Die Kritikmaschine in Los Angeles – Chicago – Boston – New York

Kursbuch/Goethe Institut.
Unterwegs mit der Kritikmaschine.

Ich war unterwegs mit der Kritikmaschine, der globalen Debattenreihe von Kursbuch und Goethe-Institut. Drei Wochen in den USA. Los Angeles. Chicago. Boston. New York. Mein Reisegepäck hat ein geradezu altbackenes Format: Ein Vortrag. Vier verschiedene Städte, vier Mal der gleiche Vortrag. Jedes Mal die Frage, ob Design politisch ist – aber jedes Mal gab es eine andere Diskussion.

Mein Vortrag stellt Behauptungen über das politische Wesen von Design auf – zum Beispiel, dass Politiker heute Designprodukte sind, das emanzipierendes Design die materielle Umsetzung der Aufklärung sei und darüberhinaus ein sinnvolles Instrument, um die Welt zu verändern. Und deshalb nicht nur ästhetisch oder funktional, sondern vor allem politisch bewertet werden muss.

Der Vortrag in L.A. fand kurz nach der ersten TV-Debatte zwischen Trump und Clinton statt, und das Publikum stritt sich, ob Trump nun als Designer zu verstehen sei, und ob er im Sinne seiner eigenen Zielsetzung ein guter, ein schlechter oder überhaupt kein Designer sei. Am Ende war die vorherrschende Meinung, dass Trump kein Designer, sondern ein Psychopath ist, aber amerikanische Politik seit Kennedy sehr wohl als Ergebnis von Designprozessen verstanden werden kann. Ein paar Tage später, in Chicago, ging es gar nicht um Trump. Das Publikum interessierte sich für einen anderen Aspekt meines Vortrags, nämlich dass Designer politische Verantwortung haben. Im Mittelpunkt der Diskussion stand in Chicago deshalb die Frage, wie man denn die Designer, wenn man sie als politisch agierende Akteure verstehen wolle, überhaupt auszubilden hätte. Wieder anders meine Erfahrung in Harvard. Dort diskutierten wir über die Qualität der politischen Einflussnahme von Designern. Denn während ich, als Optimist, den Aspekt der Selbstermächtigung durch Design und das Potential von Empowerment in meinem Vortrag stark machte, wiesen meine Diskussionspartner darauf hin, das Design auch unterwerfenden und entmündigenden Charakter haben kann. Denn Abschluss machte New York, und in gewisser Weise ging es dort ums Eingemachte. Plötzlich stand das ganze Selbstverständnis von Design zur Debatte. Warum überhaupt noch Gegenstände gestalten, wenn erstens alles digital wird und Design, so der Fokus der Diskussion, für die Gestaltung politisch relevanter Prozesse zuständig ist.

Was nehme ich also mit zurück? Was hat sich aus der Reihe von vier Vorträgen ergeben? War die Kritikmaschine produktiv, oder ist sie ins Stocken geraten? Das Selbstverständnis von Design, so kann man resümieren, befindet sich auch in den USA im Umbruch. Das traditionelle Verständnis eines produktbezogenen Designs befindet sich in der Identitätskrise, wie man sich fruchtbar in komplexere gesellschaftliche Prozesse einbringen kann, ist aber auch noch nicht geklärt. Und so habe ich meine Reise mit der Kritikmaschine als fruchtbare Enttäuschung erlebt. Es wurden erst Erwartungen geweckt, um diese dann zu enttäuschen, wodurch dann Raum für produktive Diskussion entstand. Vielleicht ist genau das der Modus operandi der Kritikmaschine.

Text: Friedrich von Borries (Wikipedia). Die Kritikmaschine ist eine weltweite Diskussionsreihe in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut. Weitere Informationen auf: https://www.goethe.de/de/uun/ver/kri.html

Die nächsten Stationen der Kritikmaschine nach u.a. Moskau, New York, Paris, London und Montevideo sind:
17. November 2016, Prag, Jens-Christian Rabe „Kritik der Kritik“
30. November 2016, Lille, Friedrich von Borries „Ist Design politisch?“

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *