Über das Kursbuch

Eine Einführung in das Kursbuch.
Die Geschichte und einzelne Auszüge aus Essays der Kursbücher 170 bis 188.
Ein Video zum Kursbuch auf >Youtube

Mit der Ausgabe 182 feierte das Kursbuch 2015 sein 50jähriges Bestehen. Seit 1965 auf Reisen, von Suhrkamp, Wagenbach über Rotbuch und Rowohlt zum Zeitverlag, wurde das Kursbuch 2012 nach einer vierjährigen Pause im Murmann Verlag wiederbelebt. Mit dieser Inverlagnahme startete das Kursbuch zum heute viermal jährlich erscheinenden Periodikum als herausgehobener Ort für zeitkritische Autorinnen und Autoren.

Damit hieß es in 2012: Das Kursbuch ist wieder da. Das Kursbuch war, 1965 gegründet von Hans Magnus Enzensberger, einst der zentrale Ort des Diskurses, der Kritik, des Tabubruchs, des unergründlichen Gedankens und der intellektuellen Debatte der alten Bundesrepublik. Das Kursbuch war der Ort, an dem Themen diskutiert wurden, für die es sonst kein Forum gab. Das Kursbuch war die Stimme einer Generation, die darum bemüht war, Themen, Herausforderungen und Fragen zu etablieren, für die es sonst keinen Ort gab. Das Kursbuch war eine Institution. Und sieht sich heute als ein Forum für die Perspektivendifferenz und als ein Ort der Übersetzungsleistungen.

Kursbuch 170 „Krisen lieben“
Das neue Kursbuch, Editorial: Ein Anfang.
Armin Nassehi, Peter Felixberger

Kursbuch 171 „Besser optimieren“
Menschenoptimierung im Netzzeitalter.
Lydia Rea Hartl

Kursbuch 172 „Gut leben“
Gut essen: Ein Aufruf zur kulinarischen Selbstbeschränkung
Jürgen Dollase

Kursbuch 173 „Rechte Linke“
Links = rechts, Was Kommunisten und Kapitalisten verbindet.
Peter Felixberger

Kursbuch 174 „Richtig wählen“
Nicht wählen? Ein Plädoyer
Harald Welzer

Kursbuch 175 „Gefährdete Gesundheiten“
Was macht ein Philosoph im Krankenhaus?
Wilhelm Schmid

Kursbuch 176 „Ist Moral gut?“
Nirgendwo. Auf der Suche nach einem Leben mit Moral.
Uli Reinhardt

Kursbuch 177 „Privat 2.0“
Endlich Ruhe!
Georg von Wallwitz

Kursbuch 178 „1964“
Wir bleiben im Gespräch. Meine Tochter wird 50!
Johano Strasser

Kursbuch 179 „Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung“
Brief eines Lesers (9)
Thomas Palzer

Kursbuch 180 „Nicht wissen“
Götter in Grau. Über das gestörte Verhältnis zwischen Arzt und Patient.
Werner Vogd

Kursbuch 181 „Jugend forsch“
Émile und die Rousseauisten.
Julian Müller

Kursbuch 182 „Das Kursbuch. Wozu?“
Revisiting End. Anatomie eines Irrwegs.
Peter Schneider

Kursbuch 183 „Wohin flüchten?“
Die Flüchtlinge und wir. Ein Gespräch.
Wolfgang Bauer, Philipp Ruch

Kursbuch 184 „Was macht die Kunst?“
Die Wahrheit der Kunst
Boris Groys

Kursbuch 185 „Fremd sein!“
Wie lange bleibt man ein Fremder?
Naika Foroutan

Kursbuch 186 „Rechts. Ausgrabungen“
Auf dem Weg in die Tyrannei (Volltext)
Hans Hütt

Kursbuch 187 “ Welt verändern“
Schweigen für eine bessere Welt
Irmhild Saake

Kursbuch 188 „Kalter Frieden“
Bildersturm
Bernd Stiegler

Hier finden Sie den Shop für Einzelbestellungen und für den Abschluß des Kursbuch Abonnements.
Impressum, Kontakt: kursbuch@kursbuch.online


Kursbuch 170 „Krisen lieben“
Das neue Kursbuch, Editorial: Ein Anfang
Armin Nassehi, Peter Felixberger

Das neue Kursbuch ist anders – und doch will es wieder ein Ort sein, an dem das geschieht, was an der Zeit ist. Es ist anders, weil es nicht mehr darum kämpfen muss, Thesen gegen das Schweigen zu behaupten, Fragen gegen ihre Tabuisierung durchzusetzen. Inzwischen wird alles thematisiert und gefragt, was möglich ist, vielleicht sogar mehr. Was aber ist nun an der Zeit?

Das neue Kursbuch wird sich womöglich mit denselben Themen beschäftigen, die sich auch das alte Kursbuch vorgenommen hatte. Die entscheidende Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist aber nicht mehr, gegen die Hegemonie eines herrschenden Paradigmas eine andere Perspektive zu setzen, in der Hoffnung, die Hegemonie zu brechen. Was wir heute erleben, ist gerade das Scheitern hegemonialer, einheitlicher Perspektiven und Problembeschreibungen. Es ist kein Zufall, dass das Kursbuch gerade jetzt wieder da ist. Mit der Krise der Finanzmärkte ist nicht nur viel Geld vernichtet worden. Vernichtet wurde vor allem jenes Narrativ, das womöglich den letzten hegemo- nialen Anspruch hatte: so zu tun, als sei ausgerechnet das Geld die realste aller Realitäten und als ließen sich alle Probleme der Gesellschaft ökonomisch lösen. Letztlich ist es dem neoliberalen Narrativ der Selbststabilisierung des Geldverkehrs gelungen, alle anderen Perspektiven auf die Gesellschaft, die nach den Bedingungen des Ökonomischen gefragt haben, die Zweifel an den Rendite- und Problemlösungsversprechen hatten, die brav die volkswirtschaftliche Funktion der Finanzwirtschaft betont haben, geradezu lächerlich aussehen zu lassen – als Angsthasen und Risikovermeider, als naive Konservative und so weiter. Diese hegemoniale Zentralperspektive hat sich gründlich desavouiert.

Das neue Kursbuch tritt exakt in dem Moment an, in dem die Komplexität und Perspektivendifferenz der modernen Ge- sellschaft nicht mehr nur in akademischen Hauptseminaren auffällt, sondern zum täglichen Begleiter wird, zum Vademekum des Zeitungs- lesers, zum Trabanten öffentlicher Debatten. Die Finanzkrise und die daraus resultierende Krise der Staaten, die auch an die grenzenlose Problemlösungskompetenz der Geldmärkte geglaubt haben, ist nicht der Ausgangspunkt des neuen Kursbuchs, sondern der Katalysator für neue Fragestellungen und ein neues Forum, das wie das alte Kursbuch das auf den Punkt bringen will, was an der Zeit ist.

So lautet der Ausgangspunkt des neuen Kursbuchs: Wenn es ein Signum der gegenwärtigen modernen Gesellschaft gibt, dann ist es dies: Die Gesellschaft lässt sich nicht mehr aus einer Zentralperspektive her denken – und damit auch nicht aus einer Gegenperspektive, was das Geschäft der Kritik, der Reflexion, der Analyse schwieriger macht. Es ist keine gemeinsame Perspektive, kein Konsens, kein Fluchtpunkt mehr denkbar, den angemessen zu erreichen die Kritik und das Kritisierte miteinander streiten – nicht einmal ein gemeinsamer Dissens.

Unsere heutige Erfahrung ist eher die, dass die Gesellschaft nicht nur aus unterschiedlichen Perspektiven besteht, sondern dass diese unterschiedlichen Perspektiven auch mit dem besten Willen nicht hin zu einer richtigen oder einer legitimen und alternativlosen Seh- und Sprechweise hin aufgehoben werden können.

Fast jede gesellschaftliche Herausforderung – ob es um Krisen vielfältiger Art geht, ob es um technologische Lösungen für Probleme geht, ob es um Führung und Organisationen, um das gute Leben oder seinen Sinn geht – erscheint heute aus je unterschiedlichen Perspektiven je unterschiedlich. Das war schon immer so – aber die Differenz der Perspektiven wird nun als ebenso unvermeidlich wie legitim angesehen. Kann man immer noch behaupten, dass eine politische Per- spektive besser ist als eine wirtschaftliche? Dass Wissenschaft es stets besser weiß als alle anderen? Dass Religion und Kunst tatsächlich nur Beiwerk sind? Dass Moral stets gut ist oder ethische Gründe immer die besseren Gründe ins Feld führen? Dass sich unterschiedliche politische, ökonomische, wissenschaftliche oder ästhetische Entscheidungen notwendigerweise kategorial ausschließen? – Man kann schon, wird aber die ganz praktische Erfahrung machen, dass andere Perspektiven mit ihren eigenen Geltungsansprüchen und Erfolgskriterien darauf reagieren.

Das sind nicht nur neue Fragen. Es sind vor allem ganz neue Konstellationen. Die frühere linke Idee der Kritik bestand darin, die herrschende Fragerichtung durch eine andere Fragerichtung zu ersetzen, um zu Lösungen zu kommen. Das war dort nötig, wo es gelingen konnte, hegemoniale Diskurse zu etablieren, gegen die nichts anderes half als die Umkehrung, die Kritik, die letztlich revolutionäre Energie der Umwälzung der Verhältnisse. Es war die Zeit der Hauptwidersprüche.

Diese Gesellschaft ist heute eine Gesellschaft, in deren unterschiedlichen Gegenwarten sich je gegenwärtige Lösungen ausprägen – unübersetzbar in andere Perspektiven, damit aber stets aufgefordert, sich in andere Perspektiven zu übersetzen. Diese Gesellschaft ist eine diskontinuierliche Gesellschaft – sie folgt nicht mehr dem bürgerlichen Ideal einer gesellschaftlichen Gegenwart. Sie ist vielmehr eine »Gesellschaft der Gegenwarten«, die ihre Geltungsansprüche, Bedeutungen und Lösungskonzepte mit den Kontexten wechselt – und darin eine ihrer effektivsten Dynamiken entdeckt. Es ist eine Gesellschaft, die nicht einmal mehr an die großen Ideen ihrer früheren Selbstbeschreibungen glaubt – sie ersetzt Ideen und Ideologien durch Kommunikation, sprich: durchs Weitermachen, durch Zustandsdeterminiertheit. Es geschieht, was geschieht, daraus gibt es kein Entrinnen.

Wir sind freilich immer noch daran gewöhnt, dass es für Probleme richtige Lösungen gibt und für Ziele richtige Strategien. Unsere Denkweisen gehen immer noch von der Idee aus, dass sich gute Gründe dann durchsetzen werden, wenn sie auf entgegenkommende Bedingungen einer konsistenten, möglichst rationalen Umwelt treffen. Aber diese Gesellschaft ist eben nicht aus einem Guss, sondern ganz im Gegenteil: Sie ist vor allem dadurch geprägt, dass sich unterschiedliche Rationalitäten mit ganz unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten gleichzeitig nebeneinander etablieren. Wer das nicht sieht, bleibt bei hegemonialen Strategien – wie wir etwa in der Wechselseitigkeit von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angesichts der Finanzkrise gut beobachten können.

Je disparater aber diese Hegemonen bleiben, desto verbohrter bleiben ihre Kommunikationsreflexe. Jede Perspektive versucht dann nur noch, einen einzigen Lösungsschirm aufzuspannen, um darunter Argumentations- und Erörterungsschutz vor den anderen zu bieten. Doch das Streben nach einer eindeutigen Lösungswahrheit führt nur zu anschwellenden Stabilisierungsgesängen unter den Schirmen.

Die Zumutung von Hauptwidersprüchen und eindeutigen Lösungsstrategien hat vor allem moralisch induzierte Kritik auf den Plan gerufen, sie hat sich deutlich und klar politisch verortet, sie wusste, wie es geht, weil sie selbst in der Eindimensionalität ihrer Hauptwidersprüche gefangen war. Nicht umsonst bezweifeln heute klügere linke Intellektuelle wie zum Beispiel Ernesto Laclau und Chantal Mouffe sogar die Möglichkeit der Gesellschaft, da sich kein zentraler Antagonismus mehr ausmachen lässt. Klüger ist diese Perspektive, weil sie die unrealistische Konzentration auf den einen Hauptwiderspruch nicht durch Moral ersetzt, sondern wenigstens einen Phantomschmerz spürt. Schon das Kursbuch der 1960er-Jahre war von diesem Phantomschmerz geprägt. Es gehörte – schon vor 1968! – zu seiner Programmatik, nicht immer schon genau zu wissen, wie sich Lösungen ableiten und deduzieren lassen.

Enzensberger hat weniger die Welt, sondern vor allem die Wahrnehmung der Welt revolutionieren wollen. Henning Marmulla, der die frühen Jahre des Kursbuchs analysiert hat und auch in diesem ersten Heft des neuen Kursbuchs schreibt, spricht von einer »Wahrnehmungsrevolution«.

Das neue Kursbuch wird – ganz im Sinne einer Wahrnehmungsrevolution – ein Forum für die Perspektivendifferenz sein. Dies meint nicht die Differenz von Meinungen und Auffassungen, sondern die Differenz unterschiedlicher Denkungsarten und Logiken, welche die Dynamik unserer Gesellschaft ausmachen. Deshalb ist unser Anspruch eindeutig: Das neue Kursbuch wird politische und ökonomische Perspektiven, kulturelle, religiöse und künstlerische, natur- und geistes- wissenschaftliche Perspektiven aufeinander beziehen. Es wird nicht auf schnelle Versöhnung setzen, sondern braucht Leserinnen und Leser sowie Autorinnen und Autoren, die diese Differenzen und Widersprüche aushalten. Es geht um Übersetzungsleistungen. (…)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss.“

Peter Felixberger, geb. 1960, ist promovierter Soziologe, Publizist und Medienentwickler und arbeitet als Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers. Zuletzt erschien „Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?“

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 171 „Besser optimieren“
Menschenoptimierung im Netzzeitalter, Betrachtungen.

Lydia Rea Hartl

Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk ständiger Eigenarbeit. Er wird ununterbrochen abgedichtet, abgestoßen, ausgebessert. Auftretende Probleme löst die Natur durch Improvisation und Witz, deren Stoff sie uns nicht zur Verfügung stellt, außer wir finden ihn. Zumeist zufällig, denn die Natur konstruiert selbst nicht mit Bedacht: Das vermeintlich Funktionelle ist ein luxuriöser, unökonomischer Vorgang. Unser Gehirn mit seinen unendlichen Möglichkeiten, die wir nie vollständig nutzen, ist ein Beispiel solcher Verschwendungssucht, der kunstvolle Gesang der Vögel ein anderes. Der Kampf gegen die Natur prägt die westliche Erfolgsgeschichte, die den Kreislauf von unberechenbarer exzessiver Verschwendung, Erschaffung und Zerstörung als brutale Kränkung für den Geist betrachtet. Dabei entstand eine tabulose Wegwerfgesellschaft, die sich darauf verlässt, immer wieder neue Strategien zu finden, die ein Wieder-funktionsfähig-Machen des Alten, dem der Geruch von Armut, Nostalgie oder Subkultur anhaftet, überflüssig machen. Weder Klimaveränderungen noch Zerstörung lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser, Luft und Erde schrecken die Menschheit nachhaltig. (…)

Der Drang nach Optimierung ergreift auch den Körper, mit dem die Menschen noch nie zufrieden waren – wenn auch die Motive, ihn zu verändern, über die Zeit hin stark variierten.

Lydia Rea Hartl
geb. 1955, Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h.c., von 2001 bis 2007 Kulturreferentin der Stadt München, ist als internationale Beraterin tätig. Sie forscht und publiziert zu Kulturwissenschaften, Multimedialität, Transkulturalität und Life Sciences.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 172 „Gut leben“
Gut essen: Ein Aufruf zur kulinarischen Selbstbeschränkung
Jürgen Dollase

Im kulinarischen Bereich scheint gutes Leben nur noch möglich zu sein, wenn man all die bösen Fakten und immer neuen Hiobsbotschaften so schnell wie möglich verdrängt.
Das gelingt ja auch vielen Menschen, wobei man durchaus den Verdacht haben kann, dass der ein oder andere Zusammenhang nicht vollständig überblickt wird. Wer ein wenig empfindsamer reagiert, hegt ein massives Misstrauen in alle Richtungen – also längst nicht mehr nur gegen Fast Food und industrielle Lebensmittelerzeugung, sondern auch hinsichtlich Bio und ökologischen Heilsversprechungen. Ein Blick auf die Vielzahl der Dinge, die heute verunsichern, stören, das Leben versauern oder einfach nur fatalistisches Kopfschütteln verursachen, ist ernüchternd. Ein Lebensmittelskandal folgt dem anderen, und es scheint sicher, dass das auch in Zukunft so weitergehen wird. Es gibt Bauern ohne jeden Respekt für das Leben der Tiere und ohne Interesse daran, wenigstens eine moderate Balance zwischen kommerziellen Interessen und moralischen Kategorien herzustellen. Die größten von ihnen praktizieren eine Massentierhaltung, die so pervers ist, dass man wieder beginnt, dem Menschen auch in den angeblich zivilisierten Nationen grundsätzlich alles zuzutrauen. Diese Täter wiederum schieben – ungeachtet ihres florierenden Gewerbes – die Schuld auf Verbraucher, die nicht bereit seien, adäquate Preise für besser produzierte tierische Produkte zu zahlen. (…)

Jürgen Dollase
geb. 1948, studierte Kunst, Musik und Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf und den Universitäten Köln und Düsseldorf. Er ist Feinschmecker und Journalist und veröffentlicht Kolumnen in FAZ, FAS, Port Culinaire und Fine Wine magazine.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 173 „Rechte Linke“
Links = rechts, Was Kommunisten und Kapitalisten verbindet
Peter Felixberger

Kommunismus und Kapitalismus werden in der politischen Ideengeschichte unter anderem als semantische Links-rechts-Container verwendet. Damit betreiben ideologische Anhänger ihr Geschäft öffentlicher Beschimpfungsrituale. Zum Zweck der gegenseitigen Verachtung und Herabwürdigung greifen sie in diese Begriffs- und Metapherntrommeln und holen passende Gegensätze und Vorurteile hervor: der Kommunist als linker Gleichheitsapostel, der Kapitalist als rechte Ungleichheitspustel. Dabei wird der Gegenseite immer unterstellt, ein Regime von Herrschaft und Unterdrückung aufbauen zu wollen, in dem viele Menschen, was ihren Wohlstand und ihre Lebensqualität betrifft, auf der Strecke bleiben. Im Kommunismus verarmen die Massen, im Kapitalismus vermassen die Armen. Auf beiden Seiten kommt es reziprok zu Not und Elend.
Wir sollten jedoch postideologisch gelassener an das Links-rechts-Dogma herangehen. Und die Frage stellen, inwieweit Kommunismus und Kapitalismus überhaupt je ideologische Gegner waren? Oder ob beide nicht mehr miteinander verbindet, als sie selbst glauben würden? Um Antworten zu finden, begeben wir uns zunächst auf die Fährte von Karl Marx. Und da in das Jahr 1844, in dem der kommunistische Gottvater in Paris mit der Abfassung seiner ökonomisch-philosophischen Manuskripte beginnt. (…)

Peter Felixberger
geb. 1960, ist Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers, Publizist und Medienentwickler. Zuletzt erschien von ihm Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 174 „Richtig wählen“
Nicht wählen? Ein Plädoyer
Harald Welzer

»Links«-Wählen als Wertentscheidung. Mit 13 wurde ich Mitglied der »sozialistischen Schülergruppe« unseres Gymnasiums. Nicht dass ich gewusst hätte, was »sozialistisch« bedeutete, aber da vor allem die coolen Mädchen und Jungs in dieser Gruppe waren, wäre es peinlich gewesen, danach zu fragen, was es mit dem »Sozialismus« auf sich habe. Eigentlich war mir das auch egal. Wir waren gegen »konservativen« Religionsunterricht, »Nazilehrer« und alles, was »repressiv« war, aber ob das nun irgendwie »politisch« war oder nur unterhaltsam, vermochte ich nicht zu unterscheiden. Die meisten anderen in der Gruppe wahrscheinlich auch nicht. Dies zu meiner frühen politischen Sozialisation, die jenseits der lokalen Kultur unserer Schule im größeren Zusammenhang der »Ära Brandt« stattfand. Davon kam bei mir so viel an, dass ich Dinge wie Chancengleichheit, Öffnung des Bildungssystems, Gerechtigkeit super fand und insofern keinerlei Anschlussprobleme an die Wahlentscheidungen meiner Eltern hatte. Die wählten SPD, schon immer, und hatten als klares Feindbild die CDU, weshalb für mich aus Gründen einer dreifaltigen Entschlussbildung nicht infrage gekommen wäre, anders als sozialdemokratisch zu wählen: aus diffuser Zugehörigkeit, aus eher oberflächlicher inhaltlicher Überzeugung und, nun ja, aus Tradition heraus. (…)

Harald Welzer
geb. 1958, ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Direktor der Stiftung FuturZwei in Berlin. Zuletzt erschien von ihm Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 175 „Gefährdete Gesundheiten“
Was macht ein Philosoph im Krankenhaus?
Wilhelm Schmid

Der Philosophie ist alles zuzutrauen, nur eines nicht: Lebenshilfe. Davon sind die meisten professionellen Philosophen und vermutlich viele Menschen überzeugt, welche die Philosophie in einem Turm aus Elfenbein vermuten. Als ich Philosophie zu studieren begann, war die Klärung von Lebensfragen für mich durchaus eine leitende Idee. Wiederholt gescheiterte Liebesbeziehungen hatten mich in große Unruhe versetzt. Der Philosophie traute ich zu, besser zu durchschauen, was Liebe ist und wie mit ihr umzugehen sei. Die ersten beiden Studienjahre erbrachten das Ergebnis, dass die Philosophie sich um manches bemüht, aber nicht um die trivialen Fragen des Lebens. Erst Jahre später lernte ich Platons Symposion kennen, das von nichts anderem als von der Frage handelt, was Liebe ist und wie mit den »Dingen der Liebe« umzugehen sei. Hier wie auch sonst bei Platon und seinem Lehrer Sokrates ist die Frage »Ti estin?« von entscheidender Bedeutung: Was ist das, die Liebe? Was liegt ihr zugrunde? Was steckt dahinter? Philosophie ist zunächst nichts anderes als ein Innehalten und Nachdenken – das ist eine bescheidene Definition, aber Philosophie beginnt seit jeher mit diesem sokratischen Moment. Der Raum der »Was ist«-Frage ist der besondere Raum der Philosophie. (…)

Wilhelm Schmid
geb. 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin, lehrt Philosophie an der Universität Erfurt und betätigte sich lange als philosophischer Seelsorger in einem Krankenhaus. Zuletzt erschien von ihm Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 176 „Ist Moral gut?“
Nirgendwo. Auf der Suche nach einem Leben mit Moral
Uli Reinhardt

Ist Moral gut? Wenn wir eine schnelle Umfrage auf der Straße machen würden, bin ich sicher, dass eine große Mehrheit diese Frage nach kurzem Schmunzeln mit einem klaren Ja beantworten würde. Warum schmunzeln? Ich denke, dass wir – im Hinterkopf – Moral für ein leicht ranziges und angestaubtes Regelwerk halten, das oft schon überholt und ergänzt worden ist. Moral verbinden wir mit Begriffen wie »moralinsauer« und »Moralapostel«. Und wir erinnern uns mit wohligem Kribbeln, was passiert ist, wenn wir bewusst die Grenzen der Moral überschritten und die Welt des Verruchten enterten – wenigstens für kurze Zeit. Moral hat etwas von BGB oder Einkommensteuer. Sie sind uns unangenehm und lästig, auch wenn wir genau wissen, dass es sie geben muss. (…)

Uli Reinhardt
geb. 1947, ist Fotograf und Mitbegründer der Reportageagentur »Zeitenspiegel«. Er fotografiert für zahlreiche deutsche wie auch ausländische Magazine.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 177 „Privat 2.0“
Endlich Ruhe!
Georg von Wallwitz

Als Lord Byron sich nicht schämen wollte Das Schreiben von Essays ist eine sehr private Angelegenheit, betont Montaigne immer wieder. Der Essayist stellt den Menschen in all seinen Facetten dar, in seinen Vorlieben und Abneigungen, in seinen Eitelkeiten und Niedrigkeiten, in seinem Herois mus und seiner Banalität. Auch wenn er nicht über Tugenden schreibt, sondern über Dinge oder Geschichten, geht es dabei stets um die Beziehung des Menschen zu diesen im Speziellen und um die condition humaine im Allgemeinen. Wiederholt beklagt Montaigne, dass er in seinen Schriften gerne noch offenherziger gewesen wäre, was die Regeln des Anstands aber, zu seinem Bedauern, unmöglich machten. Das Thema des Essays ist, so lässt es sich verkürzend dem Schöpfer des Genres in den Mund legen, der Mensch – ein schwer zu fassendes, wenig standhaftes Wesen in einer schwankenden Welt, das, in seiner Veränderlichkeit eingefangen, kategorisiert, charakterisiert, vermessen, gewogen und skizziert werden soll. (…)

Georg von Wallwitz
geb. 1968, studierte Mathematik und Philosophie in England und Deutschland. Seit 2004 Mitinhaber einer Münchner Investmentmanagement-Firma. Zuletzt erschien Mr. Smith und das Paradies. Die Erfindung des Wohlstands.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 178 „1964“
Wir bleiben im Gespräch. Meine Tochter wird 50!
Johano Strasser

1964 – da war ich 25 und hatte schon zwei Jahre lang bei Ford in Köln als Übersetzer gearbeitet, um mir als der Ausländer, der ich damals noch war, das anschließende Zweitstudium und eine Freundin leisten zu können. Es war die gute alte Zeit des Wirtschaftswunders und des CDU-­Staats, als es im bundesdeutschen Strafgesetzbuch noch den sogenannten Kuppelparagrafen gab. Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz durch seine Vermittlung oder durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft, lautete Absatz 1. Eine Steilvorlage für schmallippige Sittenwächter, die ihren Nachbarn eins auswischen wollten, wenn diese ihrer erwachsenen Tochter mit ihrem Freund im Haus Übernachtung und damit womöglich Gelegenheit der Unzucht gewährten. Also ließen sich die meisten Hausbesitzer sicherheitshalber den Trauschein zeigen. (…)

Johano Strasser
geb. 1939, war langjähriger Präsident der Schriftstellervereinigung PEN Deutschland. Zuletzt erschien von ihm Gesellschaft in Angst.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 179 „Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung“
Brief eines Lesers (9)
Thomas Palzer

Was ist Ausbeutung? Leider hat Kant zur Beantwortung dieser Frage keine wasserdichte Gebrauchsanleitung hinterlassen. Wir müssen uns auf unsere Intuition verlassen. In einer Welt, in der es aufgrund knapper werdender Ressourcen zunehmend um Verteilungsgerechtigkeit geht, sind wir da schnell überfordert. Das gilt erst recht für das digitale Double, wo permanent Entscheidungen darüber getroffen werden müssen, wie viel Batterieleistung ein Programm nutzen darf, wie viel Speicher oder Bandbreite und wie viel Aufmerksamkeit des Benutzers für sich reklamieren. Doch auch Maschinen, die in der Lage sind, sich selbst Regeln zu geben und sich an sie zu halten, bleiben im Zweifelsfall auf uns angewiesen. Kein Algorithmus kann Fairness bis in den letzten Winkel ausleuchten. Der menschliche Faktor bleibt unersetzlich. Als positiver side effect kann dabei in Rechnung gezogen werden, dass wegen der Konstitution und angeborenen Resilienz des Menschen bei dessen Herumhüpfen von Ast zu Ast im Entscheidungsbaum dem üblichen Beschleunigungsfuror Einhalt geboten wird. (…)

Thomas Palzer
geb. 1956, ist Hörfunksprecher, Filmemacher und Schriftsteller. Zuletzt erschien der Roman Nachtwärts.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 180 „Nicht wissen“
Götter in Grau, Über das gestörte Verhältnis zwischen Arzt und Patient
Werner Vogd

Ob man es mag oder nicht, auch in der Krankenbehandlung liegen die Dinge gar nicht so sicher, wie man es sich erhofft. Vielmehr lässt sich gerade für die Medizin zeigen, dass es den Vollzug der Heilpraxis nicht unbedingt hemmt, wenn die Beteiligten dabei nicht so recht wissen, was sie tun. Aus der Medizingeschichte ist ersichtlich, dass von der Antike bis zum Mittelalter Aderlass und Quecksilbertherapie massenhaft angewendet wurden, wenngleich den Patienten dadurch weitaus mehr Schaden als Nutzen zukam. Wer glaubte, dass die Kluft zwischen Wissen und Praxis mit der Etablierung der Schulmedizin erfolgreich überwunden worden sei, ist von den Vertretern der sogenannten evidence based medicine eines Besseren belehrt worden. Denn mit epidemiologischen Mitteln konnte gezeigt werden, dass für einen Großteil der derzeit angewandten diagnostischen und therapeutischen Verfahren keine biostatistisch abgesicherte Evidenz vorliegt. (…)

Werner Vogd
geb. 1963, ist Professor für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke. Zuletzt erschien Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 181 „Jugend forsch“
Émile und die Rousseauisten
Julian Müller

Wie also über Jugend schreiben? Wie über einen Gegenstand schreiben, der sich offenbar so schwer fassen lässt, der einem sofort zu entgleiten droht, sobald man über ihn nachzudenken beginnt? Nach allem greifen wir, aber wir fassen nur Wind. Ja, es ist sogar noch schlimmer: über den man überhaupt erst dann nachzudenken beginnt, sobald er schon längst verschwunden ist. Solange die Jugend da ist, denkt man über alles Mögliche nach, nur nicht darüber, was sie ausmacht und was sie eigentlich ist.
Einen Text so anzufangen, heißt allerdings auch, bereits mit einem Fuß in die Falle getappt zu sein, die sich einem unweigerlich stellt, sobald man sich dem Thema »Jugend« nähert. Man kommt kaum umhin, im Modus der Sehnsucht und des Verlusts über sie zu schreiben und »Jugend« somit als das Ungreifbare, das Unfassbare, das Schon­Verlorene und Nichtrevidierbare zu stilisieren. »Wie rasch ist unser Dasein auf dieser Erde dahin! Das erste Viertel ist abgelaufen, ehe wir es noch zu nutzen verstanden. Das letzte läuft dahin, und wir sind nicht mehr fähig, es zu genießen. Zu Beginn wissen wir nicht, was leben heißt – bald darauf können wir es nicht mehr. (…)

Julian Müller
geb. 1980, ist Soziologe und arbeitet am Institut für Soziologie der Ludwig­-Maximilians­-Universität München. Zuletzt erschien (Un) Bestimmtheit. Praktische Problemkonstellationen (zusammen mit Victoria von Groddeck).

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 182 „Das Kursbuch. Wozu?“
Revisiting End. Anatomie eines Irrwegs
Peter Schneider

»Was nützt das schönste Talent, wenn es sich nicht zum Sprecher derjenigen macht, deren Mangel an Talent dazu benützt wird, ihre elementarsten Bedürfnisse zu unterdrücken. In dem Maße, wie das Kapital sämtliche Fasern der Gesellschaft nach seinen Bedürfnissen durchformuliert, verliert die Phantasie in der Wirklichkeit ihren Existenzboden, findet keine Lücken mehr, in denen die Zukunft sichtbar würde, wird aus dem letzten Schlupfwinkel vertrieben und in den Untergrund gedrängt. Wenn aber die Phantasie aus der Gesellschaft so vollständig vertrieben ist, daß die Kunst zur Vertretung der Bürokratie im Reich der Einbildung wird, dann müssen die Wünsche und Phantasien ihre Form als Kunst sprengen und sich die politische Form suchen. Die Phantasie kann nur am Leben bleiben, wenn sie das Terrain in Wirklichkeit erobert, das ihr ja wirklich, nicht in der Einbildung, genommen wurde.«

Aus: Kursbuch 16, »Kulturrevolution. Dialektik der Befreiung«, 1969, S. 27

Ich glaube, es gibt keinen anderen Text von mir, der sich durch ein solches Nebeneinander von Hellsichtigkeit und haarsträubendem Unsinn, von Erkenntnis und Verstiegenheit auszeichnet. Auch wenn dieser ziemlich verrückte Artikel dann doch erstaunlich schwungvoll geschrieben ist.
Als ich ihn verfasste, war ich in einem Zustand, wie ich ihn in meinem Roman Lenz beschrieben habe. Ich hatte mich von der großen Liebe jener Jahre getrennt und wurde mit dieser Trennung nicht fertig. Ich hatte Berlin den Rücken gekehrt und war nach Italien gefahren, übrigens zum ersten Mal in meinem Leben. Leisten konnte ich mir die Reise nur, weil ich von Karl Markus Michel einen Vorschuss von 2000 D­Mark erhalten hatte, um den oben erwähnten Aufsatz zu schreiben. Ich wohnte zunächst in einer fantastisch billigen Pension in Rom in unmittelbarer Nähe zur Fontana di Trevi, für umgerechnet zwölf Mark pro Nacht. In Italien kannte ich damals niemanden außer dem Komponisten Hans Werner Henze, dem ich im SDS öfters begegnet war. (…)

Peter Schneider
geb. 1940, ist Schriftsteller und Essayist. Seine Erzählung Lenz war in den 70er Jahren das Kultbuch der Linken. Zuletzt erschien Die Lieben meiner Mutter und An der Schönheit kann’s nicht liegen.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 183 „Wohin flüchten?“
Die Flüchtlinge und wir. Ein Gespräch über falsche Betroffenheit, Ignoranz und echtes Mitgefühl.
Wolfgang Bauer, Philipp Ruch

Sind die Deutschen hartherzig oder nur sehr dumm?
Wolfgang Bauer: Wie kommen Sie auf diese Frage?

Ich habe den Eindruck, dass Sie sich beide am gleichen Problem abarbeiten: Wie gelingt es, die Deutschen für die Situation der Flüchtlinge zu interessieren? Sie wenden dabei drastische Methoden an. Sie, Wolfgang Bauer, haben sich als Flüchtling ausgegeben und versucht, mit syrischen Flüchtlingen über das Meer von Ägypten nach Europa zu gelangen. Das Ergebnis dieser Recherche ist als Buch bei der edition suhrkamp erschienen: Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Sie, Philipp Ruch, ziehen viel Aufmerksamkeit mit den Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit auf sich. Sie haben etwa auf einer gefakten Homepage des Familienministeriums behauptet, der Bund würde im Rahmen eines Soforthilfeprogramms 55 000 syrische Kinder aufnehmen. Das Familienministerium musste dementieren – und war als hartherzig entlarvt. Zuletzt haben Sie die Leichen von Flüchtlingen, die beim Versuch, nach Europa zu gelangen, gestorben sind, wieder ausgegraben und in Berlin neu bestattet. Sie haben auch davon gesprochen, dass man das Herz der Deutschen mit der Brechstange öffnen müsse. Solche starken Mittel braucht man doch nur, wenn man es mit einem Publikum zu tun hat, das entweder wenig Ahnung hat oder sehr gleichgültig ist.

Philipp Ruch: Die Deutschen sind weder dumm noch hartherzig. Ich halte es mit Rupert Neudeck, der seit den 1980er-Jahren wieder und wieder betont hat, dass er auf »sein« deutsches Volk nichts kommen lasse. Wir sind etwas zu satt und selbstbezogen vielleicht, aber alles in allem ist die Bevölkerung sicherlich klug, gebildet, mitfühlend. Viel klüger, gebildeter und mitfühlender, als die Politiker sich »den Stammtisch« imaginieren. Es mag allerdings sein, dass es manchmal an konkretem Wissen fehlt. Bei mir hat es Schockzustände ausgelöst, als ich Ende 2013 zwei Menschen über Syrien reden hörte: »Alles Terroristen!« Das war die Initialzündung für die Kindertransporthilfe des Bundes, mit der wir vorübergehend wenigstens ein Prozent aller betroffenen Kinder aus der syrischen Apokalypse als Pflegekinder in Deutschland unterbringen wollten.

Bauer: Die Leute sind nicht dumm. Ich würde sagen, dass es einigen Menschen in Deutschland an etwas fehlt, das ich emotionales Wissen nennen würde. Die Menschen, die vor Asylbewerberheimen demonstrieren, die vielleicht sogar Brandanschläge verüben, die haben keine Ahnung davon, wer die Flüchtlinge sind und was sie erlebt haben. Die Flüchtlinge sind keine Schmarotzer, das sind Menschen, deren Leben in vielen Fällen bedroht war. Wer das weiß, wer da ein wenig emotionale Nähe aufbringt, der kann ganz einfach nicht wollen, dass die Flüchtlinge wieder in den Krieg zurückkehren müssen. (…)

Philipp Ruch
geb. 1981, ist Theatermacher und »Chefunterhändler« des Zentrums für Politische Schönheit. Er lebt in Berlin und promoviert bei Herfried Münkler über Ehre und Rache. Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts.

Wolfgang Bauer
geb. 1970, ist Reporter für die Zeit und lebt in Reutlingen. Zuletzt erschien Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 184 „Was macht die Kunst?“
Die Wahrheit der Kunst
Boris Groys

Die wesentliche Frage, die sich uns zur Kunst stellt, lautet: Kann Kunst ein Medium der Wahrheit sein? Diese Frage ist wesentlich für die Exis­tenz und das Überleben der Kunst. Denn wenn Kunst kein Medium der Wahrheit sein kann, dann ist sie nur eine Sache des Geschmacks. Die Wahrheit muss man akzeptieren, selbst wenn sie einem nicht ge­fällt. Doch wenn die Kunst nur eine Sache des Geschmacks ist, dann wird der Betrachter wichtiger als der Produzent. In diesem Fall kann die Kunst nur soziologisch oder unter Aspekten des Kunstmarkts be­trachtet werden – sie hat keine Eigenständigkeit und keine Macht. Kunst wird gleichbedeutend mit Design. (…)

Wenn die Künstler tatsächlich die Welt verändern wollen, stellt sich die folgende Frage: In welcher Weise vermag Kunst die Welt, in der wir leben, zu beeinflussen? Grundsätzlich sind zwei Antworten auf diese Frage möglich. Die erste Antwort: Kunst kann die Fantasie anregen und das Bewusstsein der Menschen verändern. Wenn das Bewusstsein der Menschen sich verändert – dann werden diese veränderten Men­schen auch die Welt verändern, in der sie leben. In diesem Fall wird Kunst als eine Art Sprache verstanden, die es dem Künstler erlaubt, eine Botschaft zu verbreiten. Und diese Botschaft ist darauf angelegt, die Seelen der Empfänger zu erreichen und ihre Sensibilität, ihre Geis­teshaltung und ihre moralischen Überzeugungen zu verändern. (…)

Boris Groys, geb. 1947, ist seit 1994 Professor für Kunstwissenschaft, Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, seit 2005 Global Distinguished Professor an der Faculty of Arts and Science, New York University, außerdem Senior Scholarship des Courtauld Institute of Art London und Mitglied der Association Internationale des Critiques d’Art (AICA).

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 185 „Fremd sein!“
Wie lange bleibt man ein Fremder?
Naika Foroutan

Der Fremde wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er-Jahre literarisch und wissenschaftlich vor allem als ein Außenseiter beschrieben, der auf eine etablierte Gruppe trifft und versucht, sich an diese bestehende Gruppe heranzutasten, von ihr angenommen zu werden – heute würden wir sagen, in sie integriert zu werden –, und dabei entweder eingegliedert oder abgewiesen wird. Der Sozialpsychologe George Herbert Mead bezog hierbei bereits die Interaktion zwischen dem Fremden und dem Eigenen ein, was heute auch die Grundlage der soziologischen Beschreibung von Begegnung und dynamischer Wechselwirkung darstellt. Auch die Vorstellung von Integration als beiderseitigem Prozess setzt sich zunehmend gegen die jahrzehntelang etablierte Vorstellung von Integration als Bringschuld der Migranten durch. »Integration ist keine Einbahnstraße« ist zu einem etablierten Ausspruch geworden. Für Deutschland spielt das Thema der Integration nicht erst seit der Flüchtlingsdebatte eine große Rolle. Vielmehr ist die Forderung nach Integration spätestens seit 1979 – seit dem sogenannten Kühn-Memorandum – eng mit Migration und mit dem Aufruf der Eingliederung und Anpassung an die bestehende deutsche Kerngesellschaft verbunden. Gleichzeitig schafft der Begriff durch diese Kopplung eine immerwährende Fremdheit. Migrant zu sein wird gesellschaftlich changierend von der Wahrnehmung begleitet, ein besonders gelungenes Beispiel für Integration zu sein, oder aber, dass eine Integration aufgrund spezifischer Gruppenzugehörigkeit letztlich aussichtslos sei, da immerzu eine lauernde Loyalität zu einem anderen, inkompatiblen System mitschwingt – ob von Russlanddeutschen zu Putin oder von Muslimen zum Koran –, am Ende ist das Fremde in einem angelegt, weil man Migrant ist, war oder von einem abstammt. An dieser stabilen Grundsicherheit hat sich einiges geändert, seitdem sich Deutschland als Einwanderungsland beschreibt: Die Jahresgutachten des Sachverständigenrats für Migration und Integration, die empirischen Erhebungen der Transatlantic Trends, die Studien der Kollegen vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung aus Bielefeld – sie alle beschreiben überraschend positive Zusprüche zu der bestehenden und sich fortsetzenden Vielfalt in Deutschland. Auch bewerten Zuwanderer und Mehrheitsgesellschaft nach wie vor das Integrationsklima als deutlich besser, als die mediale Debatte erwarten lässt. (…)

»An island of meaning is a cluster of things (acts, events, objects, traits) that are regarded as more similar to one another than to anything outside the cluster. As we lump those things together in our minds, we allow their perceived similarity to outweigh any differences among them. As a result, we come to envision relatively homogeneous ›mental fields‹.«
Eviatar Zerubavel

Naika Foroutan, geb. 1971, ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin und stellvertretende Leiterin des Berliner Instituts für Integrations- und Migrationsforschung. Zuletzt erschien Deutschland postmigrantisch II. Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 186 „Rechts. Ausgrabungen“
Auf dem Weg in die Tyrannei (Volltext)
Hans Hütt

Die Rechte gedeiht in Amerika wie nie zuvor. Nicht geeint, nicht unter einer Führung, nicht mit einer Agenda, sondern genauso konfus wie Joe the Plumber oder die Schreihälse in den Talkradios und bei Fox News. Der amerikanische Optimismus sieht sich umzingelt von Zukunftsangst, Paranoia und einer wachsenden Sehnsucht nach einem autoritären Führer. Die Kriege gegen die Drogen, gegen den Terror und gegen den Liberalismus haben die politische Kultur des Landes unterminiert. Der Optimismus und Pragmatismus Barack Obamas hat die lunatischen Gegenspieler zur Weißglut getrieben. Während die Eliten im Silicon Valley von der Singularität träumen und ihre unternehmerischen Ideen von Disruption umstandslos auf die Politik übertragen, setzen die Verlierer des großen Spiels um die Macht auf einen Joker, von dem keiner weiß, ob er ein Trumpf ist oder nicht.

Lechts und rinks scheinen nur in einem Punkt einig: im Misstrauen gegenüber den gewachsenen Institutionen und im Hass auf das Establishment. Von links geht es gegen die Exzesse des Überwachungsstaats, von rechts gegen die staatlichen Institutionen als Daseinsgaranten. »Disruption ist Neuheit ohne wirkliche Veränderung.« Die Funktionseliten pflegen davon unberührt weiter den Mythos der auserwählten und unersetzlichen Nation, weil nur Amerika dazu in der Lage sei, zu tun, was getan werden müsse, auch wenn sie die Kosten künftig global besser verteilt sehen wollen. (…)

Hans Hütt, geb. 1953, ist Politikwissenschaftler. Er schreibt für FAZ, Freitag, taz und Zeit Online. Ab 2009 begleitete er in seinem Blog die ersten Jahre der Präsidentschaft Barack Obamas.

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 187 “ Welt verändern“
Schweigen für eine bessere Welt
Irmhild Saake

Auf einer theologischen Tagung konnte ich einmal zuhören, wie die Redner diskutiert haben, ob es bis zum Ende der Tage noch Hilfebedürftigkeit und Armut geben werde oder ob solche Probleme schon vorher gelöst sein würden. Eschatologie nennt sich die Lehre von den letzten Dingen, die Lehre vom Anbruch der Gottesherrschaft. Die Frage ist gut. Wie stellen wir uns eigentlich das Ergebnis unserer Bemühungen, hier auf Erden die Welt zu verbessern, vor? Kann man sich das überhaupt vorstellen? Werden einmal alle Menschen als freie und gleiche ein zufriedenes Leben führen? In Einklang mit der Natur? Ohne Krieg und Not? Eher plausibel erscheint vermutlich vielen, dass wir von einer übermächtigen Natur, die uns den Klimawandel übel nimmt, überwältigt werden. Gibt es zwischen Erlösung und Apokalypse noch etwas? Aber ja: Es gibt die sachliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Gesellschaft. Dabei werden Problembeschreibungen angefertigt, Expertengruppen zusammengestellt, Projekte gefördert und evaluiert, um herauszufinden, was besser und was schlechter funktioniert.

Jetzt müssen vermutlich alle lachen, weil jeder zu wissen glaubt, dass das nichts bringt. Wir haben ein viel besseres Mittel entdeckt, um die Welt zu verändern: die Praxis der Symmetrisierung. Wir machen uns mit den Hilfebedürftigen der Welt, mit den Unterdrückten und Schlechtergestellten, mit allen, deren Leben anders als unseres verläuft, zu Gleichen. Dieser neue Aktivismus des Veränderns, des Mitmachens, des Sich-Engagierens in Bezug auf Arbeitsplätze irgendwo in der Welt, den Klimawandel, die Anerkennung von Diversität, die Hilfe für Flüchtlinge und den Einsatz für Tierrechte macht Schluss mit der gelehrten Eschatologie. Die alten Debatten sind beendet, den Argumenten trauen wir nicht mehr. Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen existiert immer noch, die Akkumulation von Geld in den Händen weniger Menschen nimmt zu, der Verbrauch unserer natürlichen Umwelt wird mit technologischen Mitteln gesteigert und all das fühlt sich falsch an.

Was machen wir eigentlich, wenn wir der Welt so die Temperatur messen? Wir tun etwas, wir fühlen, aber wir interessieren uns nicht mehr für Begründungen. Wir wollen die Welt verändern und wollen sehen, dass sich etwas tut. (…)

Irmhild Saake, geb. 1965, ist Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien »Ethik – Normen – Werte. Studien zu einer Gesellschaft der Gegenwarten« (zusammen mit Armin Nassehi und Jasmin Siri).

Zurück zur Auswahl


Kursbuch 188 „Kalter Frieden“
Bildersturm
Bernd Stiegler

Vor einigen Wochen postete der norwegische Autor Tom Egeland auf seiner Facebook-Seite das berühmte Foto der vor Napalmbomben fliehenden Kim Phúc aus dem Vietnamkrieg. Er stellte es als eines der iko­nischen Kriegsbilder der Gegenwart in eine Reihe mit weiteren Fotos, die die Kriegsberichterstattung geprägt haben. Als Facebook unter Hin­weis auf das Verbot, pornografische Aufnahmen zu posten, das Bild löschte und Egeland zugleich warnte, bei erneuter Missachtung der Re­geln seine Seite zu sperren, kam es zu einer breiten Solidarisierungs­aktion. Selbst von der norwegischen Premierministerin wurde das Bild erneut gepostet, nun aber versehen mit einem breiten Zensurbalken. Der Herausgeber der norwegischen Zeitung Aftenposten, Espen Egil Hansen, wandte sich sogar mit einem offenen Brief, den er auch in Gestalt eines Videos ins Netz stellte, direkt an Mark Zuckerberg und warf ihm Macht­missbrauch vor. Das Bild erschien am 9. September mit einem Hinweis auf den abgedruckten offenen Brief unzensiert auf der Titelseite der Zeitung, nun untertitelt mit: »Dear Mark Zuckerberg«. Hansen unterstrich die entscheidende Rolle, die den Medien bei der Kriegsberichterstattung für die Öffentlichkeit zukomme. Mitunter habe die Veröffentlichung solcher Bilder zu einer »Veränderung der Haltung geführt, die dann eine Rolle spielte, um den Krieg zu beenden. Sie trugen zu einer offeneren, kritischeren Debatte bei. So muss eine Demokratie funktionieren.«

In dieser Diskussion ergriff auch die Bild-Zeitung das Wort und publizierte am 8. und am 9. September auf ihrer Onlineseite mehrere Artikel über die Aufgabe von Bildern beziehungsweise Fotografien für die Presse. Am ersten Tag war die Onlineausgabe bis mittags ohne Bilder (vermutlich abgesehen von denen der Werbepartner) geblieben. »Wir wollten damit zeigen«, so wird erläutert, »wie wichtig Fotos im Journalismus sind. Und dass es sich lohnt, jeden Tag um das beste Foto zu kämpfen! Denn Fotos können beweisen, was Mächtige verstecken wollen. Sie wecken Emotionen in uns. Sie zeigen schöne Momente, aber auch grausame. Sie lassen uns mit anderen Menschen mitfühlen. Denken Sie an das Schwarz-Weiß-Foto eines vietnamesischen Mädchens. Es rennt schreiend auf den Fotografen zu. Im Hintergrund US-Soldaten und eine bedrohliche, schwarze Wolke. Bis heute prägt dieses Foto unsere Ab­scheu vor Krieg mehr als jede Politiker-Rede, mehr als jedes geschriebene Wort. Auch das Foto des ertrunkenen Aylan (3) am Strand ging um die Welt. Es sorgte für Bestürzen und Mitgefühl, rüttelte Millionen Menschen wach. Darum steht BILD immer wieder für die Veröffentlichung umstrittener Fotos ein – oft gegen harte Widerstände. Die Welt muss die Wahrheit sehen, um sich zu verändern.« Am Tag darauf folgte die – hier durch den Hinweis auf das Bild bereits vorbereitete – Kritik der Facebook-Zensur, bei der zwei weitere, mittlerweile ikonisch gewordene Kriegsbilder aus der jüngsten Vergangenheit gezeigt wurden: das des erwähnten Aylan an der türkischen Küste und das des fünf­jährigen Omran, der in Aleppo aus einem von Bombenangriffen zerstörten Haus gerettet wurde. Dieses Foto wurde so oft publiziert, dass schon über Gründe spekuliert wurde, wenn eine Zeitung oder ein Land es nicht zeigte. Das war etwa für die russische Presse der Fall, was vermutlich damit zusammenhing, dass die russische Luftwaffe an der Bombardierung des Hauses beteiligt war.

Bernd Stiegler, geb. 1964, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur mit Schwer­punkt 20. Jahrhundert im medialen Kontext an der Universität Konstanz. Zuletzt erschien „Der montierte Mensch. Eine Figur der Moderne“.

Zurück zur Auswahl

Information teilen

Hi, vielleicht interessant für Dich: Über das Kursbuch!
Das ist der Link: https://kursbuch.online/lesen/