Kursbuch 192: Moshtari Hilal zum Weltfrauentag

»Die Bilder der aus Afghanistan stammenden Hamburgerin Moshtari Hilal können geradezu als Parabel auf den Topos Sichtbarkeit versus Unsichtbarkeit gelesen werden, der sich durch dieses ganze Kursbuch zieht. Ihre Frauenporträts sind Skizzen, die eben nicht porträtieren, sondern mit dem Weglassen spielen. Sie reduzieren die gezeigten Gesichter auf etwas Wesentliches, das aber nicht gleich sichtbar wird. Sie bewegen sich, so sagt sie selbst, zwischen theoretischen und therapeutischen Welten und sind auf der Suche nach marginalisierten Identitäten. Ihr besonderer Reiz liegt aber darin, dass sie auf ostentative Identitätszumuten verzichten und damit viel Raum für Deutungen und Assoziationen bieten.« Armin Nassehi tastet sich im Editorial zu Kursbuch 192 an die Kunstwerke von Moshtari Hilal heran. Sechzehn ihrer Zeichnungen sind in der Ausgabe »Frauen II« erschienen. Die Hamburger Künstlerin anlässlich des heutigen Weltfrauentags im Kurzinterview.

 

Heute ist Weltfrauentag. Hast du an diesem Tag etwas Besonderes vor?

Um ehrlich zu sein, mache ich mein Interesse an oder meine Sorge um Gleichberechtigung nicht an einem Tag fest. Genauso wie ich jeden Tag die Folgen und die Strukturen des Rassismus erkenne und erfahre oder Armut nicht übersehen kann, genauso ist Genderdiskriminierung alltäglich und leider unserer Sozialisierung und unserem Wirtschaftssystem inhärent. Wie traurig, dass wir einen Tag brauchen, um daran zu erinnern.

Welchen Impact sprichst du einem solchen »Feiertag« zu? Was wird er verändern?

Ich denke, ein solches Datum ist nur begrenzt wirksam. Aber sein Mehrwert liegt darin, einen organisatorischen Anlass zu schaffen für Medien, Studien, Kundgebungen und Institutionen, sich mit dem Thema der Gleichberechtigung, der Geschichte der Frauenbewegung oder feministischen Ideengeschichte zu beschäftigen. Der Tag selbst kann nicht allein etwas verändern, aber er kann dazu anhalten und auffordern, über Veränderung nachzudenken.

Im Oktober stellst du gemeinsam mit Barbara Lüdde im Feinkunst Krüger aus. Was erwartet die Besucher*innen?

Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Barbara Lüdde, weil wir von der Konzeption der Ausstellung bis hin zur begleitenden Publikation im Dialog miteinander stehen und dieses kollaborative Element höchste Priorität für diese Ausstellung hat. Daher sind, neben Einzelarbeiten, auch Werke zu erwarten, die Bezüge zueinander aufstellen, aber auch visuell aufeinander Einfluss nehmen. Es soll eine Ausstellung zweier Künstlerinnen werden, die sich über das Medium der analogen Zeichnung mit der Thematik der Struktur beschäftigen – Strukturen und Oberflächen in den Zeichnungen selbst, der Gesellschaft und unserer Wahrnehmung.

Was unterscheidet deine Kunst von der von Barbara Lüdde? Worin ähnelt sie sich?

Unsere Arbeiten sind auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Während Barbara Lüdde Protagonist*innen aus der Subkultur porträtiert, spielen bei mir auch ganz andere Gesichter und Körper eine Rolle, Familien, auch Kinder. Gleichzeitig befinden sie sich, wenngleich nicht in einer Subkultur, ebenfalls außerhalb der hegemonialen Kultur, in einem anderen Abseits. Wir zeichnen beide analog und detailliert innerhalb schwarz/weißer und grauer Töne. Wir beide widmen unsere Arbeit dem visuellen Ausdruck der Linie. Ein Ausdruck, der sich in den  gezeichneten Haaren, Textilien oder den Gesichtern wiederfinden lässt.

Welche Rolle spielen Männerfiguren in deiner Kunst?

Ich denke, dass weder Männlichkeit noch Weiblichkeit in meiner Arbeit auftaucht. Zumindest nicht so, wie wir sie kennen, ganz einfach, weil diese Konzepte so begrenzt sind. Vielmehr konzentriere ich mich auf Charaktere, und wenn ihre Körper als männlich oder weiblich gelesen werden, dann ist es ebenso zufällig, wie wenn meine Charaktere als queer gelesen werden. Zu Beginn einer Zeichnung kann ich oft noch nicht einmal sagen, welches Gender sie haben wird. Ich folge einfach der Linie – und mal wird es ein Vater, mal eine Mutter, mal eine Person mit Bart –  dieser Prozess ist aber ganz unbestimmt und es ist völlig offen, ob es überhaupt eine Person wird und wenn ja, wer diese Person ist. Eine Ausnahme stellt meine Porträtreihe »Mädchen mit dem Damenbart« aus Kursbuch 192 dar, bei der es explizit um weibliche Gesichtsbehaarung gehen sollte, weil sie bis heute so stark tabuisiert wird.

Du spielst in deinen Bildern mit den Mechanismen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit – sind Frauen denn nach wie vor zu unsichtbar in unserer Gesellschaft?

Ich denke, dass eine Idee vom Frausein sehr präsent ist, aber selten etwas mit der Vielschichtigkeit einer realen Person zu tun hat oder der Diversität der Menschheit. Die Frau in der Kunst und in den Medien ist bis heute diese Kreatur zum Ansehen, diese geschaffene Figur, die vordergründig sexuell verfügbar ist, Erotik oder Unschuld verkörpern muss, um interessant zu sein. Manchmal darf sie Mutter sein und damit enden die Grenzen des Vorstellbaren. Diese Figur hat nichts mit den Frauen zu tun, die ich kenne und auch nichts mit mir selbst. Daher sind meine Selbstbildnisse Teil einer feministischen Praxis, denn sie vereinen Schaffende und Muse und verweigern sich dem fremden Blick.

Moshtari Hilal stellt gemeinsam mit Barbara Lüdde im Oktober im Feinkunst Krüger aus.
Kursbuch 192, in dem die Bildreihe »Das Mädchen mit dem Damenbart« erschienen ist, finden Sie in unserem Webshop.

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