Armin Nassehi & Peter Felixberger: Krisen lieben

In der ersten Ausgabe des Kursbuchs im Murmann Verlag, der Nr. 170, also das Thema »Krisen lieben«. Wir haben Wissenschaftler, Intellektuelle und Publizisten gebeten, die widersprüchliche Differenzierung und Codierung von Krisen aus unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten. Armin Nassehi beginnt mit einer Perspektive auf die moderne Gesellschaft, in welcher der Ausnahmefall längst der Normalfall geworden ist. Die Moderne erlebt sich stets als krisenhaft – und wird dann tatsächlich krisenhaft, wenn sich einfache Lösungen für ihre Krisenbewältigung durchsetzen.

Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer bezeichnet seine Berufskollegen als krisengeschüttelte Hofnarren im System berufsständischer und ökonomischer Zurichtung. Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe betrachtet Wirtschaftskrisen als harmonische Gleichgewichtsstörungen, die weder von Politikern noch von Unternehmern beeinflusst werden können. Der Wirtschaftsphilosoph Gunter Dueck hasst Krisen, weil sie nur jenen Managern in Unternehmen Macht verleihen, die davon profitieren und im unendlichen Regress wieder Krisen produzieren, um davon zu profitieren.
Die Literaturwissenschaftlerin Katja Mellmann identifiziert in ihrem materialreichen Beitrag moderne Krisenerfahrungen geradezu als Movens literarischer Texte. Die Soziologin Jasmin Siri nimmt sich der beklagten Krise der politischen Parteien an und kommt zu dem Ergebnis, dass der Krisendiskurs Parteien geradezu stabilisiert. Der Doyen des deutschen Online-Journalismus Florian Rötzer verfolgt den Widerspruch zwischen einer scheinbar bunten, vielfältig neuen Medienwelt und der zunehmenden Einfalt, Konformität sowie dem Hochjazzen von Verschwörungen und Krisen in den neuen Öffentlichkeiten.

Jedes Kursbuch soll aber weiterhin auch ein Ort der Literatur und Kunst bleiben. In jeder Ausgabe wollen wir Künstler einladen, sich auf unser Thema völlig losgelöst von jeder Heftdramaturgie zu nähern. In dieser Ausgabe sind es die Schriftstellerin Kathrin Röggla, die sich in ihrer Erzählung auf Glanz und Elend ausufernder Krisentagungen einlässt. Und der afrikanische Künstler Romuald Hazoumè, dessen Krisenkanister in einer Bildstrecke abgebildet und von der Soziologin und Kunsthistorikerin Daniela Roth als Perspektive eines Afrikaners auf krisengeschüttelte Europäer beschrieben werden.

Nicht zuletzt beschäftigen wir uns in einer dritten Kontextspur natürlich mit der Neupositionierung und Reformulierung der Kursbuch-Idee. Wir haben deshalb Henning Marmulla eingeladen, seine Erkenntnisse über die Kursbuch-Gründerzeiten aus seinem wunderbaren Buch Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68 im Spiegel des Wiederanfangs 2012 zu wenden. Dietmar Dath wiederum hat die Einladung, die in den 1970ern so kontrovers diskutierten »Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus« von Jürgen Habermas zu spiegeln, »geordnet« zurückgewiesen und fordert stattdessen den Aufbau einer Gesellschaft als selbst legitimierte Gemeinschaft – jenseits hegemonialer Geld- und Machtdisziplinierung.

Wir blicken gespannt darauf, wie das neue Kursbuch aufgenommen wird. Ihnen als Leser wollen wir deshalb die direkte Möglichkeit geben, zu kommentieren, zu reagieren und zu formulieren. (…)

Aus dem Editorial von Armin Nassehi und Peter Felixberger zum Start des Kursbuchs 170 „Krisen lieben“.

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen. Das eBook können Sie hier erwerben. Weitere Texte/Essays aus dem Kursbuch 170.
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