am Ende einer Politik angelangt, so wie wir sie kennen und sie uns in den Lebensstilfeuilletons der Qualitätspresse lange Zeit schöngemalt haben. Das Ausgangsszenario der trashigen US-Politserie »Designated Survivor« wirkt deshalb wie eine hochaktuelle Groteske. Der Hollywoodstar Kiefer Sutherland verkörpert darin Tom Kirkman, den gleichermaßen smarten wie sympathischen Typ von nebenan, der als kompetenter und prinzipientreuer Sozialpolitiker im Washingtoner Politdschungel bisher nicht über den vergleichsweise bedeutungslosen Posten als Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung hinausgekommen ist.

Kirkman wurde vom amtierenden Präsidenten zu allem Überfluss gerade auch noch politisch kaltgestellt, weil er es sich mit der reformresistenten Ministerialbürokratie verscherzt hat, und steht deshalb kurz vor seiner Entlassung aus dem Kabinett. Anders als sein machiavellistisches Pendant Francis Underwood (alias Kevin Spacey) in der Erfolgsserie »House of Cards« nimmt Kirkman seine Degradierung sportlich und freut sich auf mehr Zeit mit seiner Familie. Während sich die wirklich wichtige Politelite des Landes im Capitol versammelt, fällt dem künftigen Privatier bei der jährlichen Ansprache zur Lage der Nation durch den Präsidenten nur mehr die historisch bedeutungslose Rolle des designated survivor zu, der an einem geheimen und sicheren Ort verweilt, damit er im mehr als unwahrscheinlichen Ernst- und Katastrophenfall als personelle Notlösung kommissarisch die Regierungsgeschäfte übernehmen kann. Wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt, stolpert Kirkman tatsächlich durch einen hinterhältigen Bombenanschlag, bei dem das Capitol mitsamt der amtierenden Regierung in die Luft fliegt, in das wichtigste politische Amt der westlichen Welt. Kirkman wird Präsident, weil schlichtweg kein anderer übrig geblieben ist.

Die Ironie der Geschichte besteht nun darin, dass die Alternativlosigkeit, die in der liberalen Demokratie ja vermeintlich ein Unding darstellt, dem land of the free in diesem fiktiven Fall keineswegs zum Nachteil gereicht. Denn wie es anno 2017 keine demokratische Wahl, sondern nur noch der Zufall wollen kann, navigiert fortan ein Bilderbuchpräsident sein nie zu großes Schiff in aller Besonnenheit durch ein stürmisches Wellenmeer aus zahllosen innen- wie außenpolitischen Krisen. Kirkman ist der perfekte Präsident, eben weil er kein gewählter Präsident ist. (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

[1]   Ich habe die These, dass falsch gewählt wird, vor einiger Zeit im Hinblick auf die arabische Welt expliziert, vgl. Matthias Hansl: »Falsch gewählt. Nach der Arabellion«, in: Kursbuch 174. Richtig wählen. Hamburg 2013, S. 37–53.

Matthias Hansl, geb. 1983, promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität München über die Intellektuellengeschichte der Bundesrepublik Deutschland.

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