Margarete Stokowski – Stadt, Land, Fluß beim Sex

Mein Leben als feministische Kolumnistin

Frauen sind die größte Minderheit der Welt. Denn obwohl es weltweit ähnlich viele Frauen wie Männer gibt, gilt auch 68 Jahre nach Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht die Frau häufig immer noch als Spezialfall und der Mann als Normalfall. »Sie ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen«, schrieb Beauvoir über die Frau im Verhältnis zum Mann: »Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.«
Es klingt etwas hart, wenn man das heute noch so sagt. Es ist immer­hin einiges passiert, seitdem Beauvoir diese Sätze geschrieben hat, und selbst sie hatte damals schon das Gefühl, eigentlich sei in der Debatte um den Feminismus bereits »genug Tinte geflossen«. Immerhin war in den Jahrzehnten zuvor auch schon viel passiert.

Man handelt sich heute schnell den Vorwurf ein, sich nur zum Opfer machen zu wollen, wenn man davon spricht, dass Frauen benachteiligt werden. Es kann passieren, dass man als Feministin für genau diese Feststellung als frauenfeindlich bezeichnet wird, weil man angeb­lich die vielen Fortschritte nicht sieht, die Frauen erkämpft haben. Frauen können heute immerhin genauso mächtige Positionen bekleiden wie Männer, sie können reich und berühmt werden, sie können ins All flie­gen oder Kriege führen oder wichtige Rollen in Filmen spielen, in denen Kriege im All geführt werden.
Es gibt auch Leute, die finden, Frauen hätten es inzwischen besser als Männer: Sie leben länger und bekommen eigene Quoten und Parkplätze und Frauenschwimmtage im Hallenbad; es gibt in vielen Ländern ein Frauenministerium, aber kein Männerministerium; und dort, wo es eine Wehrpflicht gibt, gilt sie bis auf wenige Ausnahmen nur für Männer. Das stimmt alles. Und doch: Die Tatsache, dass es um die Lebenssituationen und die Macht von Frauen heute besser steht als zu Zeiten, in denen die bloße Forderung nach gleichen Rechten mit dem Tod be­straft wurde, heißt nicht, dass alles gut ist. Noch lange nicht.

Wer heute über Frauen spricht, muss ständig »immer noch« und »trotz« sagen: Immer noch gehört Frauen weniger Geld, und immer noch erledigen sie die meiste Familienarbeit, immer noch erleben viele Frauen sexualisierte Gewalt, und immer noch reden Leute davon, Frauen seien während ihrer Menstruation nicht ganz zurechnungsfähig – trotz der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, trotz der (zumindest in Deutschland) verbesserten Rechtslage, trotz theoretisch sehr verfügbarer Informationen über den weiblichen Körper.

Und immer noch gelten »Frauenthemen« als Spezialthemen. In der Literatur lässt sich das gut beobachten. In Buchhandlungen gibt es Regale mit »Frauenliteratur« (mein Lieblingsgenre: »freche Frauen«), aber keine »Männerliteratur«. Ein berühmter Gedichtband, den Marcel Reich-Ranicki zusammengestellt hat, enthält Gedichte deutscher Lyrikerinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart und heißt: Frauen dichten anders – anders als wer?, könnte man fragen, aber ach, man will sich die Blöße nicht geben. Anders als Männer natürlich, der Normalfall. (Nur im Be­reich Kosmetik ist es andersrum, da sind Männer das Besondere: Da gibt es Shampoos für trockenes, welliges, glattes, feines, fettiges oder älter wer­dendes Haar – und für Männer.)
Als Margaret Atwood im Oktober dieses Jahres den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, sagte Eva Menasse in ihrer Laudatio, es würde häufig behauptet, »das Frauenthema« sei ein Lebensthema von Atwoods Büchern. Nun sei es aber erstens so, dass bei Schriftstellerinnen eh genauer hingesehen werde als bei Schriftstellern, wie sie Geschlechterverhältnisse konstruieren. Kaum jemand würde bei einem männlichen Schriftsteller darauf hinweisen, dass seine wichtigen Figuren allesamt Männer sind. Es wäre irgendwie pingelig und am Thema vorbei. Zweitens aber, so Eva Menasse, würde ein Buch eben nicht dadurch ein »Frauenbuch«, dass die Hauptfigur weiblich ist. Ein Roman wie Der Re­port der Magd kann zugleich von der Unterdrückung der Frau handeln und vom Totalitarismus – von dem man nicht unbedingt behaupten würde, er sei ein typisch weibliches Thema. Wenn Frauen in der von At­wood beschriebenen Dystopie auf die Art betroffen sind, dass sie keine eigenen Pläne mehr haben dürfen, außer Kinder zu gebären, dann ist das ein zentraler Baustein dieses Gesellschaftssystems und nichts für die »Frauenecke«.

Der Witz ist: Es gibt keine »Frauenthemen«. Themen werden zu Frauen­themen, weil Männer sich nicht darum kümmern, und nicht, weil sie nicht betroffen sind. Schwangerschaft und Geburt gelten als »Frauen­themen«, aber Männer werden auch Väter. Erziehung und Pflege sind »Frauenthemen«, weil Frauen hier mehr unbezahlte Arbeit leisten. Un­gleiche Bezahlung ist ein »Frauenthema«, weil Männer sich zu selten darüber beschweren. Gewalt gegen Frauen ist ein »Frauenthema«, aber sie geht meistens von Männern aus. (…)

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Margarete Stokowski, geb. 1986, lebt als freie Autorin und Kolumnistin für Spiegel online in Berlin. Zuletzt erschien „Untenrum frei“.

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