Interviews: Kunst kann was

Was macht eigentlich ein Kurator? Ein intelligenter Kurator bringt Objekte zusammen, die für den Durch­schnittsbetrachter überhaupt nicht zusammengehören – und mit ei­nem Mal macht diese Kombination Sinn. Der Kurator kann so die Bedeutung des Zwischenraums zeigen, das Gefäß der Zeit fühlen, von Unterschieden und Ähnlichkeiten berichten, Einzelheiten in einen größeren Zusammenhang stellen, die Imagination des Künstlers re­imaginieren, den Künstler auf neuen formalen Wegen begleiten, die erste Darstellungsebene einer künstlerischen Vision entdecken und hoffentlich auch tiefere Bedeutungsschichten beilegen. (…)

Chris Dercon, geb. 1958, studierte Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und Filmtheorie, ist Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London und wird ab 2017 Leiter der Volksbühne Berlin.

Was kann die Kunst? Gerard Mortier hat das für mich am besten zusammengefasst: »Die Routine des Alltäglichen durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität infrage stellen, die Gemeinschaft sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist.« (…)

Max Hollein, geb. 1969, studierte Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft, arbeitete in unterschiedlichen Rollen am Solomon R. Guggenheim Museum in New York und ist aktuell Direktor der Schirn Kunsthalle, des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main.

Wie sieht das Museum der Zukunft aus? Ich glaube, das Museum hat nur eine Vergangenheit, und es stellt auch nur die Vergangenheit aus, auch wenn diese erst seit Kurzem vergan­gen ist. Ich glaube nicht, dass Museen in Zukunft ganz anders aussehen werden, vielleicht ein wenig glatter, mit einer besseren Klimaanlage. Aber solange die Kunst das bleibt, was sie ist, Bilder, Skulpturen, Ins­tallationen, muss auch das Museum bleiben, was es ist, Räume, Flure, Wände. (…)

Juan A. Gaitán, geb. 1973, studierte Kunstgeschichte, war Kurator der 8. Berlin Biennale und ist zurzeit Direktor des Museo Tamayo Arte Contemporáneo in Mexico-Stadt.

Ein Museum in das jeder gehen sollte. Jedes Museum hat seinen eigenen Charme und seine eigenen Qualitä­ten. Ich schätze, ich würde niemandem einen Gefallen tun, wenn ich nur ein Museum empfehlen würde. Ich glaube, jeder sollte so viele Museen entdecken und besuchen, wie er überhaupt nur kann. Und jeder sollte die Zeit und die Mühen wertschätzen, die in jedem Museum stecken. (…)

Sheikha Hoor Al-Qasimi, geb. 1980, studierte Kunst und Kuratieren in London, leitet die Sharjah Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sitzt im Beirat des MoMA PS1 und kuratierte den Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate auf der 56. Biennale Venedig. Sie gilt als einflussreichste Frau der arabischen Kunstwelt. (…)

Was kann die Kunst nicht? Wenn die Kunst wichtig ist, dann müssen auch ihre Ziele radikal sein, dann muss sie immer wieder Grenzen überwinden und immer wieder neu fragen, was möglich ist. Ich will darüber nachdenken, was die Kunst kann, und nicht, was sie nicht kann. (…)

Hans Ulrich Obrist, geb. 1968, studierte Politik und Ökonomie, ist Gründer des Museums Robert Walser, Co-Direktor der Serpentine Gallery in London und gilt als einflussreichster Kurator der Gegenwart. Zuletzt erschien „Kuratieren!“

Was kann die Kunst? Alles, was du erreichen willst, kann die Kunst erreichen. Und dazu noch ganz viel, von dem du gar nicht wusstest, dass du es erreichen wolltest, was dann wiederum, auf dunklen Wegen, deine wahren Absichten ver­ rät. Es kommt darauf an, mit welchen Kräten sich die Kunst verbindet und wie sie ihre relative Autonomie verhandelt. (…)

What, How & for Whom (WHW) ist ein kroatisches Kuratorenkollektiv, bestehend aus Ivet Ćurlin, Ana Dević, Nataša Ilić und Sabina Sabolović. Das Kollektiv leitet einen Ausstellungsraum in Zagreb, die von ihm kuratierte Istanbul Biennale 2009 erregte großes Aufsehen. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 184)

Auszüge aus den Interviews von Jacob Schrenk, geb. 1977, lebt in München und arbeitet für das Journalistenbüro Nansen & Piccard. Zuletzt erschien „Die Kunst der Selbstausbeutung. Wie wir vor lauter Arbeit unser Leben verpassen“.

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