Kursbuch 172 – Tobias Esch: Wie kann man Glück lernen?

Eine medizinisch-biologische Einkreisung

Prolog

Oh Gott, schon wieder Glück? Reicht es nicht, ständig und überall Vorschriften für ein gesundheitsbewusstes Leben zu bekommen? Jetzt soll man auch noch glücklich sein, ein glückliches Leben führen? Was soll das überhaupt sein? Glück hat man – oder eben nicht. Das ist das Gute daran: Vielleicht passiert es einfach so, kann ja sein, man kann zumindest noch hoffen. Jedenfalls braucht man sich nicht darum zu kümmern, außer vielleicht ab und zu den Lottoschein ausfüllen. Who cares? Oder sollen wir jetzt alle nach Hamburg ziehen, weil laut Glücks- atlas der Deutschen Post dort die glücklichsten Menschen leben? Das wussten bereits unsere Vorfahren, die unweit der Hansestadt »Glückstadt« und »Glücksburg« gründeten. Nur die Thüringer mögen bitte wegbleiben, denn dort ist man am unglücklichsten. Wenn die alle nach Hamburg zögen, dann wohnte das Unglück bald hier – oder bliebe es etwa dort zurück in der Einöde, wo dann keiner mehr weilte? Ist Unglück gerne allein?

Oder wir gehen gleich nach Bhutan, in das Himalaja-Königreich, möglichst weit weg. Da gibt es keine Arbeitslosigkeit, und Platz hat es auch. Und vor allem: Glück. Bruttoinlandsglück ist dort Staatsziel und in der Verfassung verankert, da kann nichts mehr schiefgehen. Und auf dem Weg dorthin machen wir Zwischenstopp in Großbritannien, wo Lord Richard Layard die Wissenschaftsbewegung für eine glücklichere Gesellschaft (Action for Happiness) gegründet hat und Premier Cameron sogleich eine Glückskommission berief, die Wohlfühlfaktoren – Determinanten des kollektiven Glücks – auffinden soll. Jene Faktoren werden nun, in einem Glücksindex gebündelt, die künftige Politik Großbritanniens maßgeblich bestimmen, so Cameron. Und in Berlin hat die Bundesregierung eine etwas nüchternere Analogversion auf den Weg gebracht – die Enquète-Kommission zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität.

Was aber, wenn das jetzt alle machen? Stirbt das Unglück dann aus?

Wieso sagt Reinhold Messner in einem Interview, er sei jahrzehntelang auf der Suche nach dem Glück gewesen (und er kennt doch den Himalaja wie kein Zweiter!), ständig getrieben von dem Gefühl, das Glück sei immer da, wo er gerade nicht sei? Aber mit dem Alter, so Messner, sei er gelassener geworden, altersweise. Kommt Glück etwa zu uns, wenn wir nicht mehr danach suchen oder ihm hinterherreisen? Also doch nicht nach Bhutan? Leo Tolstoi meinte, das Glück hinge nicht von den äußeren Dingen ab (und damit auch nicht von Orten), sondern von der Art, wie wir sie sähen.

Fragen über Fragen …

Ausgangssituation: Stress, Erschöpfung, Burn-out – Unglück!

Um es kurz zu machen: Glück ist nicht gerade ein Exportschlager. Unglück schon – es scheint sogar krankhaft ansteckend zu sein. Die Menschen klagen immer mehr darüber, öffentlich. Beispiel Burn-out (chronisches Unglück): Nach aktuellen Daten der deutschen Krankenversicherungen nimmt diese Kombination aus emotionaler Erschöpfung, Leistungseinbruch und Unzufriedenheit sowie Zynismus, das heißt Distanziertheit und Depersonalisation, massiv zu. Und dem subjektiven Stresserleben wird dabei eine besondere Bedeutung beigemessen. So simpel diese Feststellung auch erscheint, bei näherer Betrachtung ist sie sehr komplex und weist auf grundsätzliche Methodenfragen zur Erfassung von Burn-out hin. Auch die Tatsache, dass die Medizin keineswegs schon beschlossen hat, jene Symptomenkonstellation überhaupt als Krankheit anzuerkennen oder gar eine einheitliche Definition, Handlungsempfehlung oder ein anerkanntes Instrumentarium zur Diagnose des Burn-outs zu entwickeln, darf nicht vernachlässigt werden. Kurzum, so umstritten und komplex das beschriebene Phänomen generell ist, so sehr kann man eines feststellen: Glück sieht anders aus!

Burn-out, so eine moderne Lesart, ist nicht allein das Zuviel im Außen, sondern mindestens auch ein Zuwenig im Innen. Wir werden darauf noch zurückkommen. Doch ist dieses Vernachlässigen des inneren Raumes, des inneren Impulses, des Selbst, wirklich neu? Klagen wir nicht einfach nur auf verdammt hohem Niveau? Schrieb nicht schon Ödön von Horváth in seinem Stück Zur schönen Aussicht: »Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu?« Und Karl Valentin bemerkte in der ihm eigenen humorvoll-ironischen Art: »Heute mach’ ich mir eine Freud’, ich besuche mich selbst. Mal seh’n, ob ich zu Hause bin.« Verschieben sich hier nur die (medialen) Koordinaten unserer Wahrnehmung oder doch das ganze Koordinatensystem? Nehmen Stress, Unglück und Depression wirklich zu (obwohl es uns doch noch nie so gut ging)? Haben wir Grund zur Klage? Die Antwort ist: Leider ja, irgendwie schon – und das hat nicht nur sub- jektive, psychosoziale, sondern auch biologische, medizinische und vermeintlich objektivierbare Ursachen und Konsequenzen.

Hätten Sie gewusst, dass man heute etwa anhand von Entzündungsmarkern im Blut oder gar in einzelnen Zellen nachweisen kann, ob jemand chronischem Stress ausgesetzt war oder ist? Und dass selbst die Depression – nicht nur die bekannten Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen wie Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt – heute als eine durch Entzündungsprozesse und Stress mit begünstigte Erkrankung gilt? Auch stellt man fest, dass die Generation der heute Erwachsenen im Schnitt etwa eine Stunde weniger schläft als noch die Vorvorfahren. Ist weniger Zeit dafür oder brauchen wir heute biologisch einfach weniger Schlaf? Wo sind, neben dem Schlaf (und das kommt noch dazu!), die Erholungsräume geblieben, in denen wir angeblich unproduktiv und ineffizient einem Tagtraum, einer Reflexion oder einfach der »Frei-Zeit« nachgehen können, Kairos statt Chronos? Man kann heute nachweisen, dass der Konsum, der Güterumsatz des Einzelnen über die Lebensspanne, aber auch jener der Wirtschaftsnationen insgesamt, immer weiter zunimmt, ja zunehmen muss. Und dass die Haltbarkeit der Produkte und Güter, aber auch die Zyklen hinter dem ganzen Geschehen, immer kleiner und kürzer werden. Das wirkt auch auf die Subjekte. Welche Konsequenz soll der Einzelne ziehen? Sich entziehen? Die alten Rezepte wieder auspacken, Rückschritt statt Fortschritt? Regeneration und Restauration statt Multitasking und gelegentliche Kapitulation? Genießen und »sein« statt konsumieren und hinterherrennen (kurz vor Ladenschluss, der aber glücklicherweise auf 22 Uhr verlängert wurde)? Soziale Interaktion statt soziales Fangnetz und gelegentliches Verheddern darin? Doch wer schafft dann die Werte, verdient das Vermögen, zahlt Steuern? Momentan läuft unsere Entwicklung nicht gerade in diese Richtung. Wir schmunzeln über die Franzosen mit ihrer 35-Stunden-Woche und der Rente ab 60. Und gehen arbeiten.

Eines ist klar: In einer Gesellschaft, deren Fokus und Überlebensstrategie um jeden Preis auf Produktion, Export und kollektives Wachstum ausgerichtet sind, sind Phasen der inneren Einkehr und Besinnung, in denen der Einzelne im Außen nichts Sichtbares schafft, zunächst an den Rand des Tages verdrängt worden (erstes Opfer: der Mittagsschlaf). Dann wurden sie in die Freizeit oder auf das Wochenende ausgelagert, von wo wir sie schließlich als Nicht-Kirchgänger, Nicht-Sonntagsbrätler oder auch inzwischen als Nicht-Stammtischler (Ausnahme: kollektive Fußballgroßereignisse), moderne und aktive Menschen eben, die wir sind, gänzlich verbannt haben. Und jetzt lernen wir von der heute nachwachsenden »Generation Y«, die auf Kosten der von uns erarbeiteten Vermögen lebt (bitte übersehen Sie nicht die versteckte Ironie), dass Freizeitstress eher out und »uncool« ist und »chillen« beziehungsweise »abhängen« stattdessen in. Und sich gemeinsam und relaxed erleben, statt vereinzelt und auf die Zähne beißend. Seien Sie mal ehrlich: Finden Sie das gut? Und beneiden Sie nicht doch auch ein bisschen diese Jugendlichen? Um ihre Freiheiten? Wohl wissend, dass auch für jene der Spaß bald vorbei ist, spätestens wenn sie auf das richtige Leben losgelassen werden und sie sich dort behaupten müssen? Dann ist Schluss mit lustig, mit Kooperation und Kuschelei, dann heißt es War of Talents, Kompetition und Wettbewerb. Und dann bekommen sie auch Stress und Burn-out. Und das wird tatsächlich mehr – sagt die Wissenschaft.

Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Wie kann man wieder einmal, als Gesellschaft und als Einzelner, im wahrsten Wort- sinn »selbst-bewusst« dysfunktional sein? Natürlich ist die wirtschaftliche Prosperität Grundlage einer jeden modernen Gesellschaft, aber Wachstum um jeden Preis (und wohin – bei letztlich begrenzten Ressourcen) und das Ausrichten aller Systeme sowie der Gesamtpolitik am kollektiven materiellen Wohlstand, seiner stetigen Zunahme und einer wirtschaftlichen Verwendbarkeit der Subjekte, schränken die Kreativität und innere Freiheit der Individuen ein. Nachweislich. Und so können plötzlich aus Gerechtigkeit, Wachstum, Sicherheit und Freiheit im Außen Gegensätze entstehen, insbesondere gegenüber der individuellen Freiheit und Autonomie des Einzelnen. Muss das sein? Hat Cameron doch recht? Auch diesen Faden müssen wir noch weiterknüpfen.

Wir halten fest: Es scheint bedeutsam zu sein, nicht in eine kollektive Ohnmacht oder Learned Helplessness (eine Definition von Unglück) hineinzugeraten, sich stattdessen Kontroll-, Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten zu sichern, wo immer möglich, sie zu erhalten und gegenseitig aktiv vor Augen zu führen, sodass wir wieder lernen und besser wertschätzen, was es heißt, abzuschalten beziehungsweise abschalten zu können und genau dafür selbstbewusst Orte im Außen und vor allem im Innen auszumachen. Diese können zugleich der all- gemeinen Entgrenzung entgegenwirken und Raum schaffen für das Selbst, für Einstimmung und Stressregulation, ja auch für unser Glück. Und sogar für Selbstheilung, wie wir noch sehen werden. Und das fühlt sich dann nicht nur gut an (oder ist gesund), sondern, so hören wir aus den Neurowissenschaften, es verändert auch uns selbst, das heißt, durch »Plastizität« ändert sich gar unsere Hardware, das Gehirn selbst. Wir werden tatsächlich resilienter, widerstandsfähiger und durchbrechen womöglich den Teufelskreis, der da lautet: Chronische Stressbelastungen führen über die Zeit zu einer Degeneration im Gehirn. Das gilt gerade in den Bereichen, die der Emotionsregulation, der Exekutivfunktion und dem Arbeitsgedächtnis dienen (präfrontaler Kortex) sowie dem Lernen und Erinnern (Hippocampus). Zugleich bewirkt dies eine Aktivierung jener Areale, die Angst und Nervosität beziehungsweise Alarm- und Erregungsbereitschaft – eben Stress – ausmachen (Mandelkern). Wir werden dünnhäutig, sind getrieben. Der Prozess ist aber nun einmal, wie wir heute wissen, nicht unumkehrbar. Änderungen bedürfen jedoch unserer selbst, es braucht ein aktives Tun oder ein »Darinsein«, nicht nur daneben oder dabei. Man kann es drehen, wie man will: Wir sind Täter und Opfer in einem. Worauf warten wir noch? Lernen wir wieder, die Ressourcen im Inneren zu aktivieren, uns achtsam einzustimmen, dem Selbst und der Selbstheilung – und dem Glück, der Zufriedenheit – einen Platz zu geben, selbstbewusst, aber doch freundschaftlich, mit uns und der Umwelt. Auch die aktive Stressregulation gehört dazu. Schon Hippokrates und Galen betonten die Wichtigkeit dieser Lebenskunst und Einstimmungsfähigkeit für Gesundheit und Medizin. Und Paracelsus sprach gar vom inneren Arzt (siehe Archaeus), in Ergänzung zum äußeren (siehe Medicus). Diesen inneren Arzt tragen wir alle bei uns, jederzeit. Stressbewältigung und Achtsamkeit: Kann man die Stressregulation trainieren?

Die theoretische Antwort auf diese Frage ist oben schon angedeutet. Sie lautet: Ja! Wie aber könnte das konkret gehen?

Stress bezeichnet eigentlich – biologisch gesehen – eine Situation, in der wir irgendwie reagieren müssen, um zu überleben: Kampf oder Flucht. Und wenn uns das gelingt, das heißt, wenn wir überleben, dann werden wir innerlich belohnt (damit verbunden erhalten wir aber auch die Aufforderung, uns die Strategie, die vermeintlich zum Entkommen geführt hat, einzuprägen), sind erleichtert und – sehr wahrscheinlich – glücklich. So weit, so gut. Nur ist dieser Prozess, bei dem alle anderen Funktionen, etwa die der Fortpflanzung, Verdauung, Entspannung, Regeneration, Muße etc., untergeordnet werden, eigentlich als Extrem- und Ausnahmefall gedacht und normalerweise eher von kurzer Dauer (eben: Tod oder Leben). Nicht zuletzt, weil die Stressreaktionen in der Regel blitzschnell und unterbewusst ablaufen, dabei schlecht zu kontrollieren sind (gut so!) und enorme »Schlacken« erzeugen (sogenannte »Allostase« oder »allostatische Ladung«), die im Anschluss erst wieder beseitigt werden müssen.

Stress per se ist also weder krank noch gesund, sondern ist eine Frage von Dauer, Dosis und Form: Zu viel ist zu viel, zu wenig aber – im echten Ernstfall – auch zu wenig. Es sind Dauer, Dosis und Form, die darüber entscheiden, welche Folgen er hat: Stress kann Leben retten, aber Stress kann auch krank machen, zum Beispiel das Herz- Kreislauf- oder das Immunsystem überfordern, Entzündungsprozesse anstoßen, das Nervensystem zur Degeneration antreiben. Das gilt insbesondere dann, wenn der Stress keine Pausen einlegt und wir ihn nicht abschalten (können). Es ist schon bezeichnend, dass 80 Prozent der Deutschen in aktuellen Befragungen angeben, gestresst zu sein. Sicher war niemand von diesen Personen im Moment dieser Angabe an Leib und Leben real bedroht. Woher kommt der Stress dann? Wir machen uns selbst – und gegenseitig – den Stress, stellen ihn uns vor, sehen ihn im Fernsehen, grübeln und antizipieren das Negative, sind immer bedroht, immer on. Das hatte einmal, im Kontext unserer biologischen Evolution und vor dem Hintergrund der realen äußeren Bedrohungen im (Steinzeit-)Alltag, eine wichtige Funktion. Heute jedoch ist daraus eine Art kollektive psychosoziale »Neurose« beziehungsweise eine Ersatz-Kampfarena geworden, die wir, anders als es in der Biologie eigentlich vorgesehen war, nur schwer verlassen können, weil sie – solange die Bedrohung in unserem Kopf ersonnen oder empfunden wird, der Aggressor also nicht einfach aus der Arena zu entfernen ist – ja immer bei uns und eben fortwährend bedrohlich ist. Ein Entkommen ist schwierig, bis wir wieder lernen, reale von eingebildeten, lebensbedrohliche von weniger einschneidenden »Stressoren« zu unterscheiden, aus der Hilflosigkeit und dem Autopilot-Modus wieder ins Handeln zu kommen. Und das kann man lernen: Es heißt dann Stressregulation, Stressbewältigung oder Stressmanagement. Auch Mind-Body-Medizin. Und kann sich sehr gut anfühlen.

Stressbewältigung bindet in der Regel Aktivitäten aus verschiedenen Bereichen ein. Diese führen zu einem Gegensteuern, Abpuffern oder Vorbeugen der (patho)physiologischen Veränderungen unter Stress. Die zentralen Säulen sind: Bewegung (mindestens 30 Minuten moderate körperliche Aktivität täglich), gesunde Ernährung (zum Beispiel mediterrane Kost, aber auch das achtsame und sinnliche Genießen), positives Denken und Handeln – wo und wann immer möglich (in dieser Verhaltenssäule stecken Optimismus und Glück oder die soge- nannte »Positive Psychologie« drin) – und schließlich das, was man innere Einkehr, Siesta, Entspannung oder gar Meditation nennen könnte, am besten bewusst und für mindestens 20 Minuten am Tag. Eingebettet in die genannten Säulen, dennoch explizit von Bedeutung, sind soziale Unterstützung und Interaktion sowie das, was man Glaube, Inspiration oder Spiritualität nennen könnte. Das hilft alles, bewiesenermaßen.

Achtsamkeit meint, sich dem gegenwärtigen Moment, hier und jetzt, ganz zu öffnen, zur Besinnung zu kommen, ungeteilt aufmerksam zu sein, wie ein Kind, das im Spiel ganz versunken (aber dennoch hellwach) ist. Mehr beobachtend, nicht bewertend, gar innerlich reaktiv oder getrieben, selbst wenn die Gegenwart nicht immer angenehm erscheint: Achtsam und bewusst hören, riechen, schmecken, tasten, gehen, reden. Nicht grübeln, in Zukunftsplanungen oder Erinnerungen gefangen sein, sondern einfach da sein, präsent. Verbunden mit sich und der Welt durch den Kontakt zu den Wahrnehmungen, wie sie sind, jetzt, ungefiltert – selbstbewusst und eingestimmt im wahrsten Wortsinn. Mit einer Attitüde der Akzeptanz. Das kann man trainieren. Und das verändert etwas, nicht nur im unmittelbaren Erleben, sondern auch an der Hardware, mit der Zeit. Relativ schnell schon findet man im Gehirn in Phasen der Muße, inneren Einkehr und Einstimmung das Anspringen eines Grundrhythmus, des sogenannten Resting State oder Default Mode Networks. Hier wird Erlebtes zu Erlerntem beziehungsweise Erlerntes stabilisiert, der Arbeitsspeicher wieder geleert, Wichtiges von Unwichtigem getrennt, Ereignisse und der Stress von eben werden eingeordnet, Schlüsse gezogen, es wird neu aufgetankt. Ganz von allein. Und so kann aus dem Achtsamkeitstraining ein wirksames Mittel zur nachhaltigen Stressreduktion werden. Und eine gute Vorbereitung auf dem Weg zu mehr Glück und Zufriedenheit: Weil im Gehirn genau jene Areale aktiviert und trainiert werden, die einerseits dem Stress entgegenwirken und andererseits mit dem endogenen Motivations- und Belohnungssystem verbunden sind. Das gilt letztlich auch für die anderen Säulen und Bereiche. Über die philosophischen und sozialwissenschaftlichen Aspekte einer Praxis, die primär darauf ausgerichtet ist, zu akzeptieren, statt zu kämpfen (oder zu fliehen), wollen wir an dieser Stelle nicht weiter sprechen.

Auf den ersten Blick mag sich das Gesagte anhören wie eine Aufforderung, sich eine stressige Welt schönzureden oder gar zu leugnen, dass der innere Stress, den wir uns oft machen, auch im Kontext äußerer Verhältnisse und Konstellationen steht, die wir schwer kontrollieren können. Denn gerade diese Konstellationen, an denen wir selbst oft nichts ändern können, erzeugen neuen Stress, weil sie unsere Autonomie bedrohen. Also nicht die rosarote Brille oder ein Sich-die-Welt- Schöndenken ist hier gemeint, auch kein Rückzug ins Private. Es geht eher darum, wie sich in dieser Welt Möglichkeiten ergeben, innerlich Kraft zu schöpfen, offen, wach, fokussiert und dennoch entspannt zu sein. Und aus einer Verbundenheit und Klarheit heraus zu handeln.

Was ist Glück? Eine neurobiologische Betrachtung

Glück sei, so berichtet ein bekannter deutscher Publizist, der unter dem Pseudonym Achim Achilles ein Läuferportal im Internet betreibt, wenn man beim Laufen ganz bei sich ist, eins mit der Natur und dem Rhythmus der Schritte: Filmriss – Flow-Erleben. Die Besucherin eines Kletterparks (und Journalistin: Nicoline Haas) beschreibt »es« nach erfolgreichem Abseilen aus großer Höhe wie einen Adrenalin-Schwips, wenn einem etwas glückt und alles kribbelt, wie Brausepulver im Blut. Man sei dann glücklich und verdammt stolz. Und in einer repräsentativen Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg teilen die Deut- schen Anfang 2012 mit, dass ihnen die häufigsten Glücksmomente durch ihre Beziehungen und Mitmenschen beschert werden, allen voran die Partnerschaft, dann die eigenen Kinder, etwas abgeschlagen die Freunde (knapp vor den kleinen Dingen des Alltags); kaum aber durch Geld, Besitz oder beruflichen Erfolg.
Wir unterscheiden heute drei Kategorien des Glücks (genauer gesagt des subjektiven Wohlbefindens, der Lebenszufriedenheit, der endogenen Belohnung und/oder Motivation, der Auto- und Selbstregulation usw. – um nur ein paar Begriffe aus der vielschichtigen Wissenschaft des Glücks zu nennen). Manche Autoren nennen sogar fünf Formen. Bliebe man jedoch bei dreien, dann gäbe es:

Als erste Kategorie ist das Glück der Vorfreude, des Abenteuers, der Lust zu nennen, die Aussicht auf (Selbst-)Befriedigung, englisch wanting oder pleasure, Appetit haben. Es ist das flüchtige, aber mitunter heftige Vergnügen, das uns manchmal, gerade in der Jugend, für kurze Zeit zuteil wird und das uns besondere Momente (Hochmomente beziehungsweise mastery oder peak moments) beschert. Auch besondere Erfolge und das Erreichen wichtiger Ziele, genauso wie kreative Ausbrüche, können hier genannt werden.

Die zweite Kategorie entspräche dann dem, was man mit dem englischen Begriff luck beschreiben könnte, darin einerseits auch das Zufallsglück, andererseits die Erleichterung, relief, wenn Stress nachlässt, man eine Pause bekommt, eine Gefahr (Aversion) abwenden oder gänzlich vermeiden konnte, kurz: das unerwartete Bekommen sowie das erfolgreiche Entkommen aus einer gefährlichen oder stressigen Situation – »Glück gehabt«!

Die dritte Kategorie ist noch nicht lang im Fokus der medizinisch- biologischen Wissenschaft, altbekannt aber in Poesie, Philosophie und Kunst: happiness, das heißt eine tiefe Freude, anhaltende Zufriedenheit, Glückseligkeit, Affiliation und Fürsorge, das »Sein« oder Nicht-Wollen (non-wanting), darin auch Aspekte von Achtsamkeit, prosozialem oder altruistischem Verhalten, Verbundenheits- und Kohärenzgefühle. Auch die Liebe, weniger die romantische als die maternale (als Prototyp), gehört hier genannt. 
Vom Glück der Fülle wird gesprochen, wenn man sich erfüllt fühlt, angefüllt ist, angekommen, ganz da, satt und zufrieden – genau richtig eben, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, eventuell gar beseelt. Flow dagegen meint die fein austarierte Grenze zwischen Über- und Unterforderung, wenn man eine anregende, aber lösbare Herausforderung erlebt oder genau das rechte Maß an Stress hat, diesen erfolgreich meistert und dafür auch die eigene Leistung geltend machen kann. Durch die jüngste Forschung, gerade in den Neurowissenschaften, kann man heute Fülle-Glück und Flow-Erleben auch als verwandte Zustände auffassen, bei denen alle drei Arten des Glücks involviert sind – wie die verschiedenen Geschmacksrichtungen in einem guten Essen (Menü) oder die volle Orchestrierung in einem opulenten Werk – und jenes gleichzeitig oder, noch wahrscheinlicher, in unmittelbarer Abfolge. Die beteiligten Botenstoffe, wie Dopamin (erste Kategorie), Adrenalin (zweite) oder endogenes Morphium (dritte), werden im Blut beziehungsweise Gehirn sogar in Abhängigkeit voneinander gebildet, das bedeutet, sie sind in der Evolution auseinander hervorgegangen und bedingen ihre enzymatische Bildung und Freisetzung nun gegenseitig. Wenn man sie lässt. Wie bei einem Energiestoß und einer darauffolgenden Kettenreaktion, eventuell katalysiert durch Ort, Zeit und die »näheren Umstände«. Erinnern Sie sich an Achim Achilles? In einem solchen Flow- oder Fülle-Zustand, den man aber auch zulassen können muss, gibt es zwischen dem Innen und Außen keinen Widerspruch mehr, alles erscheint wie selbstverständlich, man ist ganz da, im Jetzt, hat einen Lauf, es läuft! Mit Leichtigkeit, reibungslos, wie im Spiel, bei gleichzeitiger Authentizität, herrlich! Kein Geschmacksbedürfnis oder -sinn bleibt unbefriedigt, keine Wünsche bleiben offen, das volle Programm. Aber beim genauen Hinschauen kann man noch immer die unterschiedlichen Glückszustände, wenn- gleich verwoben, differenzieren. Denn der eigentliche Fülle-/Flow-Zu- stand kommt, einer inneren Dramaturgie folgend, erst am Ende: Wenn der Kletterer den Boden wieder berührt, der Läufer das Ziel vor Augen hat (die berühmte letzte Viertelstunde) oder beim Marathon den Ein- lauf passiert – völlig fertig, aber glücklich. Wenn der Vorhang fällt und der Schlussapplaus aufbrandet. Und später: Wenn die Anspannung abfällt und man tief zufrieden und einfach selig ist.

Alle drei Formen des Glücks haben ihre Bedeutung und Berechtigung.

Die Positive Psychologie unterscheidet hier auf der Basis langjähriger Forschung drei unterschiedliche Wege zum Glück: 1. Hedonismus, Selbstbefriedigung, Lust; 2. Flow, Herausforderungen, Hingabe; 3. Altruismus, Eudämonie, Transzendenz, die gleichberechtigt nebeneinandergestellt werden. In der Neurobiologie würde man, bei aller Ähnlichkeit, vielleicht eine gewisse Reihenfolge erkennen, aber den geschilderten Arten und Interpretationen ist gemein, dass das Glück zunächst als ein schönes Gefühl gesehen und erlebt wird, von innen kommend, wie eine innerliche Belohnung (Bestätigung) für etwas Erlebtes oder Getanes, das uns sagen will: Das hast du gut gemacht, das fühlt sich richtig an, merk dir das! Und tatsächlich: Im limbischen System des Gehirns hat unser Motivations- und Belohnungssystem seinen Ursprung, hier wird der Orchesterklang, die Komposition, das Wohlgefühl, werden Glück und Zufriedenheit (aber auch Angst und Aversion) generiert, je nachdem. Und es wird festgelegt, was uns »merk-würdig« erscheint. Aufgrund der Parallelen sind amerikanische Neuropsychologen jetzt darangegangen, ein übergeordnetes Modell des Glücks (und auch der Fülle) zu beschreiben, bei dem sie jeweils wieder von den drei beschriebenen Grundarten ausgehen (Annäherung und Appetit, Vermeiden und Aversion, Affiliation und Verbun- denheit), aber von einem responsive mode sprechen, wenn die drei Arten im Einklang sind, wir also nicht durch Verluste, Bedrohungen oder Zurückweisungen gestört sind, das heißt Zufriedenheit oder Fülle vorherrschen (mit den Gefühlszuständen Freude, innerer Friede, Liebe), oder von einem reactive mode, wenn wir gestresst oder in Disharmonie sind, wenn die Gefühle von Gier, Hass oder seelischen Qualen (heartache) dominiert werden. Unglücklicherweise haben wir Menschen eine biologische Neigung, diesen reaktiven Weg zu gehen, das Negative zu antizipieren, weil uns die Evolution lehrt: Überleben ist alles! Schon hinter dem nächsten Baum könnte der Feind lauern. Sei immer auf der Hut, in Alarm- und Reaktionsbereitschaft, es könnte sonst gleich aus sein! Nimmt dieses Denken überhand oder verlieren wir die Kontrolle darüber, dann geraten wir in einen Zustand der inneren Ohnmacht, der nur schwer wieder zu durchbrechen ist.

Glück in der Medizin: Ist Glück gesund?

Stress und Glück, genauer: chronische Überlast und innere Zufriedenheit, schließen sich mittel- bis langfristig gegenseitig aus. Das geht in beide Richtungen: Dinge, die uns tiefe Freude bereiten und selig machen, reduzieren Stress, nachweislich. Wieder steht die Biologie, unter anderem über molekulare Mechanismen, die über das endogene Motivations- und Belohnungssystem getriggert werden, im Mittelpunkt: Die freigesetzten Botenstoffe wirken den Stresshormonen physiologisch entgegen. Deswegen ist es keineswegs übertrieben zu behaupten, dass alle Menschen irgendwie glücklich sein wollen und sollen – von Natur aus! Sonst hätte man es nicht so eingerichtet, das heißt, die Evolution es nicht erzeugt und schließlich konserviert. Jene hirneigenen Belohnungsstrukturen lassen uns, gleich einer unsichtbaren inneren Richtschnur, nach dem handeln und streben, was – in diesem Moment und unter Berücksichtigung aller Lebensumstände – vermeintlich gut für uns ist. Allerdings passiert das normalerweise unterbewusst und fast in Echtzeit (was biologisch sicher sinnvoll ist). Wir werden nicht rational danach gefragt, was wir wollen beziehungs- weise ob wir mit den (Langzeit-)Folgen und dem Preis einverstanden sind. Wir verhandeln nicht, wir handeln einfach.

Unsere Entscheidungen, die eher reaktiv zustande kommen, müssen nicht immer – im medizinischen Sinne – gesund sein. Auch (und gerade) wenn sie über den limbischen Belohnungskreislauf gesteuert werden. Aber über den gleichen Mechanismus lassen sich nun auch gesundheitsbewusste Entscheidungen und gesunde Lebensstile erzeugen und begründen. In diesem limbischen Modus handeln wir normalerweise automatisch und nichtrational, nichtkognitiv, aber es ist durchaus möglich, aus diesem Autopilot-Programm auszusteigen und ein gewisses Maß an Kontrolle, Bewusstheit und Achtsamkeit einzuüben und walten zu lassen. Zumindest im Alltag, wenn wir nicht vom (realen?) Stress überrollt werden, oder solange es tatsächlich nicht um unser Überleben geht. Nicht zuletzt deshalb haben sich achtsamkeitsbasierte Verfahren in der Medizin in einigen Bereichen etabliert. Dabei macht auch die Medizin noch häufig den Fehler, gesunde Lebensstile und Verhaltensmodifikationen (zum Beispiel das Nichtrauchen) mit dem erhobenen Zeigefinger vermitteln zu wollen. Die Neurobiologie lehrt aber: Ein Vorsatz beziehungsweise eine gewünschte Lebensstilveränderung muss subjektiv lohnenswert erscheinen, also letztlich Glück versprechen – die endogenen Belohnungssysteme sind involviert! Was jedoch Glück verspricht, ist individuell unterschiedlich (auch wenn es der zugrunde liegende biologische Mechanismus eben nicht ist). Heißt aber auch: Das neue und zu verändernde Verhalten muss schließlich mindestens so gut sein und Spaß machen wie das alte oder vorherige. Sonst wird die Änderung nicht, zumindest nicht nachhaltig, beibehalten.

Die genannten Zusammenhänge sind lange bekannt. Aber in der Medizin tauchen sie erst seit etwa zehn bis 15 Jahren (wieder) auf. Gerade aktuell purzeln uns Studien ins Postfach, die zeigen, dass Optimismus, Positive Psychologie, Achtsamkeit, Salutogenese, Kohärenz und Glück (happiness) eine manifeste medizinische Relevanz haben. Die allgemeine Sterblichkeit und besonders die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit sinken in beeindruckender Weise, die Lebenserwartung steigt um mehrere Jahre. Diese Ergebnisse sind weitestgehend robust, also unabhängig von den sonst üblichen Störgrößen wie Geschlecht, sozialem Status, Rauchen oder dem Körpergewicht (BMI). Manche Studien, die in diesen Tagen erscheinen, sind dabei Langzeitstudien mit enorm großen Kollektiven, sie sind zum Teil über mehrere Jahrzehnte gelaufen. So einfach lässt sich das alles nicht mehr vom Tisch wischen. Zur Frage der Trainierbarkeit, die damit nicht automatisch beantwortet ist, kommen wir noch. Wir halten aber fest: Glück kann gesund sein. Und: Burn-out, hier als Beispiel genannt und verstanden im Sinne einer chronischen Überlastung, als chronischer Stress und damit ver- bunden als Mangel an Glück und Zufriedenheit, also auch als Mangel an endogener Belohnung (»Unglücks-Erkrankung«), kann sicher nicht durch mehr Stress oder To Dos therapiert werden, eher wohl über Achtsamkeit, Inspiration, mehr Selbst, für manch einen auch: Glaube und Spiritualität. Über positive Beziehungen, Kinder, Freunde – und Freude!

Determinanten des Glücks: Kann man Glück lernen?

Vor einigen Jahren machten Forschungsergebnisse die Runde, die besagten, wir alle würden mit einem feststehenden Happiness Set point, einer Vor- oder Werkseinstellung für das Glück und die Gestimmtheit, geboren werden, an der man praktisch nichts mehr ändern könne. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass Menschen, die schwere Schicksalsschläge (oder Glücksereignisse) zu verarbeiten hatten, in Untersuchungen schon nach wenigen Wochen wieder auf ihr persönliches Ausgangsniveau der Befindlichkeit zurückkehrten. Die Set-Point-Theorie führte auch dazu, dass therapeutische Ansätze im Bereich von Positiver Psychologie, Salutogenese und Mind-Body-Medizin unter einen Rechtfertigungsdruck gerieten. Das war jedoch, im Nachhinein, ein Glücksfall: Denn die Wissenschaft brachten nun ein sehr viel differenzierteres Bild zutage, nicht nur was die Veränderungssensibilität und Trainierbarkeit von Glücks- und Zufriedenheitszuständen angeht (state versus trait), die Zyklushaftigkeit und Modifikationsbewegungen in kleinen und in sehr langen Zeiträumen, sondern sogar, in Verbindung mit dem, was wir heute Epigenetik nennen, die Erkenntnis, dass auch die genetische Disposition und Grundeinstellung nur ein Aspekt in einem sehr komplexen und interaktiven Gesamtbild ist, das sehr wohl, allemal über längere Zeiträume (oder eben sehr kurze), Veränderungen unterworfen ist, die man teilweise auch bewusst und aktiv mitgestalten kann. So ist heute weitgehend akzeptiert, dass unsere Gene für etwa 40 bis 50 Prozent unseres Glückserlebens verantwortlich sind, der Zufall und die Lebensumstände beziehungsweise Verhältnisse circa zehn Prozent ausmachen und etwa 40 bis 50 Prozent von dem abhängen, was wir tun oder nicht tun, was wir lernen, welche Schlüsse wir aus unseren Erfahrungen ziehen, was wir daraus machen. Natürlich ist dieses wieder ein ziemlich akademisches Bild, und in der Praxis sind die unterschiedlichen Anteile sicher verwoben. Eines aber können wir mitnehmen: Glück ist weniger zufällig – der Zufall wird in diesem Kontext überschätzt. Die Einstellung scheint dagegen umso bedeutsamer zu sein. Samuel Koch, der nach einem Unfall in der Fernsehsendung Wetten, dass..? seit 2011 querschnittsge- lähmte junge Mann, sagt dazu: »Man kann auf allen Ebenen klagen. Und man kann auf allen Ebenen glücklich sein.«

Was aber sind nun die genauen Determinanten des Glücks? Und was können wir tatsächlich beeinflussen und möglicherweise trainieren? Das sozioökonomische Panel in Deutschland und auch die Autoren des Glücksatlas (siehe oben) sehen vier wesentliche Zufriedenheitsfaktoren: ausreichend Geld (die magische Grenze liegt bei uns bei einem Monatseinkommen von etwa 5000 Euro, was etwa dem Doppelten des durchschnittlichen Haushaltseinkommens in Deutschland entspricht, darüber hinaus führt mehr Geld, statistisch gesehen, nicht zu mehr Glück – allerdings kann die Schere auch schon viel früher auseinandergehen; in diese Kategorie gehören auch die Arbeit und der berufliche Erfolg oder das notwendige Stillen von Grundbedürfnissen), die Gene, die Gemeinschaft beziehungsweise Gesellschaft (wer oder was ist um mich herum, mit wem bin ich verbunden etc.), schließlich die Gesundheit, also das Fehlen einer Bedrohung oder Einschränkung derselben. Das ist schon nahe dran an dem bereits Beschriebenen, aber es gibt doch einige Inkonsistenzen, die unter anderem mit der Auswahl der Befragten und einem gewissen Altersbias (Verzerrung) zu tun haben könnten. Andere – vor allem Langzeituntersuchungen – unterstreichen auch andere Determinanten. Bruno Frey in Zürich nennt neben der Arbeit und den Freunden, der Familie und den Kindern beispielsweise auch den Glauben und das politische System, in dem man lebt: Demokratie und Freiheit. Weitere Studien betonen gerade den letztgenannten Bereich. Es zeigt sich immer wieder, dass Länder, in denen eine freiheitliche Grundstimmung sowie stabile soziale und politische Verhältnisse herrschen und wo die Einkommensschere zwischen oben und unten nicht zu weit auseinandergeht (sowie eine gefühlte Gerechtigkeit – auch des Steuersystems – und Transparenz existieren), deutlich höhere Zufriedenheitswerte der Bevölkerungen haben und auch ein kollektives Gefühl des »Erblühens« (flourishing) ermöglichen. Wenn das gewünscht ist. So kommt es, dass zu den glücklichsten Ländern neben der Schweiz, Island, Kanada und Dänemark auch Costa Rica an vorderster Stelle gehört. Aber auch das Gefühl von »Zeit haben«, wozu auch die Frage der konkreten Kinderbetreuungs- möglichkeiten sowie der Vereinbarkeiten verschiedener (Grund-)Bedürfnisse und Interessen gehört, spielt eine Rolle. Immer wieder stößt man auf den notwendigen und gesuchten Ausgleich zwischen Gemeinsinn, gesellschaftlichem Glück und Erblühen einerseits und dem individuellen Glück andererseits. Zwischen »Ich« und »Wir«. Wir sehen: Das Glück ist doch politisch.

Vielleicht spüren Sie aber auch schon, dass es da noch irgendetwas anderes geben muss. Und richtig: Studien, etwa aus der Jacobs University in Bremen, führen das Glück auf drei Säulen zurück: Haben, Sein und Lieben. Die Liebe, stimmt, die hatten wir schon fast wieder vergessen. George Vaillant, der die größte und längste Studie in diesem Kontext begleitet, die sogenannte Grant Study, die an der Harvard University seit Jahrzehnten läuft, nennt fünf Determinanten oder Lebensaufgaben für ein gelungenes Leben und eine hohe Lebenszufriedenheit (Schaffen oder Arbeiten, idealerweise im Flow oder mit Hingabe, achtsam und aufmerksam; Loslassen; Geben; Glauben; Liebe), um sogleich auf die Frage, welches denn wohl der wichtigste Faktor sei, zu antworten, dass es auf jeden Fall auf die Liebe ankäme. Die Fähigkeit, zu lieben, geliebt zu werden, das Gefühl zu haben, von irgendjemandem angenommen und gemocht und gesehen zu werden und dieses Gefühl auch teilen und zurückgeben zu können. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber da resoniert doch irgendetwas? Gerald Hüther sagt: Es braucht für das Lebensglück ein Gleichgewicht zwischen den beiden Ur-Bedürfnissen des Menschen, dem der Freiheit und des Wachstums einerseits und dem der Verbundenheit und Liebe andererseits. Und auch wenn es die Aufgabe des Glücks ist, biologisch gesehen, unseren Arterhalt zu sichern, so ist damit neben dem Wachstum und der konkreten Expansion beziehungsweise Fortpflanzung eben auch die optimale An- und Einpassung verbunden, welches die Evolution auch in einen kulturellen, übergeordneten Zusammenhang gestellt hat: Den Erhalt von Wissen und Kultur durch Verbundenheit.
Dafür braucht es Offenheit. Und eben jene Verbundenheit. Open Your Mind und Share, so stand es als Graffiti an einem Tunneleingang geschrieben, den meine Frau und ich an der amerikanischen Ostküste fotografierten, als wir seinerzeit dort lebten. Dieses Bild wurde zum Titelbild eines aktuellen Fachbuchs zur Neurobiologie des Glücks, nicht ohne Grund: Offenheit für andere Menschen und Offenheit für den Wandel gelten heute als beste Garanten einer langfristigen Lebenszufriedenheit. Dazu gehört auch das Anerkennen und Herausbringen der eigenen Potenziale und Stärken, auch jener der Mitmenschen, dazu eine gewisse Neugierde und Flexibilität, aber auch das Fördern und Pflegen von sozialen Kontakten und Freundschaften, wobei, so sagt die Wissenschaft (anders als wir oft gesagt bekommen), schon in jungen Jahren mehr Glück entsteht, wenn wir unsere Mitbürger und Peers nicht als Mitbewerber und Konkurrenten, sondern als Kooperationspartner erleben. Und: Alles hat und kommt zu seiner Zeit, frei nach Heraklit. Kann man das trainieren? Ja, natürlich.

Dialektik des Glücks: Wachstum, Reifung, Transformation

Ist Glück gleich Glück? Wohl kaum. Weil schon das, was glücklich macht, wie auch die Wege dorthin, sehr unterschiedlich und individuell sein können. Darüber hinaus gibt es offensichtlich auch einen Transformationsprozess über die Zeit. Und der kann sehr subjektiv sein. So verläuft das Glück dynamisch und zyklisch und das eher heftige Glückserleben des Jugendlichen (beziehungsweise dessen Suche danach) hat mit der Zufriedenheit und Altersweisheit à la Reinhold Messner auf den ersten Blick nur wenig gemein. Und doch operieren sie beide über den gleichen biologischen Mechanismus. Wie kann das sein? Im Kontrast zu dem, was uns die Medien manchmal suggerieren, ist ausgerechnet im Alter ab 65 (und besonders dann mit 75 Jahren) statistisch die Lebenszufriedenheit am größten. Nun sind eben Glück und Zufriedenheit nicht das gleiche, aber das eine geht nicht ohne das andere, auch biologisch nicht! Zwischen diesen beiden Phasen höheren Glückes oder höherer Zufriedenheit in der Jugend und im Alter liegt die öde Wildnis des Lebens der Erwachsenen, der Häuslebauer, Familiengründer, Arbeitenden, Gestressten und Geplagten (die dann etwa in Befragungen auch angeben – anders als wenige Jahre später –, Kinder würden nicht ihre Zufriedenheit steigern, was wohl schlicht an der Gesamtbelastung und einem eingeschränkten Blick auf das Ganze liegt). Jene aber dominieren die allgemeine Wahrnehmung und so kommt es, dass wir überrascht reagieren, wenn Studien zeigen, dass ältere Menschen mitnichten emotional flacher reagieren, sondern einfach gelassener sind. Sie reagieren nicht mehr so stark auf Negatives, auf die Nadel im Heuhaufen, sondern – nachweislich – eher auf das Positive, beispielsweise auf freundliche Gesichter: Responsive Mode statt Reactive Mode. Ganz natürlich, wie die Kleinkinder! (Übrigens ist es kein Naturgesetz, dass Ältere dement sind.) Wird man da nicht stutzig? Auch wenn man sich anschaut, dass die Idee der Verbundenheit (ja, auch die der Hilfebedürftigkeit), genauso wie des scheinbar problemlosen Seins im Jetzt, zwischen Alt und Jung geteilt wird? Verwundert es da noch, wenn wir schon in der Bibel auf das Jesus-Zitat stoßen, das besagt, wir müssten erst wieder werden wie die Kinder, um ins Himmelreich zu kommen? Oder bei Rembrandt, dem man den Satz zuschreibt: Zwischen den jungen und den alten Erdenkindern gibt es eine unsichtbare Verbindung, die ihren Ursprung dort hat, wo das Leben hingeht und wo es herkommt.

Das rechte Maß zur rechten Zeit. Oder sollen wir jetzt alle einfach zuhause bleiben und abwarten, bis die Midlife Crisis vorbei ist? Sicher nicht. Die U-förmige Kurve des Glücks beziehungsweise der Lebenszufriedenheit mit seinem Tal in den 40ern verheißt doch einerseits, dass es wieder besser, ja, noch besser wird, es sich also lohnt, da durchzukommen, und andererseits, dass wir erst unser Ich aufbauen müssen (damit wir etwas haben, weswegen wir gestresst sein können – dann aber auch Erleichterungsglück empfinden können, wenn der Stress nachlässt), damit das Selbst am Ende bewusst und achtsam erlebt wer- den kann und das Wir wieder in die Gemeinschaft eingehen kann.
Mit anderen Worten: Wenn Hänschen nicht das Elternhaus eines Tages verlassen würde, um in die Welt hinaus zu gehen, dann würde er nicht als Hans zurückkehren, nicht in seinem eigenen Haus ankommen können, im eigenen Hafen vor Anker gehen. Das ist der Preis, den wir alle zu zahlen haben. Aber wir bekommen viel zurück: Im Idealfall Wachstum, Reifung, Erfahrungen, Einpassung, Zufriedenheit, Gelassenheit, Authentizität, Selbstbewusstsein, Beziehungen, Freundschaften, auch: Nachkommen, Kinder, Enkel. Und so langweilig und spießig das jüngeren Menschen vorkommen mag, fragt man aber ältere Menschen nach den wichtigsten Zielen und Lebensquellen, dann antwor- ten sie in Untersuchungen: Innerer Friede und das Weitergeben von etwas. Man nennt das wissenschaftlich »Generativität«. Wir könnten aber auch »Vermächtnis« sagen.

Epilog

Oft hören wir von der Gegensätzlichkeit der beiden Pole Freiheit und Sicherheit. Von einer Unvereinbarkeit, die zwischen Autonomie, Wachstum und Verbundenheit bestünde. Dabei übersehen wir eine wichtige Dimension: die der Zeit. Alles wandelt sich, so auch wir. Das hat die Biologie so vorgesehen. Die Polarität ist nur eine scheinbare, es gibt vielleicht gar keinen Unterschied zwischen einem gelungenen, glücklichen Leben, das heißt einer tiefen inneren Zufriedenheit, und dem Impuls zu wachsen, dem Bedürfnis nach Freiheit und Potenzialentwicklung. Alles kommt zu seiner Zeit. Das gleiche System bedient beide Aspekte – wie zwei Seiten einer Medaille – und es unterliegt zu- gleich einem Wandlungsprozess. Grundtöne und Stimmungen können sich ändern, sodass kleinere Zyklen in einen größeren münden, wobei, immer auf einem Kontinuum und niemals schwarz-weiß, verschiedene Klangfarben oder Geschmäcker entstehen, verschiedene Sinne angesprochen werden und unterschiedliche Vorlieben. Aber wir sind dennoch immer ganz. Wir selbst. Ein gelungenes Leben bedarf eben auch des Yin im Yang – und umgekehrt. Dabei bekommen wir schon in der Jugend einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte. Und verlieren im Alter nie, wie Hermann Hesse das so trefflich be- schreibt, den Geschmack und, ja, sicher auch die Sehnsucht nach dem, was möglich wäre, möglich war. Das zu akzeptieren und zuzulassen, auch loszulassen, ist vielleicht die schwerste und wichtigste Übung.

Tobias Eschgeb. 1970, ist Mediziner und Gesundheitswissenschaftler. Er ist Professor für Integrative Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg und Mitglied einer neurowissenschaftlichen Arbeitsgruppe an der State University von New York. Zuletzt erschien „Die Neurobiologie des Glücks: Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert“.

Anmerkungen

Esch, Tobias; Esch, Sonja M.: „Stressbewältigung mit Hilfe der Mind-Body-Medizin. Trainingsmanual zur Integrativen Gesundheitsförderung“. Berlin 2012.
Esch, Tobias: „Die Neurobiologie des Glücks. Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert“. Stuttgart 2011.