Markus Baumanns, Torsten Schumacher – Schon wieder eine Sau

Von Agilität und anderem Bullshit im Unternehmensalltag

Und wieder wird eine neue Sau durch die Unternehmensflure getrieben. Waren bis vor Kurzem noch die Generation Y, Burn-out und 360-Grad-Feedback in aller Munde, so ist es jetzt Agilität. Egal, was, Hauptsache, es ist agil: agile Zusammenarbeit, agiles Projektmanagement, agile Organisation, agiles Lernen, agile Methoden. Agil ist hipp. Verstanden wird agil irgendwie als flexibel und anpassungsfähig, schnell und effizient, effektiv und unbürokratisch. Angereichert wird der Hype ums Agile durch die Eigenschaften, die wir der ach so coolen Start-up-Welt zuschreiben: Wir werfen die Krawatten von uns, machen Meetings im Stehen, kleben bunte Post-its und fühlen uns ganz im Trend der Zeit. Die Seminarindustrie frohlockt: »Agil Managen leicht gemacht – in zwei Tagen, mit Zufriedenheitsgarantie«.

Sprache der Verantwortungslosigkeit

Die bullshitverdächtige Verwendung des Modeworts ist Ausdruck der Frustration über die Bewegungsunfähigkeit der eigenen Organisation; ein Hilfeschrei aus dem Unternehmensalltag, der durch wahre Abstimmungs- und Meetingorgien, starre Hierarchien und selbst verschuldete Komplexität geprägt ist. »Agil« erscheint da wie eine Verheißung: Alles wird hell, einfach, klar. Agilität zaubert eine neue Welt herbei.

Die Konjunktur von Agilität ist symptomatisch für den Umgang mit Sprache in den Unternehmen. In immer kürzer werdenden Zyklen jagen sie aktionistisch neuen Verheißungen hinterher. Die Verheißungen werden in immer neue Worthülsen gekleidet. Auf diese Weise delegieren sie Verantwortung an Patentrezepte, durch die die Fragen und Probleme sich von alleine lösen sollen. So glauben sie doch tatsächlich, sie könnten Agilität als einen der üblichen Prozesse einführen – und schwups, die beschriebenen Reibungsverluste sind passé.

Ihre Sprache verrät, wie es im Innern der Unternehmen aussieht. Auch die vielfach beschriebenen Denglizismen auf deutschen Unternehmensfluren haben ihren Ursprung in dieser inhaltsleeren Ratlosigkeit. Es wird »geleveragt«, »value geaddet«, »gestreamlinet« und »gebrainstormt«, was das Zeug hält. Die »kreative Challenge« und der »Innovationsapproach«, zu dem sich alle gefälligst »zeitnah committen« sollen, soll Professionalität suggerieren. Sie ist im Kern aber nichts als heiße Luft. Und das spürt jeder.

Bezeichnend für die Delegation von Verantwortung an Patentrezepte ist der intensive Gebrauch des Passivs und Konjunktivs: »Man müsste einmal das Marktumfeld untersuchen«, »Die Preisstrategie im Drittgeschäft sollte angepasst werden«, »Der Marktanteil in unserem Kernmarkt ist zu halten.« Wer jetzt? Was? Wie? Viel »man« und viel Infinitiv stehen als Synonym für: »Keiner ist verantwortlich.« (…)

Markus Baumanns, geb. 1965, ist promovierter Historiker, Unternehmer, Unternehmensberater sowie Kolumnist im Handelsblatt und Hamburger Abendblatt. Zuletzt erschien Kein Bullshit. Was Manager heute wirklich können müssen (zusammen mit Torsten Schumacher).

Torsten Schumacher, geb. 1964, ist promovierter Betriebswirt und Unternehmer, Unternehmensberater sowie Kolumnist im Handelsblatt und Hamburger Abendblatt. Zuletzt erschien Kein Bullshit. Was Manager heute wirklich können müssen (zusammen mit Markus Baumanns).

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