Levi Israel Ufferfilge – Wenn ich dich vergäße, Jerusalem

Vor dem Hintergrund eines Daseins in der Diaspora, das für das Judentum fast 2000 Jahre lang kennzeichnend ist, diskutiert Levi Israel Ufferfilge das paradoxe Gefühl der Sehnsucht nach Heimat. Einerseits immer im Streben nach der Heimat Israel begriffen, umfängt den Juden doch immer die Schchinah, die Gegenwart Gottes – egal an welchem Ort er betet. Wie wirkt sich dieses ambivalente auf das Heimweh aus? In Kursbuch 198 macht sich Levi Israel Ufferfilge in einer poetischen Reflexion auf die Suche nach einer Antwort.

Levi Israel Ufferfilge, geb. 1988, unterrichtet Israelitische Religionslehre und Hebräisch und ist einer von zwei Schulleitern des Jüdischen Gymnasiums in München.


Textauszug

In einem der Wochenabschnitte, in die die Torah – die fünf Bücher Moses – nach jüdischer Tradition unterteilt sind, liest man einmal im Jahr in der Synagoge etwas Erstaunliches über das Juden heiligheimische Land Israel. Im Wochenabschnitt Wajigasch im ersten der Bücher Moses begleiten die Lesenden und Hörenden einen Abschnitt im Leben Ja’akovs, den spätere Generationen auch Jankev oder Jakob nennen sollten. Ja’akov erhält die Kunde, dass – entgegen seiner Annahme – sein liebster Sohn Jossef lebe und in Ägypten weile. Er zögert zunächst, zu handeln, da er aus seiner Heimat Israel gehen müsste, die sein Großvater Avraham von G’tt erhalten hatte und sein Vater Jitzchak – Isaak – zu seinen Lebzeiten ausdrücklich nicht gen Ägypten verlassen durfte. Ja’akov
sucht nach Vergewisserung in Be’er Scheva, wo er G’tt ein Opfer darbringt. G’tt versichert seinem treuen Diener daraufhin, dass er Ja’akov auf der Suche nach seinem Sohn sogar nach Ägypten begleiten werde.

Etliche Jahrhunderte und Generationen später folgert der Gelehrte Nahum Sarna im 20. Jahrhundert aus dieser Episode seines biblischen Urahns Ja’akov, dass G’tt keine territorialen Beschränkungen kenne und seinem Volke Israel treu folge. Es gebe folglich nach jüdischer Vorstellung zwar heiligen Boden und ein heiliges Land, das den Juden eine Heimat sein könne, doch das Land Israel habe kein Monopol darauf, den einzigen Zugang zu G’tt zu ermöglichen. Passend dazu heißt es in einem mittelalterlichen Midrasch, dass, als Israel nach Ägypten gegangen war, die Schechinah (hebräisch für Gegenwart G’ttes) das Volk Israel begleitet habe. Ähnliche Formulierungen existieren auch in Bezug auf die antiken  jüdischen Exile Babylonien und Edom (nach rabbinischer Interpretation ist das das Römische Reich) bereits beim Propheten Jeschaja. Und im Talmudtraktat Megillah 29a heißt es, dass G’tt dann später nach der Zeit der Exile mit Israel aus der Diaspora zurückkehren werde. […]