Diethmar Dath: Legitimiert euch doch selbst!

Wo wenigstens formell Meinungsfreiheit herrscht, ist die Wirklichkeit mitunter öder als die Debatte. Ist dies der Fall, so kann man zwar nicht alles erleben, aber doch alles zu hören bekommen, „bevor einem die Ohren abfallen“ (Pippi Langstrumpf), vorausgesetzt, man hat einen langen Atem und wartet ab.

Zum Beispiel Gesellschaftskritik: Ich kenne einen smarten Publizisten, der sagt jetzt so oft und so laut das, was ich vor vier Jahren gesagt habe (und was er damals mit gar nicht so schlechten Gründen auf keinen Fall gelten lassen wollte), dass ich schon gar keine Lust mehr habe, das Zeug, das vor drei Jahren meins war, weiterhin zu äußern. Damals zwar konnten Naturkundebeobachter des Biotops Trading, einer wahren Sumpfgartenwelt, bereits ahnen, dass man selbst in Amerika nicht beliebig viel Bauland und Wohneigentum an Familien verkaufen kann, die sich derlei überhaupt nicht leisten können; aber mein Publizist riss wacker Witze über die „angebliche Altersarmut in den reichen Ländern“ und erzählte (so oft und so laut wie heute etwas ganz anderes), es ginge noch den Elendesten auf der Müllkippe in Rio hinsichtlich Komfort und Gesundheitsversorgung besser als Ludwig dem XIV. weiland in seinem Schloss. (…)

Dietmar Dath, geb. 1970, Schriftsteller und Übersetzer, lebt in Freiburg und Frankfurt am Main. Er war Chefredakteur der Spex (1998–2000) und ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zuletzt erschien Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee (zusammen mit Barbara Kirchner).

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