Katja Gasser – Brief einer Leserin (25)

Ich schreibe diesen Leserbrief in einem kleinen Dorf, im Süden Öster­reichs, meiner Herkunftslandschaft. In Ludmannsdorf, einem Dorf an der Grenze, in dem zwei Sprachen koexistieren: Slowenisch und Deutsch. Ich bin aufgewachsen inmitten von Grün. Ich habe dieses Grün als Selbst­verständlichkeit wahrgenommen, als etwas, das ist, weil es so ist, wie es eben ist. Als Gegebenheit. Als nichts, was bedroht werden könnte. Als nichts, was verteidigt werden müsste. Als nichts, was besondere Beach­tung verlangte. Zugleich in dem Gefühl, sehr früh, dass das, was hier als »natürlich« gilt, mich nicht meint, mich einschüchtert, mich in meinem Welt­ und Selbstempfinden mehr bedrängt denn stärkt, mehr ausgrenzt denn eingemeindet. Ilse Aichinger, eine meiner frühen literarischen Lichtgestalten, hat einmal gesagt, dass die Natur dazu da sei, um ge­kontert zu werden. Diese Natur Ilse Aichingers meint das Einverständnis mit der Welt, wie sie sich einem darbietet. Dieses Einverständnis gedeutet als eine Haltung des »Das versteht sich von selbst« oder »Es ist, weil es eben so ist«. Diesem Einverständnis wohnt immer schon et­ was erbarmungslos Nichtrettendes, etwas Menschenzerstörerisches inne. Und weil dem so ist, muss die Natur, in der Aichinger’schen Spielart gedacht, gekontert werden. Das »Natürliche« sei im Grunde »die aller­letzte Schmach«, schrieb Roland Barthes einst in Über mich selbst. Und er führt in diesem Kontext den Begriff der Evidenz ein: Das, was evi­dent sei, sei »gewalttätig«, »auch wenn diese Evidenz sanft, liberal, de­mokratisch vorgestellt wird«.

In einer Art Rhetorik der Evidenz scheint sich mir Wolf Lotter in seinem Beitrag »It’s your economy, stupid« aus dem Kursbuch 197, das sich aus unterschiedlichsten Perspektiven dem Grün widmete, zu ver­ fangen. Diese Rhetorik der postulierten Evidenz führt in Wolf Lotters Text zu einer gegenwärtig durchaus massiv forcierten Denkunschärfe, die unseren politischen Diskurs maßgeblich prägt. Lotter spricht pejo­rativ von »kollektiven Interessen«, inszeniert diese als Gegenspieler von »Selbstbestimmung«, »Selbständigkeit«, »Selbstverantwortung« und »mehr Freiraum für alle« und kommt zu dem Schluss, dass die Grünen nicht zuletzt daran krankten, dass sie nicht entschieden genug an einem »Zivilkapitalismus« arbeiteten, an einer »neuen Ökonomie der Selbst­verantwortung«, die endlich die »alte Tante Kollektiv«, den »deutschen Ungeist der Einheit«, »die ganze autoritäre Grundlage dieser autoritär gebliebenen Kultur« abgestreift hätte. Wolf Lotter markiert den eige­nen Denkansatz als radikal antihierarchischen und emanzipatorischen und meint, damit die ideologisch grundierte Herrschaftstruktur seines eigenen Sprechens verschleiern zu können. Diese ideologisch gegerbte Herrschaftstruktur seines eigenen Sprechens – sie gibt sich unter an­derem darin zu zeigen, dass in ihr, ganz nebenbei, der Begriff der Soli­darität entsorgt wird: Sie, die Solidarität, tritt hier rhetorisch nur mehr als »alte Tante Kollektiv« gewandet auf, die das Individuum samt Vielfalt einschränkt und einengt und »echte Transformation« verhindert. Was aber bedeutet »echte Transformation«? Wem dient etwa das Krankreden eines sozialökonomischen Sicherheitsbedürfnisses von Menschen? Wem nützt die Verachtung von »Verbeamtung«, von der Lotter spricht, und wem die Überhöhung des Freiheitsstrebens des Individuums? Schutz und Hilfe: Kein Mensch kommt ohne sie aus, dafür braucht es keine ökonomische Bildung. […]

Katja Gasser, geb. 1975, ist Leiterin des Literaturressorts im ORF-Fernsehen und Mitglied in unterschiedlichen LiteraturJurys, zuletzt beim Deutschen Buchpreis 2017.