Kursbuch 195 – Der Inhalt

Christian Demand – Brief eines Lesers (22) • Armin Nassehi Editorial • Frederik Obermaier/Bastian Obermayer – »Irgendetwas stimmt da nicht!« • Christoph Neuberger – Entfesselte Kontexte • Armin Nassehi – Wir werden es gewußt haben • Wolfgang Schmidbauer – Eine Burg voller Narren • Jürgen Kaube – Wenn man über alles schreibt, wie bleibt man dann interessant • Angela Keppler – Das Fernsehen lebt! • Ai Weiwei – Laundromat • Patrick Bahners – Vorbild: David Carr • Alexander Gutzmer – Grenzübergang • Sven Murmann – Der Kurs des Buches • Michael Haller – Narzissen in der Filterblase  • Benjamin Moldenhauer – Das Kino bebt! • Ulrike Draesner – Ein X für ein U

(die Essays sind anklickbar, Sie kommen dann direkt zum Textauszug).

Editorial

Nach einem Putsch wird man wohl zunächst die Kasernen und Polizeistationen sowie die wichtigsten Verwaltungseinheiten stürmen. Aber gleich danach, vielleicht sogar vorher, wird man sich der Fernseh- und Radiostationen bemächtigen, die Zeitungen gleichschalten und womöglich die Druckereien kontrollieren. In den Gefängnissen der Türkei sitzen vor allem Journalistinnen und Journalisten ein, auch in Russland sind es Presseleute, die sogar umgebracht worden sind. Die kleine, vor allem kleingeistige Revolution der Rechtsradikalen, die nun als AfD in fast allen deutschen Parlamenten sitzen, hat sich vor allem auf die »Lügenpresse« kapriziert und gestaltet ihre Opferinszenierung wesentlich als Behauptung, in den Mainstream-Medien nicht berücksichtigt zu werden, obwohl derzeit über kaum etwas mehr berichtet wird. Donald Trump, in dessen Amtssitz in D.C. einmal diejenigen saßen, die man – mal mit mehr, mal mit weniger Recht – die »Führer der freien Welt« genannt hat, hat kürzlich in einem Gespräch mit dem Chef der New York Times die Presse als »Feind des Volkes« bezeichnet. So weit würden Kim, Erdoğan, Chamenei oder auch Putin nicht gehen – nicht, weil sie pressefreundlicher wären, sondern weil sie ihre eigene Presse schlicht besser an der Kandare hätten.

Die Konzentration der Autokraten auf die Medien ist kein Zufall, sondern verweist auf deren grundlegende Funktion. Wenn es stimmt, dass wir das meiste von dem, was wir wissen, aus den Massenmedien wissen, dann bestimmt derjenige, der die Medien kontrolliert, darüber, was wir wissen (können und sollen). Umgekehrt: Freie Medien garantieren weniger, dass man mehr weiß, sondern dass es mehrere Varianten dessen gibt, was man über berichtete oder diskutierte Sachverhalte sagen kann. Vielleicht lässt sich das, was die Medien vermögen beziehungsweise was ihre Funktion und Leistung für die Gesellschaft ist, daran bemessen, wie sie eingeschränkt, behindert oder gegängelt werden.

Freilich unterliegen auch freie Mediensysteme durchaus der Kritik, und der Eindruck ist sicher nicht ganz falsch, dass es so etwas wie ein Normalmodell gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen gibt, das vor allem durch jene Medien repräsentiert wird, die die größte Reichweite haben. Sie geben damit den Ton dessen an, was sagbar ist. Es war, wie bei so vielem, in der letzten Zeit die Flüchtlingsfrage, die den Aufhänger dafür geliefert hat, wie selektiv Medien über die Gesellschaft berichten. Hier ließ sich – ob zu Recht oder zu Unrecht, ist eine offene Frage – durchaus auch Selbstkritik vernehmen, die aber wiederum in erster Linie ein Medienphänomen ist. (…)

Weiterlesen auf der Seite des Editorials von Armin Nassehi.

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