Lydia Rea Hartl – Menschenoptimierung im Netzzeitalter

Betrachtungen einer Baustelle.

Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk ständiger Eigenarbeit. Er wird ununterbrochen abgedichtet, abgestoßen, ausgebessert. Auftretende Probleme löst die Natur durch Improvisation und Witz, deren Stoff sie uns nicht zur Verfügung stellt, außer wir finden ihn. Zumeist zufällig, denn die Natur konstruiert selbst nicht mit Bedacht: Das vermeintlich Funktionelle ist ein luxuriöser, unökonomischer Vorgang. Unser Gehirn mit seinen unendlichen Möglichkeiten, die wir nie vollständig nutzen, ist ein Beispiel solcher Verschwendungssucht, der kunstvolle Gesang der Vögel ein anderes. Der Kampf gegen die Natur prägt die westliche Erfolgsgeschichte, die den Kreislauf von unberechenbarer exzessiver Verschwendung, Erschaffung und Zerstörung als brutale Kränkung für den Geist betrachtet. Dabei entstand eine tabulose Wegwerfgesellschaft, die sich darauf verlässt, immer wieder neue Strategien zu finden, die ein Wieder-funktionsfähig-Machen des Alten, dem der Geruch von Armut, Nostalgie oder Subkultur anhaftet, überflüssig machen. Weder Klimaveränderungen noch Zerstörung lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser, Luft und Erde schrecken die Menschheit nachhaltig.

Der Drang nach Optimierung ergreift auch den Körper, mit dem die Menschen noch nie zufrieden waren – wenn auch die Motive, ihn zu verändern, über die Zeit hin stark variierten. (…)

Lydia Rea Hartl, geb. 1955, Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h.c., von 2001 bis 2007 Kulturreferentin der Stadt München, ist als internationale Beraterin tätig. Sie forscht und publiziert zu Kulturwissenschaften, Multimedialität, Transkulturalität und Life Sciences.

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